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Periodical volume 1. August 1891, No. 44

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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der Reimert," mischte sich Meister Polenz in das Gespräch. 
„Wie hat der Gerbergesell' wieder gestern Abend hier geredet 
und geprahlt! Und wie er bei seinen Großsprechereien neben 
her spötteln und schüren kann," fuhr er lauernd fort und 
richtete seine Augen forschend auf die rotstrahlende Nasenspitze 
des Wirtes. 
Vater Ralhke sah seinem Gegenüber zornfunkelnd ins Ge 
sicht und sagte dumpf: „Noch ein Wort hätte er zu sagen 
brauchen, und er wußte, wo die Thür war." 
„Nun, mit Eurem zukünftigen Schwiegersohn werdet Ihr 
doch zarter umgehen," antwortete der Rothaarige boshaft. 
„Schwiegersohn? Soweit ist es noch lange nicht!" 
„Da kann man also noch Hoffnung haben? Das ist ja 
erfreulich. Der Bescheid ist noch einen Krug wert. Jungfer 
Marie, noch einen Krug." 
Das Mädchen brachte alsbald das verlangte Bier. 
„Ich danke Euch schön, Jungfer Rathke," lispelte Meister 
Polenz schmeichelnd und hielt die Hand des Mädchens fest. 
„Nicht doch!" stieß die Augeredele hervor und zog die 
Hand weg. 
„Aber wer wird denn gleich so barsch sein, Jungfer? 
Darf man denn nicht ein wenig in Ehren vertraulich sein?" 
„Nein. Dasselbe Recht wie Ihr hat auch ein jeder andere 
Gast und, wenn sich alle gleiche Vertraulichkeiten gestatten 
wollten, da wär's wahrhaftig nicht zum auskommen." 
Sich kurz abwendend ging sie zur Thür. 
„Aber ein Gast darf's sich doch wohl gestatten?" rief ihr 
der Bäcker höhnisch nach. „Was meint Ihr, Jungfer, zu dem 
Brandenburger, dem Karl Rennert?" 
Ohne auf die Worte des Geifernden zu achten, öffnete 
Jungfer Rathke die Thür. Auf der Schwelle stehend rief sie 
noch zurück: „Ich gehe in den Garten, Vater." 
Dann sprang sie davon. 
Mit raschen Schritten eilte sie durch das Gartengrundstück, 
das hinter dem Hause lag und an einen Pfad grenzte, der 
hinter den Gärten der Hausbesitzer entlang führte. 
Die morsche Gartenthür stand offen. Den Weg hinauf 
spähend, trat das Mädchen aus dem Garten. Ein leiser Seufzer 
rang sich von den Lippen der Wirtstochter und, während 
plötzlich ein schwermütiger Ausdruck ihr frisches Antlitz über 
zog, sah sie lräumerich den welken Blättern zu, die leise von 
den Bäumen herabrieselten. 
„Wo er nur wieder bleibt?" murmelte sie vor sich hin. 
„Die Arbeitszeit ist schon längst abgelaufen, und noch immer 
läßt er auf sich warten." 
Die Harrende hake sich kaum durch das Selbstgespräch 
erleichtert, als um die Biegung, die der Weg weiter oben 
machte, ein junger Mann trat. 
„Grüß Gott, Marie!" grüßte er schon aus der Ferne und 
schritt weit ausgreifend näher. „Das ist recht," fuhr er fort, 
als er vor dem Mädchen stand, „daß Du mich hier erwartest, 
da können wir doch erst ein paar Augenblicke plaudern, ehe 
ich in die Gaststube gehe. Man wird so wie so immer be 
obachtet. Der Polenz paßt auf jeden Blick auf." 
Der junge Mann in der blauen Bluse und den hohen 
Wasserstiefeln sah lächelnd in das liebliche Gesicht der Wirts- 
lochter, aber seine heiteren Mienen schwanden sofort, als er 
ihren Ernst bemerkte. 
„Ich habe Dich nicht umsonst hier erwartet," entgegnete 
sie ruhig, indem sie mit dem Burschen in den Garten trat 
und den Kiesweg dahinwandelte, „sondern in einer ganz be- 
stimmmien Absicht." 
„So?" 
„Jawohl. Ich möchte Dich nämlich bitten, endlich die 
Kriegsgespräche zu unterlassen. Ihr seid doch gestern Abend 
wieder so hart aneinander gefahren, daß ich befürchtete, es 
gäbe Unheil. Wenn Dich der Jörgen Polenz auch noch so 
heftig herausfordert, so schweig, Karl! Thu's mir zu Liebe, 
Karl, denn Du weißt doch, wie sehr Du den Vater mit Deinen 
Ansichten erzürnst." 
„Was ich thun kann, Marie, will ich gerne thun." 
„Als ihr gestern nach Hause gegangen wäret, hat der 
Vater zu mir Aeußerungen ausgestoßen, die ich nicht zu wieder 
holen wage." 
„Marie, bitte, teile sie mir mit!" 
„Er sagte, wenn er auch unsern Verkehr dulde, und wenn 
er Dir auch einmal erklärt hätte, daß, wenn er Dich erst längere 
Zeit kennen gelernt hätte, er Dir wohl meine Hand geben 
könnte, so solltest Du Dir doch nicht einbilden, die Sache wäre 
schon völlig abgeschlossen. Es sei noch nicht aller Tage Abend 
und, wenn Du zudem noch einmal Dein unleidiges Leibwort ge 
brauchen solltest, da wüßte er noch lange nicht, ob ihm der 
reiche Polenz nicht doch als Schwiegersohn lieber wäre als 
Du." 
„So gewaltig ist er aufgebraust? Da muß man sich 
allerdings vorsehen." 
„Und am meisten ärgert ihn immer Deine unglückselige 
Redensart. Glaubt er doch immer, daß Du ihn damit per 
sönlich beleidigen willst. Lieber Karl, ich bitte Dich inständig, 
nimm Dich ein wenig zusammen. Ist es doch warhaftig nicht 
so schwer, auf seine Worte acht zu geben. Und noch dazu, 
wenn das eigene Glück davon abhängt. Aber so seid Ihr 
Männer alle. Unbedacht schleudert Ihr Eure Bemerkungen 
heraus und fragt viel nach den Folgen, wenn Ihr nur Euere 
höchsteigene Meinung geäußert habt." 
„Hahaha!" lachte er. „Das ist ja eine vollständige Straf 
predigt, Marie. Du fängst mit Deinen achtzehn Jahren gut 
an. Aber ich gebe zu," fuhr er ernster fort, „daß ich Deine 
Vorwürfe verdient habe. Wenn man nur nicht immer so un- 
überlegt handelte. Ich brauche es Dir nicht erst zu sagen, 
daß ich mit dem verlrakten Wort Deinem Vater nicht im Ge 
ringsten nahetreten will; ich habe mir selbst schon tausend 
mal den festen Vorsatz gemacht, nie wieder die Redensart in 
den Mund zu nehmen, aber weiß es der Himmel, eh' ich es 
mir versehe, da ist sie wieder herausgesprudelt. Ich bin nun 
einmal so ungestüm und hitzig.,, 
„Und der Vater bezieht doch grade deshalb Dein Leib 
wort so sehr auf sich, weil er . . . ." 
„Hahaha!" lachte der Bursche wieder. „Freilich, weil er, 
nun heraus damit, weil er eine rote Nase hat." 
„Und darum, Karl, mäßige Dich! Thu mir den Gefallen 
und höre auf meine Vorhaltungen. Ist mir doch schon so 
bang zu Mut." 
„Bang zu Mttl? Aber Liebchen! Wenn alles zu Schanden 
wird, weißt Du, was wir da machen? Wir gehen zum Fried 
rich und werden Soldat! Meinst Du nicht auch?" 
„Karl, wie kann man nur obendrein noch spotten," ver 
setzte Jungfer Rathke unwillig. (Fortsetzung folgt.)
        
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