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Periodical volume 22. August 1891, No. 47

Full text: Der Bär Issue 17.1891

Unter Nlitwirkung 
Dr. R- Köringuiev, vr. K. Drendicke, Theodsr Fontane, Stadtrat G. Friedet 
Symnafialdirektor Dr. M. Krtswart? und Grnst von Mitdondrurti 
herausgegeben von 
Friedr. DiUesson und Ricard George. 
XVII. ! Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin X., Schönhauser Allee >41, — j 
Jahrgang. Jj Ferniprechstelle lila, 8^60), sowie durch alle Postanstalten (No. 70g), Buchhandlungen und Zeitungsspeditionen für 
M 47. Jj Q !Nk. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
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1881. 
Hein Urrümort. 
Bon Theo Soelrnann. 
(Fortsetzung.) 
ÄMei der Nennung der Wohnung des Prinzen hatte sich 
$*** in der Brust Karl Rennerts Freude und Schmerz ver- 
niischt. Denn obgleich er sich freute, nun aus erster Hand seine 
Erkundigungen schöpfen ztl dürfen, so durchzog ihn doch auch 
bei dem Gedanken, daß er der Geliebten als der Frau von 
Jörgen Polenz begegnen könne, eine schmerzliche Wehmut. 
Ein Wiederkennen brauchte er zwar nicht zu befürchten, da 
für sorgten der Bart, die Uniform und die beiden durchlebten 
Kriegsjahre, aber auch unerkannt mußte die Gewißheit über 
den Verlust der Geliebten sein Innerstes aufs tiefste er 
schüttern. 
Bald ritten die Husaren in den Hof des Gasthauses ein 
und sprangen aus den Sätteln. 
„Wo ist die Wohnung des Prinzen?" fragte Karl Rennert 
einen Knecht, der über den Hof schritt. 
„Eine Treppe hoch!" 
„Wartet hier, bis ich wieder unten bin!" versetzte der 
Sergeant darauf zu den Husaren und betrat den Hausflur. 
Dann stieg er die Treppe empor. 
Nach kurzer Zeit stand er wieder vor seinen Begleitern, 
die gespannt, den Karabiner in der Hand, auf jedes verdäch 
tige Geräusch gelaitschl und erwartungsvoll seiner Rückkehr 
entgegengesehen hatten. 
Er atmete doch erleichtert auf, als er wieder das Pflaster 
des Hofes unter seinen Füßen fühlte. „Der Prinz wird 
augenblicklich den Befehl zum Abmarsch geben, aber selbst 
noch bis morgen hier bleiben, da er sich durch einen Fall den 
Fuß gebrochen hat imd sich Ruhe gönnen muß. Jungens," 
fuhr er geheimnisvoll fort, „wenn es geht, so führen wir noch 
ein braves Reiterstücklein aus. Doch jetzt in die Gaststube." ! 
Die Soldaten brachten ihre Pferde in die Ställe und 
betraten dann, von dem Sergeanten geführt, das Schankzimmer. 
Fast noch genau dieselben Gäste waren um den Stamm 
tisch versammelt, wie sie sich regelmäßig vor zwei Jahren ein 
zufinden pflegten, aber, obgleich den Sergeanten alle interessierten, 
so hefteten sich seine Augen doch vornehmlich auf Jörgen 
Polenz und den Wirt, die ebenfalls am Tisch saßen. 
Der Bäckermeister sah noch heimtückischer und verbissener 
ails als früher, aber auch Vater Rathke hatte sich verändert. 
Seine Gesichtsfarbe war nicht mehr so frisch, und um den 
Mund hatten sich ein paar tiefe, sorgenvolle Falten gelegt. 
Nur von Marie war keine Spur zu entdecken. 
„Grüß Gott," sagte der Wirt, indem er bei dem Eintritt 
der Soldaten aufstand und ihnen entgegenging. „Ich habe 
bereits von dem Knecht Eure Ankunft erfahren. Habt Ihr 
schon die Pferde untergebracht? Schön, dann soll's an Fütterung 
nicht mangeln. Seid willkommen und nehmt Platz!" 
Bereitwillig folgten die Husaren der Einladung. Unter 
den Zechenden entspann sich bald ein lebhaftes Gespräch. Die 
Husaren fragten nach den Geschicken, die Borna während des 
Krieges betroffen hatten, erkundigten sich beiläufig nach den 
Truppen, die in Stadt und Umgegend lagen, und mußten dafür 
von den Abenteuern berichten. die sie in Kampf und Gefahr 
erlebt halten. 
Karl Rennerr hatte während der Unterhaltung wiederholt 
seine Blicke nach dem Schenktisch schwelfen lassen, als erwartete 
er, daß die Geliebte erscheinen würde, aber immer wieder 
waren seine Augen enttäuscht zu Jörgen Polenz und Vater 
Rathke zurückgekehrt. War sie nicht im Vaterhaus, oder weilte 
sie überhaupt nicht mehr unter den Lebenden? 
Den Sergeanten überflog ein kalter Schauer.
        
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