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Periodical volume 22. August 1891, No. 47

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Der Bäckermeister hatte bisher schweigend zugehört, jetzt 
nahm sein Gesicht einen listigen Ausdruck an, als er nachdenklich 
zu einem Husaren sagte: „Mich dünkt, Ihr wißt in dem öster 
reichischen Lager recht wenig Bescheid. Da ' scheint Ihr Euch 
bei dem Friedrich besser zurecht zu finden. Wie komint denn 
das?" 
Ehe noch der angeredete Soldat Antwort geben konnte, 
hatte schon Karl Rentiert das Wort ergriffen. 
„Wie das kommt?" fragte er. „Ganz einfach. Wir werden 
schon seit einem halben Jahr als Stafetten und Patrouillen 
verwandt und sind bald hier und bald dort. Wenn man 
täglich neues sieht und erfährt, so verwischt sich das Erlebte, 
und man achtet nicht mehr genau auf die Einzelheiten." 
„Wenn ich mich übrigens nicht irre," fuhr Jörgen Polenz 
fort, „so steht Euer Regiment eigentlich in Schlesien. Was 
macht Ihr deshalb hier?" 
„Ich sagte es Euch schon. Eine Schwadron von uns ist 
zum persönlichen Meldedienst des Feldmarschalls abkommandiert." 
„So, so." 
Der Bäckermeister stand auf und schritt zu der Thür hin 
aus, die auf den Hof führte. 
Als er fortgegangen war, mischte sich der Wirt in die 
Unterhaltung. 
„Werdet Ihr heute Nacht hier bleiben?" fragte er. 
„Nein, wir müssen weiter." 
„Mit den Truppen, die, wie Ihr sagtet, nach Chemnitz 
maschieren?" 
In diesem Augenblick trat ein gallonierter Diener in die 
Gaststube. „Seine Durchlaucht," sagte er zu dem Wirt, 
„lassen fragen, ob Ihr ihn ftir morgen einen Wagen stellen 
könnt. Der Fuß ist noch derartig geschwollen, daß er auf 
keinen Fall reiten kann. Er hat das Oberkommando abgetreten 
und schon seinen Stab nach Chemttitz abgeschickt." 
„Einen Wagen kann der Prinz haben, er steht in meiner 
Scheune." antwortete der Wirt behäbig. „Er wird morgen 
in aller Frühe bereit stehen, dafür übernehme ich die Bürgschaft. 
Also alles ist schon fort? Und dann bleibt nur Ihr bei Durch 
laucht?" fragte er den Bedienten nach einer kurzen Pause. 
„Jawohl. Die Truppeit sind auch bereits abmarschiert 
bis auf einen Zug Dragoner, der in der Vorstadt liegt und 
morgen Durchlaucht begleiten soll." 
„So. Nun, also der Wagen wird pünktlich auf dem 
Platze sein." 
Mit eiitem Gniß entfernte sich der Diener. 
Während er aus dem Zimmer schritt, trat Jörgen Polenz 
ein und nahm wieder an dem Stammtisch seinen Sitz ein. 
„Vater," redete er den Wirt an, „wo bleibt denn die 
Marie?" 
Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es den Sergeanten. 
„Sie wirtschaftet noch in der Küche herum," antwortete 
der Gefragte. „Ich wundere mich auch, daß sie sich noch nicht 
sehen läßt. Du weißt ja, sie hat nun einmal ihren eigenen 
Kopf." 
In der Britst des Bäckermeisters mußten diese Worte 
einen lebhaften Wiederhall finden, denn von seinen zusammen 
gekniffenen, schmalen Lippen rang sich ein tiefer Seufzer. 
„Marie!" rief der Wirt nach dem Schenktisch gewandt. 
„Gleich Vater!" erscholl die Antwort zurück. . 
Der Ruf war kaum verklungen, als Marie die Gaststube 
betrat. 
„Was giebt's?" fragte sie kurz. 
„Es sind Soldaten da, willst Du sie nicht begrüßen?" 
„Grüß Gott!" 
Ohne einen Blick auf die Gäste zu werfen, machte sie 
sich sofort mit den Krügen und Flaschen zu schaffen. 
Bei dem Eintritt der Geliebten flog ein jähes Rot über 
Karl Rennerts Gesicht. Er mußte alle seine Kraft zusammen 
raffen, um die Erregung, die ihn ergriff, zu bemeistern. Sie 
war blasser geworden, die Marie, ihre früher so lustigen Augen 
sahen träumerisch und abgespannt in die Welt und ihr ehemals 
elastischer Gang war matt und schleppend geworden. 
„Es ist wohl die junge Frau?" fragte endlich der Sergeant 
zögernd zu Jörgen Polenz gekehrt. 
„Noch nicht, aber bald wird's so sein," antwortete dieser 
schmunzelnd. „Nicht war, Marie?" 
„Meister, Ihr sollt Eure überflüssigen Bemerkungen 
lassen," gab die Gefragte hart zur Antwort. „Ich dächte, 
Ihr kenntet meine Ansicht zur Genüge." 
Der Bäckermeister schaute betroffen vor sich hin. 
„Marie," versetzte der Wirt, um den unangenehmen 
Eindruck zu verwischen, den die Abweisung bei Jörgen Polenz 
hervorgebracht hatte, „bring' den Husaren Abendbrot. Sie 
werden's vertragen können." 
Das Mädchen ging in die Küche und kehrte bald mit 
einigen Tellern voll Brot und Fleisch zurück. 
„Nun, Soldaten, laßt's Euch schmecken! Ihr sollt bei 
mir zu Gaste sein!" sagte Vater Rathke einladend imd schob 
den Husaren die Teller hin. 
Jörgen Polenz winkte dem Wirt zu und erhob sich; 
letzterer folgte dem Bäcker in eine Fensternische. 
Die Soldaten ließen sich ihr Abendbrot gut schmecken. 
Anscheiitend in die Dunkelheit hinausblickend, begattn Jörgen 
Polenz leise zu dem Wirt zu flüstern. „Vater," raunte er 
ihm zu, „es ist nicht geheuer mit den Husaren." 
„Wieso?" 
„Ich war im Stall und habe ihre Satteltaschen unter 
sucht." 
„Ihre Satteltaschen?" 
„Ja. Und da hab' ich in der einen ein preußisches 
Gebetsbuch und in der anderen ein preußisches Löhnungsbuch 
gefunden." 
„Potz Blitz." 
„Und ihre Karabiner habe ich mir auch genau angesehen. 
Das ist entschieden nicht das Kaliber der Oesterreicher." 
„Was Du sagst?" 
„Bescheid über die Verhältnisse wissen sie auch nicht." 
„Das ist richtig." 
„Weißt Du, Vater, die Stimme des Bärtigen erinnert 
mich an jemand." 
„An wen?" 
„An Karl Rennert." 
„Nicht möglich." 
„Bestimmt." 
„Aber wer könnten sie sein?" 
„Spione in österreichischer Uniform. Der Fall ist schon 
öfters dagewesen." 
„Du wirst Dich irren."
        
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