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Periodical volume 15. August 1891, No. 46

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Halter und Verweser des röniischeil Reiches in deutschen Landen" 
fern weilte, traf Anfang März 1420 an der mecklenburgischen 
Grenze ein, nahm die zwei wichtigsten Festungen daselbst, 
Gorlosen und Dömitz, eilte von da in die Uckermark und er 
schien am 21. März vor Angermünde, welches Hauptmann 
von Briefen befehligte. Der Kurfürst befahl, die Stadt ohne 
Zeitverlust zu stürmen. Die Bürger, froh, die verhaßte Herr 
schaft der Pommern abzuschütteln, öffneten dem Fürsten die 
Thore. Die pommersche Besatzung warf sich in das feste Schloß 
vor dem Kerkower Thor; Casimir und Otto von Pommern 
eilten zum Ersätze herbei, wurden jedoch von Friedrich I. am 
27. März 1420 geschlagen. Der Eindruck dieses Sieges war 
ein gewaltiger; die Verbündeten erklärten sich sofort zum 
Friedensschluß bereit, und Fried 
rich I. konnte sich nunmehr der 
Aufgabe zuwenden, eingeordnetes 
Staatswesen zu gründen und der 
erschöpften Mark die Segnungen 
eines solchen zu teil werden zu 
lassen. 
Zum erstenmal hatte sich in 
Angermünde, an welchem die 
Weltgeschichte sonst spurlos vor 
übergehen sollte, ein welthisto 
risches Ereignis vollzogen. Anger 
münde wurde brandenburgisch und 
teilte von nun die Schicksale der 
brandenburgisch-preußischen Mon 
archie. Seine fernere Geschichte 
ist dürftig an Ereignissen von 
allgemeinerem Interesse, doch 
mehr als reich an Drangsalen 
aller Art. Schon 1429 standen 
die Hussiten vor den Thoren der 
früher stark befestigten Stadt, 
nahmen sie und bedrückten die 
Bewohner hart. Entsetzlich hatte 
Angermünde im dreißigjährigen 
Kriege unter den durchmarschie 
renden Truppen zu leiden. Am 
25. Juni 1628 berührte Wallen 
stein Angermünde, in dem da 
mals nur 160 Feuerstellen vor 
handen waren. Es war der 
Stadt nicht möglich, die ihr 
auferlegten Kontributionen auf 
zubringen, die Bürger ließen aus Verzweiflung ihre Häuser 
stehen und gingen davon. 1629 lag das Piccolominische 
Regiment mit 1000 Mann und Pferden in Angermünde 
und wirtschaftete daselbst so „henkermäßig", daß bei seinem 
Fortgange nur noch 100 Hofwirte vorhanden waren. Es 
muß damals gerade zu entsetzliches Elend in Angermünde 
geherrscht haben. Bezeichnend dafür ist die Schilderung in den 
Magistrats-Akten, in welchen es von den Bürgern heißt, daß 
sie „die Stunde ihrer Geburt verfluchen, daß sie solch Elend 
und Greuel anschauen müssen." Dazu wütete die Pest in ent 
setzlicher Weise in Angermünde, und wer ihr, den Flammen 
und den Händen entnienschter Soldaten entging, floh aus der 
Stadt, in welcher 1647 nur 20 blutarme Bürger existierten. 
In dieser liefen Not erstand Brandenburg und Anger 
münde ein Retter in Friedrich Wilhelm, dem Großen Kur 
fürsten. Der Uckermark, die im dreißigjährigen Kriege fast ent 
völkert worden war, wandte er seine besondere Fürsorge zu. Nach 
dem Ordnung und Sicherheit wiederhergestellt waren, kehrte 
mancher, der seine Behausung in Angermünde verlassen hatte, 
nach der Vaterstadt zurück, wo sich auch wieder neue Ansiedler 
niederließen. 1675 hatte Angermünde vorübergehend unter 
den Durchzügen der Schweden zu leiden; 1678 besuchte der 
Große Kurfürst das wieder aufblühende Landstädtchen, dem er 
1687 eine besondere Wohlthat dadurch erwies, daß er eine 
Anzahl Rsfugiss-Familien hier ansiedelte, welche eine größere 
geistige Regsamkeit in das abgelegene Städtchen brachten, dessen 
Bewohner sich bisher fast aus 
schließlich mit Ackerbau und Vieh 
zucht beschäftigt hatten. Die 
Nachkominen jener Einwanderer 
bilden noch heutziltage die fran 
zösisch-reformierte Gemeinde in 
Angermünde. 
Auch das 18. Jahrhundert 
brachte der Stadt viele Drang 
sale. Am 19. Februar 1731 
zerstörte eine Feuersbrunst 110 
Häuser. Im siebenjährigen Kriege 
hatte Angermünde wieder unter 
zahlreichen Durchmärschen und 
Brandschatzungen zu leiden; so 
1757 von den Schweden, 1758 
und 1760 von den Russen. Nach 
der Katastrophe von Jena und 
Anerstädt widerfuhr Angermünde, 
welches an der alten Heerstraße 
von Berlin nach Stettin liegt, das 
selbe Schicksal. Im Jahre 1806 
kamen allein 180 000 Mann, 
4417 Offiziere durch Angermünde, 
welche von dem Städtchen 30000 
Thaler erpreßten. Am 18. Ok 
tober dieses Trauerjahres berührte 
auch die Königin Luise anfihrer 
Flucht nach dem Osten der Mon 
archie Angermünde. Der Käm 
merer Jonas empfing sie vor 
dem Posthause, und unter vielen 
Thränen teilte sie das geschehene 
große Unglück mit, tröstete die mitweinenden Personen und 
sagte, sie sollten auf Gott vertrauen, der die Gebeugten wieder 
erheben würde. Auf die Frage, wo Se. Majestät der König 
sich aufhalle, antwortete die Königin, daß sie dies leider selbst 
nicht wisse. Nachdem sie und ihre Schwester, die Frau Prin 
zessin von Solms, einige Erfrischungen entgegen genommen 
hatten, dankte sie derselben und verließ die Umstehenden in 
großer Rührung, um ihre Flucht fortzusetzen. — 
Bei diesen zahlreichen Drangsalen, bei dieser vielfachen 
Heimsuchung von fremden Kriegsvölkern ist es überraschend, 
daß Angermünde noch verhältnismäßig zahlreiche Denk 
mäler mittelalterlicher Baukunst aufzuweisen hat. Der Glanz 
punkt derselben, die schöne Pfarrkirche St. Marien. 
Inneres der Ptfnrrlnrriie St. Marien 
jtt Anger nrnndo. 
Nach einer photographischen Aufnahme von A. Lorentz in Angermünde.
        
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