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Periodical volume 18. Juli 1891, No. 42

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Am 29. Oktober 1754 verfügte der König an den Ge 
heimen Staatsminister von Dankelmann, er soll 
„die Uhrsachen des Consistorii, ob und wie weil solche ge 
gründet seyn oder nicht unparteyisch, examinieren" 
und darüber pflichtgemäß Bericht erstatten. Dieser forderte 
den Bericht des Oberkonsistoriums, welcher schon unter dem 
31. Oktober erstattet wurde. 
Gestrich, seiner Profession nach ein Schneider, habe sich 
angemaßt, auf dem Nikolaikirchhof eine Schule zu eröffnen, 
ohne vorher von einem Inspektor bezüglich seiner Fähigkeit 
zum Unterricht der Kinder in Religion und Wissenschaften 
examiniert zu sein. Der Magistat habe gemäß den Landes 
gesetzen dem Gestrich den Unterrichtsbetrieb untersagt und 
dieser sich beim Oberkonsistorium beschwert. Dasselbe habe 
das Verbot des Magistrats bestätigt, 
„weil der Gestrich mit Verlassung seiner Schneiderprosession 
und als ein bekannier Anhänger der Mausfeldischen Seele 
auf Ausbreitung schwärmerischer Irrthümer sich leget, denen 
Bürgern gegen Kirchen und Schulen widrige Gesinnung 
beybringet, öffentliche bestellte Kirchendiener mit anzüglichen 
Beschuldigungen unrichtiger Lehre bereits mund- und schrift 
lich angezapfet, und die schon einigemahl zu öffentlichen in 
der Gertrauds Kirche vorgefallenen Unruhen ansgeschlagene 
Schwärmereyen unter denen Bürgern zu unterhalten suchet." 
Auch der Magistrat berichtet infolge ergangener Auffor 
derung unter dem 8. November über seine Grüitde für die 
Abmessung des pp. Gestrich. Der Bericht deckt sich im all 
gemeinen mit dem des Oberkonsistoriums und hebt noch be 
sonders hervor, daß bei einer durch den Konsistorialrat und 
Probst Koeppen vorgenommenen Visitation der Gestrichschen 
Schule sich herausgestellt habe. 
„daß genannter Schneider Gestrich die zum Schulhalten er 
forderliche Geschicklichkeit und Conduite gar nicht besitze." 
Außerdem werden noch einige Bemerkungen über die 
Mm'efeldsche Sekte gemacht. 
„Und da dieser Gestrich zu der sogenannten Mnsefeld- 
schen Secte sich bekennt, deren irrige Lehren so weit gehen, 
daß sie denen Predigern auf der Cantzel und bey administri- 
rtmg des Abendmahles öffentlich und laut obloquiren, 
tumulte und Aufwiegelung, ja sogar Schlägerey gegen die 
jenigen, so ihren Lehren nicht beistimmen, in und vor denen 
Gottes Häußern anrichten, wie solches aus denen an Ew. 
König!. Majestät Oberconfistorium eingesandten Unter- 
snchungs Acten, worin dieser Gestrich, als einer der Rädels 
führer unter anderen sehr gravlrot ist und dabey abgestat 
teten, Bericht vom 3. Sepl. und 24. Okt. a. c. des mehreren 
erhellet; Ferner haben die Lehren dieser schwärmenden, 
mehremheils den Müßiggang liebenden, ihr Handwerk ver 
lassenden und dadurch in Armuth gerathenen Musefeldter 
das unzeitige Menschen Bekehren zum Deckmantel, weshalb 
sie in die Häuser dringen, conventicula hallen, die Ein 
fältigen, so ihre Lehren nicht gleich annehmen, verdammen, 
als wodurch die Leuthe in Verzweiflung gerathen, wie denn 
schon ein Exempel vorhanden, daß ans dergleichen von 
solchen Schwarmgeistern geschehenes Verdammen der Zeug 
macher Kuhnert dergestalt wegen Verzweiffelung an seiner 
Seeligkeit und der Gnade Gottes in desperation verfallen, 
daß er sich selbst entleibet uitd dadurch seine arme Frau 
und Kinder zu Wittwen und Weysen gemachet, folglich dein 
Publico höchst schädlich, wenn diese Secte weiter aus 
gebreitet, und zu der Ausbreitung sogar Lehrer und Schul 
halter für die Jugend, als welche ohnedem, was sie von 
ihren Lehrern hören und lernen für Heiligthümer halten, 
mithin solcher, wenn sie auch ans Excessus pertinaciter 
anhangen, geordnet werden sollte." 
Der Dankelmannsche Bericht vom 10. Nov. 1754 er 
wähnt außerdem noch, daß Gestrich auch schon früher zu 
Sonnenburg einen Tumult erregt habe. Hierauf erließ der 
König an Dankelmann folgende Kabinettsordre: 
„Mein lieber würklicher Geheimer Etats-Ministre frey- 
herr von Danckelmann. Ich ertheile Euch auf euren wegen 
eines gewissen Schnlhalters, nahmens Gestrich, unterm 10. 
dieses abgestatteten Bericht hierdurch zur Evolution, wie 
es bei denen angeführte» Umständen am besten seyn wird, 
den Menschen eine Zeitlang in ein Corrections-Hauß setzen 
und ihn die Schwärmerey ausarbeiten zu lassen, auch 
weutl er sich alsdann nicht ändern und beßern will, den 
selben mit guter Manier gantz aus dem Lande zu schaffen. 
Ihr habt also an dem Magistrat hiernach das nöthige weiter 
zu verfügen und Ich bin Euer wohl affectionirter König. 
E. 
Potsdam, den 13. Nov. 1752." 
Leute von dem Schlage eines Boltz und Gestrich konnten 
selbstredend weder auf die Förderung der Kenntnisse, noch auf 
die Sinnesart ihrer Zöglinge gedeihlich wirken, und wurden 
Kinder durch Unwissenheit und Gewissenlosigkeit der Schul 
halter geradezu zu Schlechtigkeiten geführt. — Der Schul 
halter Beyer in der Klosterstraße beklagte sich 1784 beim 
Magistat, daß der Kanonier Pries ihm gegenüber im Hause 
des Maurermeisters Lettner eine Schule ohne Konzession er 
öffnet habe, welche von den Kindern des Lettner, des Ober 
baurats Baumann, des Gastwirts Bischoff, Schlossermeisters 
Krause, des Kaufmanns Bohm rc. besucht würden. 
Auf eine Anfrage des Magistrats erwidert Lettner, daß 
Pries Privatnnterricht erteile, und daß Beyer zur Erteilung 
non Unterricht unfähig sei. Zum Beweise legt er zwei Briefe 
vor, die Beyer den kleinen Kindern diktiert habe. Einer 
dieser Briefe, in den Magistrats-Akten betr. die Schulen der 
Nikolai- und Marien-Parochie enthalten, lautet: 
Mein lieber Herr Gefatter! 
„Was ich doch für ein liederlicher Kerl bin, daß ich 
mich schämen muß, Dir zu schreiben, daß alle mein Geld 
verspielet habe, der Wirt will mir nicht mehr borgen, meine 
Uhr hat der Jude und meinen Rock der trödler, Hast Du 
mich noch lieb, helf mir mit 10 Thaler, damit ich nur in 
Ehren hier.wegkomme. Ich bezahle Dich auf Ostern als 
ehrlicher Kerl oder Du solst nicht sagen, daß ich Dein 
Bruder bin. Ich bitte Dich nochmahls, verlaß mich nicht, 
oder ich laß mich den blauen Rock anziehen, verbleibe dein 
getreuer Bruder 
I. F. Bischoff, Berlin, den 12. Febr. 1784. 
Wie gering übrigens die Anforderungen waren, welche 
in damaliger Zeit an solche Leute gestellt wurden, die eine 
Schule eröffnen oder ein Schulamt übernehmen wollten, er- 
giebt sich aus einem in den Akten der gräflichen Amtsregistratur 
zu Buckow besindlichen Zeugnis eines Küsters und Schul-
        
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