Path:
Periodical volume 27. Juni 1891, No. 39

Full text: Der Bär Issue 17.1891

•<8 481 &■ 
kleidnng aller Ark schlichen sie zu ihm. die stolzen Patrizier 
söhne, gegen Wucherzinsen sich Darlehen zu verschaffen; sie 
branchlen ihn, obwohl sie wußten, daß es sein Grundsatz war, 
die Schwächen seiner Mitmenschen auszubeulen. Er wußte, 
daß die Edelleute, die christlichen Kaufherren seiner bedurften, 
und je mehr Verfolgungen sein Volk ausgesetzt ward, desto 
hartherziger wurde er den Christen gegenüber, desto mehr zeigte 
er ihnen, daß in solchen Augenblicken er der Gebende war, sie 
die Bittenden. 
Dieser Charaklerzug des Vaters war Rahel unbekannt; 
sah sie auch die Herren, welche zu ihm gingen, so glaubte sie, 
daß es Geschäftsleute wären, und da sie sich für dieselben nicht 
interessierte, fragte sie auch nie nach den näheren Umständen, 
Einsam und freudlos war ihre Kindheit verstrichen; keine 
liebende Mutterhand hatte sie geleitet, keine gleichgestimmte Ge 
fährtin war mit ihr aufgewachsen, hatte die Freuden und Leiden 
der Jugend mit ihr geteilt. Leah, so gm sie war. so sehr sie 
auch in anderer Beziehung für das Kind gesorgt, blieb eben 
eine Dienerin, welche nicht immer den richtigen Weg fand, und 
welche Rahel nicht schützen konnte vor dem mancherlei Schlechten, 
welches sie im Jüdenhof kennen lernte. Einigkeit herrschte hier 
nur, wenn es galt, den Christen gegenüber zu treten, sonst 
trennte auch aus diesem abgeschlossenen Stückchen Erde Zwie 
tracht, Mißgunst und Neid die wenigen Personen, welche gleicher 
Glaube hier vereint hatte; aber Rahels Gemüt blieb rein, 
indem sie zur Jungfrau heranwuchs, gleich wie eine einsame 
Wasserlilie in Schlamm und Unkraut erblüht, aber unberührt 
von ihnen bleibt. 
Ihr Vater sah stolz ihre aufblühende Schönheit, das Erb 
teil der früh verstorbenen Gattin, und lebte sich mehr und niehr 
in den Gedanken ein, sie nun auch reich zu machen, reich vor 
allen anderen. In diesem Zukunftsgedanken vergaß er fast 
der Gegenwart, vergaß, daß sein Kind Ansprüche an ihn habe, 
daß ihr Leben öde und einsam blieb, da kein Strahl zarter 
Elternliebe dasselbe beschien. Eine einzige Frende hatte sie, 
zu lernen, — sich in all das zu vertiefen, was ihr zu wissen 
tvünschenswert erschien, und ihre Bildung war eine selten gute 
für die damalige Zeit. 
Ein Bewohner des Jüdenhofes, ein entfernter Verwaitdler 
ihrer Mutter, erteilte ihr Unterricht, und sie war glücklich, wenn 
Rüben kam, was nicht regelmäßig geschah. Ihr junger Lehrer 
ivar nämlich in der Arzeneikunde bewandert, und seine Hilfe 
ward oft von den Kranken begehrt, gab es damals doch 
nur wenige, welche solchen Wissens sich rühmen konnten, und 
auch unter ihnen waren viele Quacksalber. Rüben war es 
geglückt, als ein Jahr nach Joachims Thronbesteigung die 
Pest zu wüten begattn, vielen zu helfen, manche itoch dem 
Tode abzuringen, nach denen dieser schon seine Hand ausgestreckt 
halte, was viel dazu beitrug, daß das Haus, in welchem er und 
Rahels Vater wohnten, der Verfolgung der Christen entging. 
In Rahels Kindergemüt hatte die Erinnerung jener Schreckens 
lage keine bleibende Stätte gewonnen; im Hause gehalten von 
den Ihren, hatte sie jene Gräuel nicht gesehen, aber desto 
bleibender blieb ihr der Eindruck, welchen der schöne, vornehme 
Knabe auf sie gemacht hatte. Wie eines fernen, aber unendlich 
schönen Traumgebildes dachte sie noch lange jenes Tages, da 
er sie vor den andern Kindern beschützt und heimgeleitet 
hatte. — Als sie älter wurde und so viel Schlechtes über die 
Christen hörte, klammerte sie sich desto fester an jene Erinnerung, 
denn sie konnte nicht glauben, daß alle Christen schlecht seien, 
weil einer doch so gut zu ihr gewesen. — 
Nie halte sie wieder von jener Begebenheit reden mögen; 
wie ein Heiligtum ruhte es still verborgen in ihrem Herzen. 
Vielleicht wäre dies nicht der Fall gewesen, wenn sie etwas 
anderes erlebt hätte, was diesen einen Lichtpunkt ihres Lebens 
hätte erlöschen lassen, nun aber wurde er für ihre zum Grübeln 
und Denken angelegte Natur der Kreis, um den jederzeit ihre 
Gedanken sich bewegten. 
(Fortsetzung folgt.) 
Bilder aus der Rechtspflege früherer Jahrhunderte. 
Kultur- und rechtSgeschichtliche Skizze von Heinrichs gMjütj. 
(Schluß.) 
Ehe die Tortur begann, wurde Jnquisit an gewöhnlicher 
Gerichtsstelle nochmals über die vorgeschriebenen Fragestücke 
vernommen und zum Bekenntnis der Wahrheit ermahnt. War 
dies ohne Erfolg, so ließ ihn der Richter in die Marterkammer 
bringen und zeigte dem Scharfrichter das Urteil im Original. 
Vor der Exekution wurde der Jnquisit wiederum über die 
Artikel befragt. Außer dem Richter mußten mindestens zwei 
Beisitzer und der Gerichlsschreiber zugegen sein, welcher genau 
zu verzeichnen hatte, wie mit Anlegung der Instrumente ver 
fahren worden, was Jnqusit geredet, und wie er sich sonst ge- 
berdet. Ein derartiges Protokoll, welches den Vorgang ver 
anschaulicht, möge hier folgen: 
„Actum Halle, den 24. Febr. 1730. 
hora XI. nocturna. 
Wurde der Jnquisit Stichling ex custodia in die Rats 
stube gebracht, ihm beweglich zugeredet, daß, weilen er leicht 
erachten tönte, warum er so späte vorgebracht würde, er annoch 
die Wahrheit angeben und es zur Marter nicht kommen lassen 
solle. Woraus er in Güte über beygefügte Artikul vernom 
men worden: 
Art. 1. 
Ob er nicht in Schkölen am 10. Nov. 1722 in der Nacht 
den in des Probst und Pfarrers M. August Beyer's Wohn- 
hause geschehenen Diebstahl und Einbruch mit verübet? 
Nein. 
Art. 2. 
Auf was Weise solcher geschehen? 
Es ist mir nicht bewußt. 
Art. 3. 
Wer ihm dazu geholfen? 
Mir ist der Diebstahl nicht bekannt, und weiß auch nicht, 
wer ihn hat ausgeübet. 
Art. 4. 
Was er mit denen andern Dieben daselbst gestolen? 
Ich bin kein Dieb und der Diebstahl in Schkölen ist mir 
iticht bekannt. 
Art. 5. 
Wie viel Jnquisit davon participiret? 
Ich begere kein gestolen Gut, ich habe mit den Dieben 
keine Gemeinschaft. 
Art. 6. 
Ob er nicht die folgende Nacht in Merseburg den bei dem 
Crainer A. G. Vogt geschehenen Einbruch und Diebstahl mit 
verrichten helfen? 
Nein, ich weiß von keinem Diebstahl.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.