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Periodical volume 4. Juli 1891, No. 40

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Kleine Mitteilungen. 
Zn nnsern Drldern. (S. 496, 497 und 601) Das 
Nationalbewußtsein findet seinen glänzendsten Ausdruck in den beiden die 
Machtmittel des Reiches darstellenden Institutionen, in Deutschlands Heer 
und Flotte! Die ruhmvollen Siege und die zum Schutze des heimischen 
Herdes gemeinsam bestandene Kriegsgefahr, die zum fester. Band für 
Deutschlands Einheit wurde, hatten naturgemäß das Reichsheer, das 
die erste sichtbare Verkörperung der Macht und Einheit des jungen Reiches 
bildete, in den Vordergrund de- nationalen Interesses gerückt. 
Ein gleicher Anspruch auf das regste Interesse der gesamten Nation 
gebührt aber auch unserer vortrefflichen Flotte. 
Unsere junge Kriegsmarine ist in stetem Wachsen und gedeihlicher 
Entwickelung begriffen, sie hat sich durch ihre innere Tüchtigkeit, in der sich 
ernstes Streben nach höchster wissenschaftlicher und praktischer Vervollkomm 
nung mit mutiger Entschlossenheit und strengster Disziplin harmonisch ver 
einen, eine achtunggebietende Stellung unter den Marinen der Großstaaten 
zu erringen gewußt und vertritt als die Trägerin deutscher Machtfülle in 
fernen Meeren und Ländern mit "Nachdruck die Interessen deutscher Staats 
angehöriger und deutschen Handels. 
Die beiden wesentlichsten Faktoren für die Entwickelung unseres inter 
nationalen Handels und somit für die Förderung unseres heimischen Wohl 
standes sind unsere Kriegsflotte — als die Schützeiin unserer überseeischen 
Beziehungen — und unsere Handelsflotte, die einst — zur Zeit der Hansa 
— die größte in Europa war und auch heute noch in der Tüchtigkeit der 
Fahrzeuge und ihrer Bemannung hinter keiner der anderen Nationen 
zurücksteht. 
Darum ist es wohl an der Zeit, in unserem Vaterlande, in dem 
bislang Verständnis und Jnteresie für das Marinewesen nur vereinzelt 
und eigentlich nur in den an der See gelegenen Provinzen zu finden war, 
auch im Binnenlande für eine recht weitgehende Verbreitung maritimer 
Interesien, für eine Verallgemeinerung der Kenntnis seemännischen Lebens 
in den weitesten Kreisen unseres Volkes Sorge zu tragen. 
Dieses Ziel ist der Zweck eines Werkes, welches gegenwärtig in 
2. Auflage in Hamburg bei der Verlagsanstalt und Druckerei (vormals 
I. F. Richter) erscheint und sich „Zur See" betitelt. Das hervor 
ragende Prachtwerk, desien Anschaffung wir aufs wärmste empfehlen, wird 
von dem Vize-Admiral z. D. von Henk und dem Marinemaler Niethe 
herausgegeben und giebt über das vielgestaltige Seeleben in allen seinen 
Phasen Belehrung. Die Freuden und Leiden des Seemannsberufes, die Er 
rungenschaften der modernen Wissenschaft und Technik im Seewesen und 
Schiffsbau — alles dies wird uns in dem vorzüglichen Werke, welchem 
die Illustrationen unserer heutigen Nummer entnommen sind, in Wort und 
Bild in gleich mustergültiger Weise vorgeführt. In dankenswerter Weise 
hat die Verlagshandlung den Preis für die Lieferung mit 60 Pf. fest 
gesetzt, wodurch die Anschaffung auch dem minder Begüterten möglich wird. 
Vollständig ist das Werk in 50 Lieferungen gr. Folio mit über 400 Original- 
Illustrationen in Holzschnitt, Kupfer- und Lichtdruck. 
Möge das Werk mit dazu beitragen, sowohl unserer Marine, der 
nicht bloß im Kriege der Schutz der vaterländischen Küsten anvertraut ist, 
sondern die gerade im Frieden große und für die wachsende Wohlfahrt des 
Landes segensreiche Aufgaben zu erfüllen hat, wie auch unserer Handels 
flotte in immer weiteren Kreisen des Volkes verständnisinniges Interesse 
und warmen Anteil zuzuzuführen! R. G-. 
Wie das Drasriikcn-Frrtprrrrrserr irr Deriin ent 
stand. Vor 152 Jahren, am 24. Dezember 1739, erschienen die 
ersten Mietswagcn auf dem Schloßplätze zu Berlin. Es waren zweispännige 
Kutschen, nach dem Muster der Pariser gebaut und wie diese „Fiacres" 
sFiaker) genannt. Diese eigentümliche Benennung soll dadurch entstanden 
sein, daß der erste Unternehmer in Paris das Bild des „heiligen Fiacre", 
eines um 700 lebenden schottischen Königs, in seinem Geschäftsschilde führte. 
König Friedrich Wilhelm I. hatte 12 dieser Kutschen auf seine Kosten ! 
anfertigen und an solche Fuhrleute austeilen lassen, welche sich „mit Will- i 
fährigkeit und unter guten Bedingungen", bereit erklärten, das Unternehmen 
zu fördern. Auf Kosten der Besitzer wurden noch 3 Wagen gestellt, so daß 
zur Bewältigung deS Verkehrs 15 Fuhrwerke zur Verfügung standen. Die 
Beaufsichtigung wurde dem „Königlichen Wagen-Commissarius Geyer über 
tragen, besten Besoldung (12 Thaler 12 Groschen monatlich) die Wagen 
führer aufzubringen hatten. 
Im Jahre 1742 erschien das erste ausführliche .Reglement für die 
Fiacres",*) welches dieselben der Aufsicht des Polizei-Direktors unterstellte, 
eine Taxe für die Fahrten festsetzte und die Kutscher zu höflichem Betragen 
ermahnte. 
1764 erhielten die (bereits in größerer Zahl vorhandenen) Wagen 
Nummern und zugleich den strengen Befehl, „sich aller Reihensahrt gänzlich 
zu enthalten, damit jedermann sich ein ihm gefälliges Fuhrwerk aussuchen 
könne." Einziger Halteplatz war übrigens auch damals noch der Schloßplatz, 
gegenüber der Stechbahn. 
Jnlerestant ist eine Vergleichung der Fahrpreise von damals und 
heut: „Eine Fahrt innerhalb der Städte Berlin, Kölln und Werder, wie 
ferner bis auf die Neustadt und Friedrichstadt, bis zum Brandenburger, 
Potsdamer und Hallischen Thore kostete 4 Gr., in alle übrigen Vorstädte 
bis an jedes HauS innerhalb der Landwehren 5 Gr., für stundenlange 
Miete 8 Gr., und zahlen 4 Personen zusammen nicht mehr wie eine." 
Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nahm — wohl 
infolge der immer schlechter werdenden Beschaffenheit der Fuhrwerke und 
vielfacher begründeter Klagen gegen die Kutschen — die Inanspruchnahme 
und damit der Verdienst der Fiaker so ab, daß ihre Zahl immer 
geringer wurde; hin und wieder zeigten sich einige der alten gelben 
Kasten, bis endlich im Jahre 1783 der „zur Haltung von Fiacres privile 
gierte Verein von Fuhrleuten" aufgelöst wurde — Berlin besaß keine 
öffentlichen Mietsfuhrwerke mehr! Und diese droschkenlose Zeit dauerte, 
kaum glaublich, bis zum Jahre 1814. An Bemühungen, das entschlafene 
Institut wieder zu beleben, fehlte es während dieser Zwischenzeit nicht: 
wiederholt forderte die Kriegs- und Domänenkammer den Magistrat auf, 
sich mit den Berliner Fuhrleuten zu vernehmen, letzteren sollte sogar daS 
Zugeständnis gemacht werden, daß die Fahrtaxen sich nach den Haferpreisen 
richteten, aber alle Bemühungen blieben vergebens — die Kriegszeiten 
haben wohl auch daS Ihrige dazu beigetragen. 
Ein Unternehmer Mortier aus Destau erhielt endlich 1814 ein auf 
6 Jahre lautendes Privilegium, sogenannte Droschken — Druschki — aus 
russische Weise bespannt — aus öffentlichen Plätzen aufstellen zu dürfen; 
ihre Anzahl belief sich erst auf 40, dann auf 60, später (von 1621 ab) aus 
80. Als am 1. Oktober 1837 das Vorrecht MortierS nach mehrfacher Er 
neuerung erlosch, wurde freie Bewerbung der Fuhrunternehmer zugelasten, 
und dieser Zustand besteht heute noch. Rühmend wird der Fuhrherren 
Kremser und Sparwald gedacht, welche besonders die noch jetzt bestehende 
Einrichtung der Thorwagen ins Leben riefen; diese vermittelten den Ver 
kehr nach den Vergnügungsorten in der Nähe Berlins und sind noch jetzt 
unter dem Namen „Kremser" bekannt. 
Mit der Zeit erfuhr das Institut der Droschken noch mancherlei 
Aenverungen (Einführung der Fahrmarken, Teilung in Droschken 1. und 
2. Klasse); im ganzen genügt es den Ansprüchen, die man zu stellen be 
rechtigt ist. — Gegenwärtig giebt es in Berlin 2626 Droschen erster und 
2588 zweiter Klasse, sowie 317 Thorwagen. — __ P. B. 
Das berühmte Gemälde ücrJjiHjnt im Rate 
nt grstlamancrt“ des Venetianers Barbarino, derzeitigen Professors 
an der Akademie zu Florenz, ist von dem Radierkünstler Max Horte, 
Berlin, als Radierung wiedergegeben worden; wie sich unsere Leser er 
innern werden, war in der betreffenden Abteilung der 1890er Kunstaus 
stellung zu Berlin diese Arbeit die am meisten bewunderte. Sie trug nicht 
zum kleinsten Teil dazu bei, daß dem Künstler Max Horte von der Jury 
der Menzel-Preis zuerkannt wurde. Der Berliner Kunstverlag von 
Jacques Casper, Behrenstraße 14 und neuerdings auch Friedrich- 
straße 61, erwarb dasselbe, um sofort zur Herstellung der Drucke zu 
schreiten. Jüngst sind nun die Blätter im Kunsthandel erschienen. Ihr 
Erscheinen war von der kunstsinnigen Welt mit einer gewissen Spannung 
erwartet. Und ganz besonders in Amerika, das ja ein eigenes historisches 
Interesse an diesem Bilde hat, war man auf die Radierungen gespannt. 
Der Botschafter der Vereinigten Staaten, Mr. Phelps in Berlin, fühlte 
sich im Interesse der amerikanischen Kunsthändler sogar veranlaßt, einen 
telegraphischen Bericht über die Radierung nach der Heimat gelangen zu 
lassen, auf Grund dessen das dortige Blatt „Sun" in einer seiner letzten 
Nummern eine eingehende, überaus anerkennende Besprechung brachte. 
Die amerkaniichen Kunstkenner und Kritiker, denen Drucke von dieser Radie 
rung inzwischen zugänglich geworden sind, stimmen mit deutschen, eng 
lischen und italienischen dahin überein, daß diese neue Kunsterscheinung 
ein entzückend dekoratives Stück, ein Bild von höchstem geschichtlichem Wert, 
gleichwie großartigster Auffassung bedeutet. Zur Großartigkeit des Ein 
druckes von diesem Bilde auf den Beschauer trägt auch sein kolossaler Um 
fang bei; es hat 1 Meter Format. Dasselbe zeigt Columbus im histori 
schen Ratszimmer, verzweifelt in sich gekehrt — ob der vernichtenden Ab 
lehnung seines Gesuchs um Gewährung von Schiffen nebst Geld zu der 
Entdeckungsreise auf der Bank sitzend — vor sich am Boden entrollte Karten 
und Pläne. Der Rat verläßt das Zimmer. Nur Mönche, deren einer sich 
auch bereits im Fortgehen befinden, sind noch in der Nähe des Ver 
höhnten. J. 
gtttijitotrtt. Eines der interessantesten Dörfer des Havellandes ist 
das Dorf Satzkorn, l l 4 Ml. nordwestlich von Potsdam, das bereits 1375 er 
wähnt wird. Es ist eine alte slavische Ansiedelung, die von der Land 
bevölkerung noch heute Sotzker genannt wird. Mehrfach sind denn auch 
Urnen daselbst gefunden worden, die sich teilweise im Besitz des Ritterguts 
besitzers Brandhorst in Satzkorn befinden sollen. Aus dem Kirchhof lenken 
4 große Grabsteine von Angehörigen der Familie von Hünicke aus dem 
16. Jahrhundert die Aufmerksamkeit aus sich. Leider sind die schönen 
Steine, welche die Bildnisse der Verstorbenen enthalten, in ihrer jetzigen, 
halb vergrabenen Lage, in der sie dem Mutwillen der Dorsjugend ausgesetzt 
sind, einem baldigen Untergange geweiht. Vielleicht lenken diese Zeilen die 
Aufmerksamkeit aus dieselben, und wird ihnen ein würdigerer Platz ange 
wiesen, sei eS, daß sie aufrecht in die Kirchenmauer eingemauert werden, 
sei es, daß daS Märkische Provinzial-Museum sie in seine schützende Obhut 
nimmt. In dem Innern der sonst schmucklosen Kirche befinden sich auch 
noch einige Reste von Meßgewändern ohne besonderen Kunstwert, aber 
immerhin bemerkenswert, weil es vielleicht nicht viele evangelische Dorfkirchen 
geben wird, die dergleichen vorreformatorische Erinnerungen bewahren. 
R. M. 
Unser Süchertisch. 
Die Uvgesrtirrhti: des Ulen setzen nach dem heutigen Stande 
der Wissenschaft. Von Dr. Warst Hoerue». (Mit iiber 300 Ab 
bildungen im Texte und 20 ganzseitigen Illustrationen.) Wien, 
Pest und Leipzig. A. Hartlebens Verlag. 1891. 8". In 
20 Lieferungen 5 50 Pf. 
*) v. Cont. II. Corp. Constit. March. § 30.
        
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