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Periodical volume 1. November 1890, No. 5

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Befehl und mit Vorwissen des Herrn Kapitäns von Martigni) 
geschehen sein. Dian nahm meine Bürgschaft nicht an. Jetzt 
erwarte ich Ihre Erklärung, Herr Kapitän! Genügt sie nicht, 
so kehre ich unverzüglich um und fahre nach Berlin, meine 
Beschwerde dort anzubringen." 
„Ich weist von der Sache nichts," antwortete Marligny, der 
sich inzwischen gesammelt. „Wann ist die Verhaftung geschehen?" 
„Gestern. Man brachte den Major in die Festung, als 
ich dorr eintraf." 
„Ich rverde sofort Recherchen befehlen," sagte der Kapitän. 
„Seien Sie überzeugt, Herr Graf, das; ich immer strenge Ge 
rechtigkeit übe; daß ich aber in diesem Falle, um dem Bruder 
meiner Braut gefällig zu sein, mehr thun und für den 
Major, wenn er seine Verhaftung verschuldet hat, Fürsprache 
einlegen werde. Ich weist, wie gesagt, noch nichts von der 
Sache, aber der Major ist Postmeister und kann als solcher 
nicht mit der Rücksicht behandelt werden, die man einem alten 
Offizier gewähren würde. Er ist heftig, ich habe schon viel 
fache Klagen gehört; vielleicht hat er einen kaiserlichen Be 
amten beleidigt oder ihm den Gehorsam verweigert, dann ist 
die Verhaftung erklärt. Ich werde sogleich persönlich Erknn- 
dignngen einziehen." 
Damit erhob sich der Kapitän; Arthur machte Miene, 
ihm zu folgen. „Du bleibst!" heischte Wedehlen mit Unmut. 
„Wenn Du in der ersten Stunde des Wiedersehens nach 
langer Trennung mehr Gedanken für die Leute im Posthause 
als für Deine Angehörigen hast, so schäme Dich wenigstens, 
das der Dienerschaft zu zeigen." 
„Die Not der Unglücklichen, die Empörung über rohe 
Gewalt müssen mich entschuldigen, Vater," antwortete Arthur. 
„Ich kann unmöglich das elterliche Hans mit frohen Gefühlen 
betreten, wenn ich im Kreise meiner Familie jemand finde, 
der nicht nur das Kleid der Feinde des Vaterlandes trägt, 
sondern von dem ich auch argwöhnen muß, daß er den Vater 
meines Freundes, des Jugendgespielen Wlaskas, mit roher 
Hand angetastet." 
„Du hast gehört, daß wir alle von der Sache nichts 
geivnßt. Dein Jugendfreund hat sich itichl bemüht, sich die 
Gönnerschaft zu erhalten, die ich dem Postmeister und seiner 
Familie geschenkt. Die Leute fügen sich nicht den Verhält 
nissen, wie Marlignp Dir schon gesagt; da können die üblen 
Folgen nicht ausbleiben." 
„Es giebt Verhältnisse, in welche sich zu fügen einem 
Manne von Ehre schwer fällt," entgegnete Arthur, aber er 
brach das Gespräch ab, um sich die Stunde des Wiedersehens 
mit seiner Familie nicht noch mehr zu verbittern; er sah. daß 
es hier schlimmer stand, als er gefürchtet. 
IV. 
Die Ueberzeugung, daß im Grunde hauptsächlich jene 
Demoralisation, welche zuerst die höheren Stände, dann aber 
das ganze Volk ergriffen, die Niederlage Preußens verschulde, 
hatte sich überall Bahn gebrochen; man kam in den leitenden 
Kreisen zur Erkenntnis der Fehler, über welche einsichtige 
Männer bisher vergebens geklagl hatten. Anstatt tüchtige Offiziere 
heranzubilden, hatte man die Armee als Versorgnngsanstalt 
für den Adel angesehen; jetzt erliest der König aus Ortels- 
burg eine Kabinettsordre, nach welcher der bürgerliche Soldat 
ebensogut avaneieren solle, wie der adelig geborene. Man 
erkannte ferner, daß mau sich dem Gedanken einer deutschen 
Zusammengehörigkeit hingeben müsse, vor alleni aber, daß eine 
tiefe sittliche und religiöse Auffrischung des Volksgeistes not 
wendig sei. „Es wird mir immer klarer," schrieb die Königin 
Luise, „daß alles so kommen mußte, ivie es gekommen ist. 
Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände 
ein, und es soll eine andere Ordnung der Dinge weiden, da 
die alte sich überlebt hat und in sich selbst als abgestorben 
zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren 
Friedrichs des Großen, der, der Herr eines neuen Jahrhun 
derts, eine nette Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fort 
geschritten, deshalb überflügelt sie uns." 
Arthur von Wedehlen hatte schon in früher Jugend Wiß 
begierde und Neigung zu ernsten Studien gezeigt; er schloß 
sich auf der Hochschule strebsamen Jünglingen an, und, war er 
von jeher dem Hochmut des Geburtsstolzes fremd geblieben; 
so erkannte er, je mehr er das wirkliche Leben kennen lernte, 
welchen Druck die Vorrechte des Adels ausübten, welcher 
Hemmschuh für das Emporkommen der besten und strebsamsten 
Kräfte in ihnen gegeben war. 
Durch seinen Verkehr im Hanse des Majors von Braun 
tvar in ihm ein patriotisches Gefühl erweckt worden, welches 
in seinem elterlichen Hanse, wo man noch von der allen 
Herrlichkeit des reichsunmittelbaren Adels träumte, fehlte; 
die innigsten Bande der Freundschaft vereinten ihn mit Otto. 
Arthur fehlten die körperlichen Eigenschaften, um Soldat werden 
zu können; trotz seiner geistigen Richtung schwärmte er für 
diesen Stand, aber er gab sich den Studien hin, weil seine 
schwächliche Konstitution ihm nicht gestattete, sich den Strapazen 
auszusetzen, die der militärische Dienst forderte. Neid ohne 
Mißgunst erfüllte sein Herz bei dem Anblick des kräftigen, in 
blühender Gesundheit strotzendeit Freundes; er hätte alles, 
was ihm das Schicksal in die Wiege gelegt, gern dafür hin 
gegeben, der Fahne folgen und sich Ruhm in der Schlacht 
erobern zu können. 
Die Kunde von den Niederlagen der Armee traf ihn, 
als habe er die Schande mit verschuldet, als müsse auch er 
darüber erröten. Er befand sich in Berlin, als der Gouver 
neur der Stadt, Graf Schulenburg, mit den Worten „Ruhe 
ist die erste Bürgerpflicht" die Stadt zur Unterwerfung er 
mahnte und sich dann flüchtete. Das Regiment Massenas in 
seinen grünen Uniformen rückte zuerst in die Stadt; am 26. 
Oktober verkündete der Donner der Kanonen die Ankilnft des 
Kaises. Mameluken, schwarze Gestalten in langem roten Ge 
wand mit blauem Spenzer, den rot und weißen Turban auf 
den schwarzen Locken, Dolch und Türkensäbel an der Seite, 
ritten voran auf feurigen Rossen edler arabischer Zucht; dann 
kam die Garde gu Pferd in grünen, goldgestickten Uniformen, 
Lanciers in Scharlach und Silber, endlich der Kaiser selbst. 
Mitten unter den von Gold und Silber strotzenden Uni 
formen der Marschälle ritt der kleine, einfach gekleidete Mann. 
Die Haltung Napoleons hatte etwas Imponierendes, Hart 
näckiges, der Teint des Gesichts war olivenfarbig, die ganze 
Erscheinung kalt und finster. Seine Augen waren nicht feurig, 
aber in steter Bewegung, der Blick durchdringend, aber ohne 
Anmut, es lag eine trotzige Energie in diesen marmorkalten 
Zügen. So hielt Napoleon I. unter der Siegesgöttin, die noch 
ans dem Brandenburger Thore stand, und sagte: „Berlin hat 
den Krieg gewollt — jetzt habt Ihr ihn."
        
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