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Periodical volume 27. Juni 1891, No. 39

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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wohnern; und obwohl sie, nachdem sie 1354 Aach Berlin und 
Kölln halten zurückkehren dürfen, einige wenige Rechte er 
halten, blieben ihnen keineswegs die Verfolgungen erspart, 
welche ihnen und ihren Kindern oft in fanatischer Wut von 
den Christen drohten. 
So erregte es auch kein besonderes Staunen, als einer 
der größeren Knaben den Vorschlag machte, das Judenmädchen 
zu steinigen. Schon hob sich hier und da ein Arm zur 
Ausführung des schmachvollen Planes, schon fiel ein Stein 
dicht vor der Kleinen nieder, als mit dem lauten Rufe: 
„Halt!" der Knabe, welcher vorher die Bewunderung des Kindes 
erregt hatte, schützend vor dasselbe trat. — „Zurück! Seid 
Ihr im Ernst solcher Schandthat fähig, ein wehrloses Mädchen 
anzugreifen, das Euch nichts that? Ich leide nicht, daß ihr 
etwas geschieht." — Die Kinderschar trat, bestürzt über den 
zürnenden Ausdruck in der Rede, auseinander, nachdem sie 
teilweise furchtsam, teilweise erstaunt, daß ein Page sich zum 
Beschützer eines Judenkindes auswarf, zu ihm aufgeschaut hatte. 
Aber es war schon dunkel geworden, in immer dichteren und 
dichteren Flocken begann sich der Schnee auf die hartgefrorene 
Erde zu senken, und es war mehr die Ungunst des Wetters, 
als das Verbot des Junkers, was sie von einer weiteren Ver 
folgung der Jüdin abstehen ließ. 
Scheu und ratlos stand diese weinend ihrem Beschützer 
gegenüber. „Wer bist Du?" bog er sich fast liebevoll zu ihr 
herab. „Rahe!" war ihre schluchzend hervorgestoßene Antwort. 
„Warum wagtest Du Dich hierher? Du darfst doch nicht allein 
bis hierher gehen, Deine Mutter wird Dich längst schon ver 
missen!" „Den Knaben wollte ich sehen, der, wie Vater sagt, 
jetzt das Scepter führt, aber in der Hand halte er kein Scepter, 
und wie ein Knabe sah er nicht aus," schaltete sie selbst, wie 
fragend zu ihrem freundlichen Schützer aufsehend, ein, der fast 
gegen seinen Willen über die naive Bemerkung der Kleinen 
lächeln niußte. Dieses Lächeln schien ihr Vertrauen ein 
zuflößen. denn, etwas ruhiger geworden, fügte sie wie ent 
schuldigend hinzu: „Die Mutter hab ich nie gekannt, mein Vater- 
ist viel fort, die alte Leah aber läßt mich nie heraus, 
da habe ich mich heimlich fortgeschlichen, als sie zu einer 
Kranken ging, ich sehe immer nur den Judenhof — aber jetzt 
muß ich zurück, es ist schon so dunkel, und ich komme sonst 
nicht mehr hinein." Von neuem begannen ihre eben erst ver 
siegten Thränen zu fließen, und ängstlich wandte sie sich zum 
Gehen. — „Ich bringe Dich," sagte er ritterlich; und willenlos 
ließ sie sich heimgeleiten, indem er neben sie trat und den Weg 
nach dem sogenannten Geckholl einschlug. 
Die andern Kinder waren längst nicht mehr zu sehen, 
aber wenn sie auch noch dort gewesen wären, niemals hätten 
sie gewagt. Eberhard von Rochow zu opponieren; er war all 
gemein wegen seines großen Gerechtigkeitssinnes geachtet und 
seiner Körperstärke wegen gefürchtet, außerdem sicherte ihm die 
Freundschaft mit dem Herrscher eine Ausnahmestellung. 
So schritt das ungleiche Paar die Georgenstraße (die 
heutige Königsstraße) und die Jüdenstraße bis zum Jüdenhof 
entlang. 
Vor dem Thor des letzteren standen mehrere Frauen, 
welche gleiche Religion und gleiches Schicksal auf diesem ab 
gesonderten Fleckchen hier zusammengefiihrt und schauten suchend 
die Straße hinab. 
„Da ist Leah", sagte Rahel zu Eberhard, dem sie unter 
wegs mitgeteilt, daß sie ohne Geschwister und Spielgefährten 
heranwüchse. Des Knaben Mitgefühl erwachte noch mehr, 
als er die Umgebung sah, in welcher dieses Menschenkind 
leben mußte. „Leah, da bin ich, schilt mich nicht, der freund 
liche Herr bringt mich zurück. — was habe ich alles Schönes 
gesehen!" rief sie, nach echter Kinderart durcheinander, der 
alten Jüdin entgegen, die Fährlichkeilen, denen sie ausgesetzt 
gewesen, über allem, was sie gesehen, vergessend. „Endlich, 
Rahel, endlich, wie konntest Du mir das anthun, und heimlich 
fortgehen?" entgegnete die Alte, einen flüchtigen Blick auf den 
sich schnell verabschiedenden Begleiter ihres Pfleglings werfend. 
Dann trat sie mit Rahel in eins der düsteren, schmutzigen, fast 
unheimlich aussehenden Häuser des Jüdenhofes. — 
Eberhard ging sinnend heim. Wie anders war doch sein 
Leben gestaltet im Gegensatz zu diesem armen Kinde! Was 
haue er besonders Gutes gethan, daß er vor so vielen bevor 
zugt war? — Zum erstenmale wohl dachte er ernsthaft über 
die scheinbare Ungerechtigkeit des Schicksals nach, welches die 
Lose der Sterblichen so ungleich verteilt, und das arme kleine 
Mädchen wollte ihm nicht aus dem Sinn. Wenngleich auch 
er gelehrt worden, die Juden nicht als gleichberechtigt zu be 
trachten, mußte er doch wider seinen Willen an die Kleine 
denken und konnte die ersten Tage den fast flehenden Blick 
ihrer dunklen Augen nicht vergessen; aber ihr zu helfen, war 
ihm unmöglich. Wie konnte er zu ihr gelangen? Wie würden 
auch ihre Glaubensgenossen eine Annäherung seinerseits auf 
nehmen? — Vielleicht verlangte sie kein anderes Leben! — 
Vielleicht! — Ihre Augen schienen vom Gegenteil zu 
sprechen. 
Jahre waren vergangen. Eberhard hatte dieselben fern 
von Berlin zugebracht. Nachdem in Stendal die Vermählung 
des Kurfürsten mit der schönen dänischen Königstochter Elisabeth 
stattgestlnden, zu welcher Eberhard seinen Herrscher begleitet 
hatte, war er zu Verwandten gegangen, während in der Mark 
die Pest wütete. Da halte er zuerst häufig noch der kleinen 
Rahel gedenken müssen, als die fanatische Volkswut wieder 
die Juden der Schuld an dieser Krankheit bezichtigten, als ihm 
aus der Heimat die Kunde ward, der Pöbel habe kaltblütig 
die Judenhäuser gestürmt, ihre Insassen gemordet, weil dieselben 
die Luft verpestet, die Brunnen vergiftet haben sollten. — Im 
Schlaf verfolgten ihn nach solchen Berichten Rahels dunkle 
Augen, welche die stumme Bitte auszusprechen schienen: Hilf 
mir! — War auch sie dem feindlichen Geschick anheimgefallen? — 
Später hatten andere Interessen die Gedanken an die 
kleine Jüdin zurückgedrängt, und seltener flog seine Erinnerung 
zu ihr zurück. Die kurze Episode seiner Knabenzeit war fast 
vergessen. — 
In der eintönigen Einsamkeit und Abgeschlossenheit des 
Jüdenhofes wuchs unterdessen Rahel heran. Ihr Vater war 
der angesehenste Kaufmann Berlins; er war nicht nur der Ver 
mittler aller Geldgeschäfte, da es sonderbarerweise damals nur 
den Juden gestattet war, Zinsen für ausgeliehene Kapitalien zu 
fordern, sondern er hatte durch seine Thätigkeit und seine kauf 
männische Tüchtigkeit auch den größten Einfluß auf den Handel. 
Er benutzte diesen Einfluß auf jede nur denkbare Art; er wollte 
sich die Macht schaffen, die einzig seinem Volke zu Gebote 
stand — die Macht des Geldes. Er war gehaßt als Wucherer, 
wurde aber trotzdem inrmer und immer aufgesucht. In Ver-
        
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