Path:
Periodical volume 15. August 1891, No. 46

Full text: Der Bär Issue 17.1891

583 S- 
Das ganze Kollegium fühlte sich darob höchlich gekränkt — ! 
Wer. wenn nicht sie, solle denn die Steuern erheben, mittelst 
derer die Beamten, das Heer und schließlich der König selbst 
bezahlt würden! Scheffner machte den Vorschlag, man möge 
den König uni eine Ehren-Erklärung angehen, mit der Begrün 
dung, Militär-Ehre und Zivil-Ehre seien einerlei Empfindungen 
und Seine Majestät würden doch jedenfalls eine ähnliche Ver 
letzung der Soldaten-Ehre für höchst dieustschädlich hallen. 
Aber Direktor und Oberpräsidem der Behörde erklärten sich 
mit dem Vorschlage nicht einverstanden — sie schwiegen. Scheffner 
jedoch, kurz entschlossen, reichte sein Abschiedsgesuch beim König 
ein. Neben Anführung seiner dem Staate geleisteten treuen 
Dienste hob er noch besonders hervor, daß er als Soldat und 
Zivilbeamter sein ererbtes Vermögen sowie seine Gesundheit 
zugesetzt; in Anbetracht dessen bäte er um eine kleine Pension 
von etiva zweihundert Thaler. 
Der Abschied wurde ihm zwar unterm 9. Februar 1775 
beivilligt, aber keine Pension. An den Rand von Scheffners 
Eingabe batte der König eigenhändig geschrieben: „Mrhr Miste 
der Dsulsl plagen, das ich en Kriegsraht pension gebe, da 
noch So vihl brav officiers ohne verSorgt Sepndt, die 200 
Thlr. wehre en Invaliden officier zu verw.silligen.) Frch." 
In der Nähe von Danzig erwarb Scheffner, dem in 
zwischen mehrere nicht unbedeutende Erbschaften zugefallen, nun 
ein kleines Landgut, das er mit seiner Gattin Babette bis 
zniit Frühjahr 1792 bewirtschaftete. Dann aber wurde er 
dieser Thätigkeit überdrüssig; er veräußerte sein Gut und kaufte 
sich in seiner Vaterstadt Königsberg an. Im geselligen Ver 
kehr mit gleichgesinnten Freunden hoffte er hier sein ferneres 
Leben zu verbringen. Kant, Kleist, Hippel, Deutsch, 
der damalige Oberpräsident und nachmalige Minister von 
Schrötter, der Laudhofmeister von Auersivald, der Ober- 
Konsistorialrat Borowski und noch manche andere geistvolle 
Männer bildeten Scheffners Umgang. 
Der abschlägliche Bescheid seines trotz alledem hochverehrte» 
Königs hatte Scheffners Treue zum angestammten Herrscher- 
hause, seine Vaterlandsliebe und sein oft bethätigtes Interesse 
für das Gemeinwohl tiicht zu mindern vermocht. Als daher 
die Anlage eines botanischen Gartens für Zwecke der Univer- 
sität immer dringender erschien, jedoch mangels eines ge 
eigneten Grundstücks sowie auch der dafür aufzuwendenden 
Kosten gleichwohl nicht ausgeführt werden konnte, erbot sich 
Scheffner im Frühjahr 1806 gegen Friedrich Wilhelm III. 
— den dritten König, den er auf dem Thron gesehen — sein 
Besitztum. Haus, Hof und Garten, das ihm über zwölfrausend 
Thaler gekostet hatte, dem Staate zu überlassen für eine „Leib 
rente auf vier Aligen von siebenhundert Thaler jährlich." 
Scheffner zählte damals siebenzig Jahre, seine Gattin drei 
Jahre mehr, Kinder hatte das Ehepaar niemals gehabt. „Ta 
also die reellsten Vortheile auf Seite des Acquirinen waren," 
schreibt Scheffner, „so wurde mein Anerbieten durch eine Ka- 
binetsordre vom 20. September 1806, also kurz vor dem 
Aucrstädter Schlage, genehmigt und mir das Wohnen bis Ostern 
1807 gestattet." 
Am 9. Juli 1807 war der Friede von Tilsit*) ge 
*i Wir wollen an dieser Stelle das wenig bekannte aber sehr Herren 
gehende Manifest wiedergeben, das König Friedrich Wilhelm III. unterm 
24. Juli desselben Jahres an die Bewohner der abgetretenen Provinzen 
richtete. Es lautet: 
„Ihr kennt, geliebte Bewohner treuer Provinzen, Gebiete und Städte, 
schlossen worden, aber noch trafen die Franzosen keine An 
stalten, Königsberg zu räumen. Scheffner, welcher mit dem 
Hofe vielfache Verbindungen unterhielt, wagte es daher unterm 
21. November an die Königm schriftlich die Bitte zu richten, 
doch baldigst nach Königsberg zurückzukehren. Prinz Friedrich 
von Hohenzollern-Hechingen übernahm es, der Königin den Brief 
zu bchäudigen. 
„In velschiedcuen Briefen eitles Strelitzer Graukopfes", 
heißt es im Verlaufe dieses vier Ouartseilen langen Schreibens, 
„hab ich Sie den Engel nennen gehört. Sollte es diesem 
Engelthum gefährden, wenn Sie sich wieder zur Bewohnung 
der alten Burg eutschlössen, in der der erste preußische König 
geboren wurde? Sollte es nicht vielmehr löblich und billig 
sein, ein (durch die Franzosen) mißbrauchtes Heiligthum durch 
rechtlichen Gebrauch wieder zu heiligen? Ziehen Ew. König 
liche Majestät also zu uns zurück, sollt es Ihnen auch persön 
lich ein wenig sauer werden. Meine lauge Bekanulschaft mit 
dem Landesdienst und meine unauslöschliche Liebe zu ihm er 
lauben mir nicht, die Nachtseite zu verkennen oder zu ver 
hehlen, die für die Regierungsgeschäfte aus dem Aufenthalt 
auf der äußersten Reichsspitze erwachsen. Welch' ein Heil 
würde dem Lande widerfahren, wenn zufolge der Meinung, 
daß das Böse gern die nahe Nachbarschaft des Guten ver 
meidet, durch Ew. Königlichen Majestät Etablirung in unserer 
Stadt die Franzosen zum Weiterziehen genöthigt würden, da 
ohne dieses nichts zum wahren Landesbesten angefangen, viel 
iveniger vollendet werden kann. O, entschlösse sich doch der 
König ein: „Hebe dich weg u. s. w." von der Zinne unseres 
alten Schlosses auszusprechen. 
Gern fiel ich Ew. König!. Majestät zu Füßen und 
stünde nicht eher ans, bevor nicht der Befehl zur Herreise er 
theilt wäre, die eine Hauptvorkehrung zum Ersatz des wahrlich 
im Belagerungszustände sich befindenden Preußens sein würde. 
Verzeihen Ew. König!. Majestät meinem hohen Alter 
die Dreistigkeit, mit der ich mein Befremden bekenne, daß ein 
so kindlich reines, kluges, jeden gewinnendes Gesicht, wie Ihr 
Königliches ist, nicht alles von Ihnen entfernt, was der Rein 
heit, Klugheit und Wahrheit nicht zuspricht oder von ihren 
thätigen Aeußerungen abhält!" 
Am Schlüsse wiederholt Scheffner seine Bitte in poetischer 
Form: 
„O Königin, geliebte Königin, 
Willst Du nicht auch, daß in den Zeitgeschichten, 
Die Ruhmverlust und Ruhmgewinn 
Den Fürsten nach Gebühr entrichten, 
Von Preußens schönster Königin 
Die Kindeskinder jubelnd lesen. 
Sie sei an äußerm Reiz Marien gleich gewesen 
Meine Gesinnungen und die Begebenheiten des letzten Jahres! Meine 
Waffen erlagen dem Unglück: die Anstrengungen des letzten Restes Meiner 
Armee waren vergeben». Zurückgedrängt an die äußersten Grenzen des 
Reicher, und nachdem Mein mächtiger BundeSgenosie selbst zum Wasfen- 
stiustanv und Frieden sich genöthigt gesehen, blieb Mir nicht« übrig, als 
dem Lande Ruhe nach der Roth des Krieges zu wünschen. Der Friede 
mußte so, wie ihn die Umstände vorschrieben, abgeschlossen werden! Er legte 
Mir und Meinem Hause, er legte dem Lande selbst die schmerzlichsten Opfer 
aus: war Jahrhunderte und biedere Vorfahren, was Verträge, was Liebe 
und Vertrauen verbunden hatten, mußte getrennt werden. Meine und der 
Mcinigen Bemühungen waren fruchtlos! Das Schicksal gebietet, der Vater 
scheidet von seinen Kindern! Ich entlafle Euch aller Unterthanen-Pflicht gegen 
Mich und Mein Haus. Unsere heißesten Wünsche für Euer Wohl begleiten 
Euch zu Eurem neuen Landesherrn; seid Ihm, was Ihr Mir wäret! Euer 
Andenken kann kein Schicksal, keine Macht aus Meinem und der Meinigcn 
Herzen reißen. Friedrich Wilhelm."
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.