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Periodical volume 25. Juli 1891, No. 43

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Der König konnte sich des Lachens kaum enthalten, kehrte 
ihm den Rücken und äußerte bei Tafel, man habe ihm für 
seine Akademie den größten Dummkopf vorgeschlagen, den er 
je gesehen habe. Darüber verloren Lamberts Gönner allen 
Mut, nur er selbst äußerte, er könne warten; der König müsse 
ihn zum Akademiker ernennen, das erfordere sein Ruf; thue 
er es nicht, so sei das ein Flecken in seiner Geschichte. Er 
behielt Recht. Nach einem halben Jahre, als die Petersburger 
Akademie sich um Lambert bewarb, eritannte ihn König Friedrich 
zum Mitgliede der mathematisch-physikalischen Klasse der Berliner 
Akademie mit 500 Thalern Gehalt. Aus eigener Bewegung 
steigerte er diese Summe bis aus 1100 Thaler und ernannte 
Lambert zum Ober-Baurat. Dieser war unentschlossen, eine 
Stelle anzunehmen, wegen deren Uebernahme man vorher bei 
ihm gar nicht angefragt hatte, und die er nicht brauchte, um 
sich einen geachteten Namen zu machen. Endlich gelang es 
dem Zuspruch seiner Freude, ihn zur Annahme zu überreden; 
sie vermochten ihn jedoch nicht zu hindern, daß er an den 
Minister schrieb: „Jhro Excellenz müssen nicht glauben, daß 
ich gemeine Rechnungen durchsehen und berichtigen werde; das 
ist eine Arbeit, welche Ihre Schreiber verrichten können, wenn 
Sie selbst damit sich nicht besassen wollen. Ich werde mich nie 
mit Dingen abgeben, die jeder andere besorgen kann, und die 
ftir mich ein bloßer Zeitverlust sein würden. Stoßen Sie aber 
auf Schwierigkeiten, die Sie nicht auflösen können, so wenden 
Sie sich ait mich." Unter König Friedrichs Regimenie gab es 
noch Minister, die durch die Sprache und Ehrlichkeit, selbst 
wenn dieselbe formlos und bäuerisch war, sich nicht zur Be 
antragung einer Untersuchung bestimmen ließen. Man lächelte 
über den Ton und Inhalt der Erklärung Lamberts, ließ ihn 
sich aber gefallen und hatte es wahrlich nicht zu bereuen. 
Lamberts Thätigkeit in den zwölf Jahren seines Berliner Auf 
enthaltes war eine äußerst angestrengte. Von fünf Uhr früh 
arbeitete er unausgesetzt bis mittags, und dann regelmäßig 
von zwei Uhr bis Mitternacht. ohne sich eine andere Zerstreuung 
oder Erholung zu gönnen, als einen Spaziergang von wenigen 
Stunden, auf welchem ihm aber seine mathematischen und 
philosophischen Spekulationen unansgesetzt Begleiter waren. 
Die geringsten Vorfälle, selbst die in seiner häuslichen Wirt 
schaft, verstand er immer auf mathematische oder philosophische 
Analysen zurückzu führen, und zu vielen seiner feinsten und 
geistvollsten Abhandlungen und Beobachtungen haben oft die 
trivialsten Ereignisse Veraitlassung gegeben. 
Aus der ersten Zeit des Berliner Aufenthaltes stammt 
auch die Annäherung an Immanuel Kant. Der erste Brief 
Lamberts an den Königsberger Philosophen datiert vom 13. No 
vember 1765 (a. a. O. Seite 360) und enthält Gedanken über 
die „Verbesserung der Metaphysik" und den Vorschlag, bei der 
Uebereinstimmung der beiderseitigen Ansichten, „einander immer 
schriftlich zu sagen, was wir im Sinne haben, drucken zu lassen, 
oder die Ausarbeitung der einzelnen Stücke eines gemeinschaft 
lichen Planes unter einander zu verteilen", und zwar zu dem 
Zwecke, „um den Verdacht des Abschreibens zu vermeiden." 
Kant ergriff den Vorschlag „eines so wichtigen „Korrespon 
denten" mit großem Eifer, da Lamberts Talent, mit einer 
ausnehmenden Scharfsinnigkeit in Teilen eine überaus weite 
Aussicht ins Große zu verknüpfen für ihn (Kant) und für die 
Welt eine wichtige Belehrung hoffen ließ." Die vorhandenen 
Briefe der beiden Männer reichen nur bis zum Schlüsse des 
Jahres 1770. In allen spricht Kant seine hohe Bewunderung des 
Lamberlschen Geistes aus. von dessen Mitarbeit an seinem 
Werke, die er sich erbittet, er sich „eine ganz vorzügliche Wir 
kung verspricht" (a. a. O. Seite 373). Zum großen Schmerze 
des Königsberger Philosophen vereitelte der frühzeitige Tod 
Lamberts die Ausführung, oder doch die Vollendung der ge 
meinschaftlichen Pläne. Er erlag einer auszehrenden Krankheit 
am 25. September 1777 und wurde auf dem Kirchhofe der 
Dorotheenstadt beerdigt. Es kann nicht die Aufgabe dieser 
Zeilen sein, die große Anzahl der größeren und kleineren 
Arbeiten Lamberts wissenschaftlich zu würdigen oder Auszüge 
aus denselben zu liefern, die gelehrten Ansprüche in keiner 
Weise genügen würden. Die Aufzählung dessen, was die 
spekulative Philosophie, sowie sämtliche Gebiete der reinen 
und angewandten Mathematik an Bereicherung, Berichtigung 
und Aufklärung durch Lamberts Genie erfahren haben, würde 
den Laien nur ermüden, ohne ihm ein Bild von der Univer 
salität des seltenen Mannes zu geben; dem Gelehrten aber 
würde eine solche Nomenklatur wertlos und allzugering er 
scheinen. Die zur Würdigung seines Geistes Berufenen mögen 
kurz auf des Hallischen Professors Johann August Eberhard 
Buch „Ueber Lamberts Verdienste" (Berlin 1779) verwiesen 
werden. In allem, was Lambert in den Druck hinausgehen 
ließ, ist eine durchweg reine Sprache, im Ausdruck ungesucht, 
ungekünstelt, kurz, bündig und von wunderbarer Klarheit. 
Die eigentliche Stärke seines vielumfassenden Geistes, aus 
wenigen Daten eine scharfsinnige Theorie zu abstrahieren und 
überall leichtere und kürzere Wege für die Erkenntnis einzu 
schlagen, fand in der Durchsichtigkeit seiner Darstellung und in 
der Gedrungenheit seines Stils stets den entsprechendsten Aus 
druck. Ein wunderbares Gedächtnis, das ihn nie im Stiche 
ließ, erleichterte dem rastlos fleißigen Manne wesentlich seine 
geistanstrengende Arbeit. 
In Lambert starb nicht nur eines der größten Genies des 
vorigen Jahrhunderts, sondern auch ein Mensch von warmer 
Religiosität, sittlicher Reinheit, unbestechlicher Wahrheitsliebe, 
unbeirrbarem Gerechtigkeitssinne, friedfertigem Gemüte, von 
unermüdlicher Hilfsbereitschaft, werkthätigem Mitgefühl und 
treuer Hingabe an alles, was Pflicht und Gewissen von ihm 
heischten. Bei allen diesen trefflichen Eigenschaften hatte sich 
in ihm eine in der Dürftigkeit seiner Jugend und in seinem 
eigenartigen, selbständigen Entwickelungsgang begründete 
Sonderlingsnatur mit den Jahren mehr und mehr aus 
gebildet. welche oft mit dem humanen Grundcharakter seines 
Wesens in Widerspruch zu stehen schien. Durch sein rauhes 
und abstoßendes Wesen und durch seine Lust an systematisch- 
theoretischem Widerspruch konnte er leicht das Gefühl beleidi 
gen und die Bildung kränken. Eine oft eigensinnige Recht 
haberei ließ ihn selbst seinen Freunden häufig unausstehlich 
erscheinen. Mit seinen vorgesetzten Behörden befand er sich in 
einem fortwährenden Kriegszustand; er billigte nichts, er fügte 
sich in nichts, was sie vorschrieben, und stand doch mit den 
Personen dieser Behörden im besten Einvernehmen. Man ließ 
ihn ruhig „querulieren" und am Ende geschah doch alles nach 
höherem Willen. Die Gewohnheit, sich als ein Objekt zu be 
handeln und von seinen Verdiensten und Fehlem eben so ent 
scheidend und unbefangen wie von Fremden zu sprechen, gab 
ihm oft den Schein einer lächerlichen Prahlerei bei denen, die 
ihn nicht näher kannten. Und die Zahl dieser war sehr groß,
        
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