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Periodical volume 11. Juli 1891, No. 41

Full text: Der Bär Issue 17.1891

Dr. R. Ksvinguier, Dr. H. Drerrdicke, TtLesdsr Fontane, Stadtrat G. Friedet 
Gyninanaldirektor Dr. M. Krtzwcrrl) und Ernst non Mitderidrnrti 
herausgegeben von 
Friodr. Zistesten und Uirttard George. 
XVII. 
Iabraang. 
M 41. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin X., Schönhauser Allee i»>, — 
Lernsprechstelle IHa, 8460), sowie durch alle Postanstalten (No. 709), Buchhandlungen und Zeitungsspeditionen für 
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11 Zuli 
18D1. 
Naßel. 
Eine Erftilstung aus alter Zeit von A. M. Mitte. 
(Fortsetzung.) 
üben war nach wie vor, so oft seine Zeit es zuließ, zu 
Rahel gekommen. Nie hatte er Eberhard dort getroffen. 
Dennoch merkte er. daß eine Veränderung mir ihr vorgegangen; 
sie war anders als sonst, so innig und still, und verlangte 
nicht mehr mit heißem Sehnen hinaus aus dem Jüden- 
hof. Rüben, der sie von ihrer Kindheit an liebte und sie für 
sich bestimmt glaubte, erblickte darin eine Wendung zu seinen 
Gunsten. Er war nicht eitel genug, anzunehmen, das sie das 
Gefühl, welches ihn zu ihr zog, von Anfang an erwidert 
habe; aber er hoffte, daß sie sich jetzt seinen Wünschen geneigt 
zeigen werde. Jedenfalls wollte er endlich Gewißheit haben. 
Und so beschloß er — der Einwilligung des Vaters seit lange 
sicher — mit ihr zu reden. — Sie saßen beide am Fenster 
in Rahels Gemach und schauten den sich langsam herabsenkenden 
Schneeflocken zu. welche die Erde wie mit einem weißen Leichen 
tuch bedeckten, als plötzlich Rahel. ihm zuvorkommend, mit 
ihrer schmalen, weißen Hand nach dem Fenster deutete und be 
gann: „Sieh, wie der Schnee herniedergleitet zur Erde und 
die Straßen bedeckt! Sternen gleichen die Flocken! Sie 
scheineir inehr Licht zu bringen vom Himmel! Darum feiern 
die Christen auch wohl gerade im Winter das Fest, da ihnen 
der Stern, das Heil der Welt, erschienen." — Erstaunt schaute 
Rüben das junge Mädchen an, aber, seinen Blick ruhig aus 
hallend. fuhr sie fort: „Habe Dir's längst sagen wollen, nein 
— bitten wollte ich Dich, mir Auskunft zu geben über etwas, 
das schwer auf meiner Seele lastet. Wenn nun doch jener 
Jesus von Nazareth, wie die Christen sagen, der Sohn Gottes 
gewesen wäre, wenn unsere Vorfahren das Heil der Welt an 
das Kreuz geschlagen hätten " Entsetzt fuhr Rüben in 
die Höhe. „Rahel! Kein Wort weiter in so frevelhafter 
Rede! Bist Du nicht eine Tochter Abrahams, Isaaks und 
Jakobs? Wie kannst Du zweifeln an der Wahrheit des 
Glaubens, den wir von unseren Vätern überkommen haben!?" 
Rahel war im Begriff, ihm zu erwidern und fortzufahren in 
ihrer Rede, da pochte es laut an der Thür. Rüben wurde 
eiligst zu einem Kranken gerufen. Schweren Herzens ließ er 
Rahel zurück; nicht nur, weil wieder unausgesprochen geblieben, 
was er so gern ihr gesagt, sondern erst recht bewegt durch den 
Gedanken, daß sie ihni innerlich ferner stehe denn je. 
Rahel blieb sinnend zurück. — Das Wetter hatte sich auf 
geklärt; der blasse Mond stieg am Himmel auf und in 
seinem Schimmer sah sie den Schnee feenhaft auf der Straße 
erglänzen. Ihr Kopf war so schwer, ihre Knie zitierten, — 
ein inbrünstiges Gebet zu Gott, zu dem Gott der Liebe, zu 
dem Vater seiner Menschenkinder, drang über ihre Lippen. 
Plötzlich trat ihr Vater, begleitet von Leah, bei ihr ein. 
„Rahel, mein Kind," sagte er, „ich habe heute viel Glück ge 
habt bei meinen Geschäften, und da habe ich Dir, meinem ein 
zigsten Kinde, eine große Freude machen wollen. Schau her 
— diesen Schmuck! Er ist würdig zu prangen auf dem Nacken 
einer Fürstin." — Damit öffnete er ein Etui, und ein pracht 
volles Halsband von Rubinen glänzte ihr entgegen. Fast 
gleichgültig sah Rahel es an. „Danke Dir, Vater, daß Du 
stets meiner gedenkst! Aber was soll ein so wertvoller Gegen 
stand für mich? Dürfen wir doch nicht solchen Staat machen, 
wie dem Adel gestattet ist!" „Wo wäre eine Tochter des 
Adels, die sich messen könnte mit Dir?" Mit diesen Worten 
befestigte Berneck das Halsband auf Rahels Nacken. „Sind 
wir etwa schlechter," rief er dann weiter aus, „als die Christen? 
Wahrlich, sie sollen noch büßen für alle Frevelthaten. die sie 
an uns begangen!" — „Nicht glaube ich," erwiderte Rahel, „daß 
alle Christen schlecht sind. Vater, warum —" „Was?
        
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