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Periodical volume 18. Juli 1891, No. 42

Full text: Der Bär Issue 17.1891

—*3 522 fi*— 
die Mutter so glücklich sah und so fröhlich vom Fest und von 
der Festesstlmmung reden hörre, fürchtete er, einen Mißklang 
in die Harmonie zu bringen, wenn er ihr gesagt, was sein 
Herz bedrückte. 
Das Fest ging vorüber. Eberhard konnte nicht so froh 
sein wie die andern. Er gedachte Rahels und machte sich 
die bittersten Vorwürfe über seine Feigheit; aber so oft er seine 
Mutter sah, blieb das Wort unausgesprochen, das er reden 
wollte. — So kam das neue Jahr heran, das Jahr 1510. 
In einer Woche sollte die Uebersiedelung stattfinden. Da trat 
eines Tages der Kaplan zu ungewohnter Zeit und ganz erregt 
in das Zimmer, in dem Frau von Rochow, Eberhard und 
Gertraud friedlich beisammen saßen. 
„Habt Ihr auch schon von dem Kirchendiebstahl im havel- 
ländischen Dorf Knobloch gehört?" rief er. „Der Dieb hat 
die Sakramentskammer gewaltsam erbrochen und eine Mon 
stranz nebst zwei geweihten Hostien entwendet!" — „Ein Kirchen 
raub? Wie entsetzlich!" erwiderte erschreckt die Edelfrau. Eber 
hard aber entgegnele ruhiger: „Mir erscheint die Sache nicht 
auffallend. Wahrscheinlich hat man geglaubt, echtes Gold zu 
finden. Die Monstranz ist aber, wie ich genau weiß, nur 
vergoldetes Kupfer. Die Habgier bestraft sich selbst." „Nicht 
des Goldes wegen," ries der Kaplan", geschah der Raub! Die 
zerbrochene Monstranz ist im Stadtgraben zu Bemau gefunden 
worden. Die Hostien allein waren das Ziel!" — „Geweihte 
Hostien?!" — Gertraud starrte entsetzt den Kaplan an. „Wer 
sollte. . . ." „Wer anders, als die Juden? Der Verdacht ist 
nur zu begründet, und er ward auch dem Kurfürsteil schon 
milgetheilt. Auch habe ich gehört, daß ein Jude entflohen 
ist, der mit dem Diebstahl zu thun haben soll!" „Wieder 
die Juden im Verdacht!," sagte Eberhard. Er sah alles Elend 
voraus, das auf Grund dieses Verdachts aufs neue das ganze 
Volk treffen würde. Die ganze Schwere des Gerichts würde 
wallen. Joachims Haß gegen die Ungläubigen und Ketzer 
war ihm nur zu gut bekannt. Der Bischof von Brandenburg, 
Scultetus, der vom einfachen Priester bis zu dieser Würde fich 
aufgeschwungen, würde alles thun, um denselben noch zu be 
stärken. Und Gnade würde Joachim keinenfalls üben, so wenig 
wie dainals, da er als Knabe fich zum erstenmale als Mann 
gezeigt, da das Haupt des talentvollen Wolf von Lindenberg 
gefallen war, weil er einmal sein Wort dem durch Wolf be 
raubten Kaufmann verpfändet hatte, ohne Rücksicht auf Rang 
und Stand Gerechtigkeit walten zu lassen. Und nun erst bei 
einem Kirchenraub! Und gegenüber einer so verachteten Menschen 
klasse, wie die Juden, der man alles Schlechte und Gemeine 
zutraute! — Rahel mußte es mittreffen! Auch sie war eine 
Tochter dieses Volkes. — „Ich muß sie retten, um jeden Preis!" 
Das stand jetzt fest bei Eberhard. Wo sie im Unglück war, 
durfte er nicht mehr lau und zaghaft sein. 
Während diese Gedanken Eberhards Seele durchzogen, 
berichtete der Kaplan weiter, daß er vernommen, ein Kessel 
flicker aus Bernau, ein wüster, schlecht beleumundeter Geselle, 
Paul Fromm benannt, sei bereits verhaftet worden, und derselbe 
habe auch schon gestanden, er sei der Dieb. — „Um den Qualen 
der Folter zu entgehen, welche schließlich auch dem Unschuldigen 
ein Geständnis erpressen", fiel Eberhard dem Priester ins Wort. 
Dieser aber ließ sich nicht stören und fuhr fori: „Es heißt aber. 
Juden seien Mitschuldige, und der Kurfürst trage sich mit der 
Absicht, alle Juden in der Mark Brandenburg verhaften zu 
laffen, da er durchaus der Sache auf den Grund kommen 
wolle. Der Stiftshauptmann Heinrich von Belschitz soll von 
Scultetus schon nach Bernau gesandt sein, um weitere Unter 
suchungen vorzunehmen. Auf seinen Eifer kann man sich ver 
lassen — ein bitterer Zug überzog hier Eberhards Züge — 
er kennt weder Zaudern noch Milde." 
Als der Kaplan das Schloß verlassen hatte und sich durch 
den Park nach Hause begab, folgte ihm Eberhard. Jetzt mußte er 
sprechen. Er gestand dem Priester seine Liebe zu der schöneu 
Jüdin, und wie er schon seit lange den Wunsch gehegt, sie den 
traurigen Verhältnissen zu entreißen. Nur die Scheu vor seiner 
Mutter habe ihn bis dahin zurückgehalten. Jetzt aber müsse 
er handeln. Der Priester möge ihm doch raten, ihm helfen. 
Kopfschüttelnd halle der Kaplan die Worte Eberhards ver 
nommen. „Wie hier helfen?" sagte er schließlich. „Ihr 
kennt die Gesinnung Joachims, und die Untersuchung wird 
ihren Gang gehen. Hättet Ihr früher gesprochen, wäre dem 
Himmel vielleicht eine Seele gewonnen worden. Wie oft 
verwandelt die Liebe des Menschen Herz und macht es auch 
dem Höchsten und Edelsten zugänglich! — Aber jetzt!? Ihr 
könnt Euch unter den obwaltenden Umständen der Mutter nicht 
anvertrauen, Ihr würdet ihr zu wehe thun! Und doch habe 
ich auch nicht den Mut, Euch zurückzuhalten von dem, was 
Euch Pflicht zu sein scheint! — Harret der Rückkehr nach 
Berlin! Dort vielleicht könnt Ihr der Jungfran Schutz und 
Hilfe werden in der schweren Zeit, die jetzt für alle Juden 
kommen wird!" 
Eberhard hatte die Rede des Kaplans nicht unterbrochen. 
Stumm hatte er in die violett schimmernden Abendwolken ge 
sehen, auf die Strahlen der untergehenden Sonne; seine Auf 
regung und den Schmerz seines Innern halte er, während jener 
sprach, kaum zu bemeisteni vermocht. Da mit einem Male 
wurde beider Aufmerksamkeit durch lautes Sprechen erregt, 
welches vom Ausgang des Parkes her an ihr Ohr drang. 
Sie schritten schneller der Stelle zu, von der die Stimmen 
kamen. Auf der Landstraße hielt ein offener, einfacher Bauern 
wagen. Auf ihm befand sich, auf einigen Bündeln Stroh ge 
bettet, ein weibliches Wesen, in der Tracht einer märkischen 
Bäuerin, um das mehrere Gestalten beschäftigt waren. Ein 
jüngerer Mann und der Haushofmeister Frau von Rochows 
kamen auf Eberhard und den Kaplan zu. „Gelobt sei Jesus 
Christus", begrüßte letzterer den jungen Mann, trat aber 
zurück, als dieser den Gruß nicht erwiderte. Erregt nahm der 
Haushofmeister das Wort: „Herr, dort liegt eine schwerkranke 
Jungfrau — aber es sind Juden! Wir können sie mcht 
aufnehmen. Heißt sie weiterfahren!" „Unmöglich ist es, mir 
der Kranken weiter zu fahren!" rief flehenden Tones der junge 
Mann dazwischen. „Wir sind auf der Flucht nach der sächsischen 
Grenze zu Freunden, die uns aufnehmen werden. Aber tvir 
können nicht bis zu ihnen kommen!" — Eberhard trat mit dem 
Kaplan an den Wagen heran. Der letztere faßte den jungen 
Mann scharf ins Auge. Mit einem Male ries er: „Ihr seid der 
Arzt, welcher vor Jahren so viele in unserm Dorfe von der 
bösen Krankheit errettete! Für Euch werde ich Fürbitte ein 
legen!" — „Es bedarf ihrer nicht", sagte Eberhard mit mildem 
Ton, „in Unglücklichen sicht die Mutter stets nur Menschen, 
und meine Hilfe ist Euch ohnehin gewiß." Inzwischen waren 
sie bis zu dem Wagen gekommen. — „Borneck, Ihr und — 
Rahel?!" Eberhard wollten die Sinne schier verschwinden. Auch
        
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