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Periodical volume 4. Juli 1891, No. 40

Full text: Der Bär Issue 17.1891

Unter Mitwirkung 
Dr. R- Ksrirrguror, Dr. H. Drcndirtre, Tsteodrsr Fontane, Stadtrat G. Friedet 
Gymnafialdirektor Dr. M. KUswart; und Ernst von Mitdendructr 
herausgegeben von 
Friedr. Zistcsten und AirtIard George. 
XVII. 
Jahrgang. 
Xi 40. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin X., Schönhauser Allee 141, — 
Ferniprechstelle III g., 8^60), sowie durch alle Posta,istalteii (No. 70Y), Buchhandlungen und Zeiwngsspeditionen für 
2 mf. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
4. Jili 
1891. 
Nahe s. 
Gine Gr;ä1stung aus alter Zeit von A. M. Mitte. 
(Fortsetzung.) 
in trüber, regnerischer Sonnrag war angebrochen. Rahel 
saß in Gedanken versunken an dem Fenster ihres Stüb 
chens, über welchem der unsichtbare poetische Hauch weiblichen 
Waltens zu schweben schien, und schaute hinaus auf den eng 
begrenzten Raum des Jüdenhofes — das selbe oft gesehene Bild, 
welches sich in seiner Eintönigkeit ewig gleich blieb. Auf drei 
Seiten umgeben von den düstern, engen Gebäuden, welche 
jedem Sonnenstrahl zu wehren schienen, ward es vorn durch 
das eiserne Gitter begrenzt, welches die Juden abschloß von 
der Außenwelt. — Auf dieses Thor richteten sich sehnsüchtig 
Rahels Augen; schien doch hinter ihm eine andere, schönere 
Well zu liegen, eine Welt, die sich ihr vielleicht nie erschließen 
sollte. Siebenzehn Jahre hatte sie täglich nur diese Aussicht 
gehabt, halte täglich nur den immer mehr anwachsenden Kericht- 
haufen und die um den alten Brunnen versammelten weiblichen 
Bewohner des Jüdenhofes gesehen. Erst heute früh war sie 
wieder geweckt worden durch die lauten, scheltenden Stimmen 
und war, wie so häufig, Zeuge des Streites gewesen, welcher 
um der geringfügigstenKleinigkeit willen unter ihnen ausbrach. — 
Ein Seufzer, fast unhörbar, stahl sich aus ihrem Herzen. 
— Würde sich ihr Leben nie anders gestalten? — Würde ihr 
Vater ihren Bitten nie Gehör geben und sie etwas anderes 
schauen lassen, als diese Abgeschiedenheit? Das Verlangen 
nach Jugendglück machte sich in ihr gelteitd! Sollte sie nie 
mals frei werden von den Fesseln, die sie hier festzuschmiedeu 
schienen? Warum mußte sie an diese Scholle gekettet sein? 
Da begann plötzlich das Geläute der Glocken, welches 
die Frommen in das Haus des Herrn rief: zuerst ein fernes 
Summen, weithin vom Wind getragen — die Glocken der 
Petrikirche; dann voller und ernster der Ton von der Marien 
kirche, fast, als wollte er mit seinem dumpfen Baß die Gläubigen j 
erinnern an jenen Tag, da das Volk den Bischof von Bernau 
erschlagen, als er den Bannstrahl gegen die Kirchenfrevler zu 
schleudern drohte. Ein Priester erschlagen am Fuße des Altars! 
Das erforderte schwere Strafe. Zwanzig Jahre lang (1327 bis 
1347) hatten die Glocken schweigen müssen. Der Bann lag 
über Berlin und Kölln. Kein Kind halte den Segen der 
Taufe, kein Brautpaar die Weihe der Ehe, kein Sterbender 
den letzten Trost empfangen, bis der in Form eines Sarges 
ausgeführte Altar gestiftet, das steinerne Kreuz mit der ewigen 
Üanipe au jener Stelle, wo der Mord vollbracht, errichtet 
und das Lösegeld gezahlt worden war. Aber diese Zeit lag 
jetzt längst dahinten. Feierlich erscholl das Geläute, und immer 
mehr Glockenröne schwirrten durch die Luft. Wie ein Blitz durch 
zuckte der Gedanke Rahels Seele, auch dem Rufe der Glocken zu 
folgen und den Kirchgängern sich anzuschließen. Leah war in 
der Wirtschaft, der Vater in Geschäften nach Frankfurt — 
warum sollte sie nicht gehen? Niemand würde sie vermissen. 
Ein dichter Schleier verbarg ihr Gesicht den andern Menschen, 
ein großer Mantel verhüllte ihre schlanke Gestalt. Ungesehen 
gelangte sie aus dem Thore und, der Schar der Kirchgänger 
folgend, betrat sie bald die Nikolaikirche. — Dieselbe war 
dicht gefüllt. Rahel blieb im Hintergründe stehen und konnte sich 
eines eigentümlichen Gefühles nicht erwehren, als sie im 
Gotteshaus der Christen sich umschaute. Hatte ihre eigene 
Kirche sie je so zur Andacht gestimmt? Unwillkürlich zog es 
sie aus die Kniee nieder, und andächtig lauschte sie dem Ge 
sänge, der wie aus einer andern Welt zu ihr herab zu schweben 
schien. Ihre Sinne wurden fieberhaft erregt. Sie betrachtete 
das Altarbild — die Mutier Gottes mit dem Jesusknaben. 
O gewiß, dies mußte der Sohn Gottes, der verheißne Messias 
sein! Und das seine Mutter, die zarte Jungfrau, die den Herrn
        
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