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Periodical volume 22. August 1891, No. 47

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Johann Georg Scheffner. 
Von Julius M. Kuuun. 
(Fortsetzung.) 
Am 21. Juni beantwortet Scheffner ein Schreiben der 
Königin, das sie einigen znrückgesandten Heften der Süvern- 
schenVorlesungen beigelegt, 
welche nunmehr der Mi 
nister Stein zur Durchsicht 
empfangen solle. „Könnt' 
ich nur einmal selber Pro 
fessor Süvern dafür danken", 
heißt es darin u. a., „allein 
ich schäme mich, gerade zu 
Ihnen herausgesagt, meiner 
Unwissenheit." Dann richtet 
sie mit einer hinreißenden 
Einfachheit, Natürlichkeit 
und Unbefangenheit eine 
Reihe von Fragen an 
Scheffner über Ereignisse, 
Worte, ii. s. w., welche 
Süvern berührt, aus denen 
sie sich aber nicht zurecht zu 
finden weiß. Sie habe die 
betreffenden Stellen mit 
Bleistift näher bezeichnet.*) 
Am nächsten Tage erwidert 
Scheffner: „Em. K. M. 
Allergnädigstes Schreiben 
erhielt ich, als ich eben 
mit der Durchsicht der beyl. 
Süwernschen Vorlesungen 
beschäftigt war. Wie wenig 
Recht haben E. K. M. doch 
darüber zu klagen, daß 
Sie nicht Alles verstünden. In den Kunstwörtern und Nahmen 
steckt ja nicht die hohe, nüzliche Weisheit der Geschichte, aber 
wohl in der Erkenntnis des Geistes der Personen und Hand 
lungen, die Einfluß auf die Veränderungen des Menschen 
geschlechts gehabt haben, und die Ihrem Sinne und Gefühl 
so eigen ist, daß 
Sie vermittelst 
derselben Ihren 
herrlichen 
Hang zur 
innern Har 
monie mit Be 
wußtseyn aus 
bilden würden, 
wenn Sie nur 
anhaltend recht 
ernstlich es 
wollten, und 
erst darauf be 
ständen, daß alles was Sie umgiebt durchaus die Augen 
nach innen wenden müßte, bey Strafe Ihr unaussprechlich 
einnehmendes Angesicht nicht mehr zu schauen. 
*) Der Brief befindet sich im Original im Königlichen Staatsarchiv 
zu Königsberg und ist wörtlich abgedruckt in meinem Werke »Luise, Königin 
von Preußen, in ihren Briefen". Berlin, 1888, Seite 123—127. 
Bei vielen selbst wichtigen Entbehrungen ist es viel mög 
licher glücklich zu werden, als beym Zuströhmen aller Genüsse, 
wenn der Geist entfremdet ist oder bleibt von der seeligen 
Kindschaft. die E. K. M. gewiß besitzen, und der Ihrem an 
dächtigen Gebeth für das Wohl Ihrer Königlichen Kinder 
gewis Erhöruiig schaffen 
muß. . . . 
Die Achtsamkeit mit 
der E. K. M. die Hefte 
lesen, wird dem Prof. 
Süvern sehr schmeicheln, 
da er von Natur ein Mann 
ist, dem die Gelehrsamkeit 
keinen nachtheiligen 
Dämpfer auf den Menschen 
verstand setzen konnte, und 
E. K. M. Aeußerilng über 
ihn wird ihm daher gewis 
eine lebhafte Freude be 
reiten. 
Auf viele von E. K. 
M. geistreichen Bemerkun 
gen enthalte ich mich der 
Antwort, die Herzensfülle 
möchte meinem Federstrohm 
zu sehr Überufern lassen. . . 
Die angekreuzte Stelle 
möchte wohl nicht das Zeit 
alter der Ritterzeitblüthe 
betreffen, sondern eine Zeit, 
die nur existiren kann und 
wird unter einer Königin, 
wie E. M., die drirch Ein 
sicht, Muth und Beyspiel 
alles Ihr ähnlich, ädel 
und gemüthlich zu machen gebühren ist. Schade ist es freylich 
um die Griechen- und Römerwelt; da aber E. K. M. sehr 
gut getroffen haben, daß durch zu frei gewordene Gefühle ilnd 
durch ungezügelte Phantasie-Bedürfnisse das glücklichste Zeitalter 
der Germanen aufgelöst sey, so möchte die jezzige Zeit um 
so mehr darnach 
streben, die Ein 
fachheit derGrie- 
chen und die 
Stärke der Rö 
mer sich anzu 
eignen. 
O aller 
gnädigste Köni 
gin, was sind 
Sie für ein 
Schmuk Ihres 
Geschlechts, wie 
Unrecht thun Sie 
Ihrem Geist; diese Versicherung kann ich so wenig zu oft 
wiederholen, als die Versicherung des tiefsten Respekts mit 
dem ich bin u. s. w." 
Am 12. Juli übersandte Scheffner der Königin nebst dem 
Rest der dreiundzwanzig Vorlesungen eine Rechnung über seine 
Westseite bcv Ktostevlrieckfe tu Angorntünde. 
Aus: Bergau, Inventar der Bau- und Kunstdcnkmäler der Provinz Brandenburg. 
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