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Periodical volume 20. Juni 1891, No. 38

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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speziell für polychrom behandelte Skulpturen; seine ersten der 
artigen Arbeiten, denen glücklicher Erfolg beschieden war, sah 
Leipzigs Festhalle bei dem großen Bundesschießen des Jahres 
1884; zwei 4 Meter hohe Landsknechte in der Tracht des 
16. Jahrhunderts standen auf dem Festplatz zu beiden Seiten 
des Haupllhrons und hallen eine prächtige dekorative Wirkung. 
Sein feines Gefühl für die farbige Erscheinung der Bildwerke 
hat er neben verschiedenen für die Kleinkunst bestimmten 
Werken noch im letzten Lebensjahre in vier geistvoll erfundenen 
und mit köstlichem Humor durchgeführten Wappenschildern für 
das Pschorrbräuhaus in 
Köln bethätigt; diese 
haben ihm nicht nur an 
Ort und Stelle, sondern 
auch während ihrer Son- 
der-Ausstellung im Ber 
liner Kunstgeiverbe-Mu- 
seum reiche Bewunde 
rung eingetragen. 
Der Sommer des 
Jahres 1889 licßKasssack 
unter vierzig Bewerbern 
als Sieger der Kon 
kurrenz um das Kaiser- 
Denkmal für Halle- 
Giebichenstein her 
vorgehen , dessen Aus 
führung die Bilder auf 
dieser und der folgenden 
Seile zeigen. Ursprüng 
lich war jener Porphyr 
felsen dafür in Aussicht 
genommen, welcher die 
sagenumrauschle Burg 
Ludwig des Springers 
— Giebichenstein — 
trägt, doch ist diesem 
Standort schließlich ein 
Felsen am Ufer der 
Saale, ivelcher dem 
Dorfe Kröllwitz gegen 
über liegt, als für die 
Fernwirkung günstiger, 
vorgezogenworden. Der 
Entwurf — welcher nur 
geringe Abänderungen 
erfahren hat — war von 
Anbeginn folgender: An 
der Felswand lehnt ein mächtiges, von dichtem Lorbeergezweig 
umkränztes Medaillon, welches die Brustbilder der beiden großen 
Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. zeigt; die gewaltige Gestalt 
einer im lichten Marmor gebildeten geflügelten Walküre steht 
neben diesem bedeutsamen Bilde; ihre kraftvolle Rechte limfaßt 
das siegreich geführte Schwert, zu ihren Füßen ruht der mit dem 
Reichsadler geschmückte Schild; ihre Linke aber breitet wie segnend 
eine Palme über die Porträts der Herrscher. Eine Spalte 
des Porphyrfelsens legte dem Künstler den Gedanken nahe, 
in derselben die Hydra des Krieges, den Drachen der Zwie 
tracht, hausen zu lassen, welchen das göttergleiche Weib mit 
der Wucht ihres Schwertes getötet hat. Die Fänge des be 
zwungenen Geiiers werden zu Füßen der Walküre sichtbar, 
welche, Rafaels heiliger Margareta vergleichbar, als Siegerin 
auftritt, die des Friedens Palme hochhäli. 
Das Jahr 1889, welches unsern deutschen Bildhauern 
die große Konkurrenz um das Nationaldenkmal Kaiser Wilhelm I. 
brachte, fand auch Kaffsack unter den Bewerbern; seine für die 
Schloßfreiheit komponierte Denkmalsanlage zeichnete sich durch 
malerischen Schwung des Ganzen ivic durch charakteristische 
Auffassung des Reitcrdenkmals und seiner Sockelffguren aus. 
und obgleich dein Künst 
ler keine Prämiierung 
zu teil wurde, hat ihm 
doch manches gewichtige 
Wort der Anerkennung 
über seine treffliche Lei 
stung nicht gefehlt. 
Diese nionumenlale 
Arbeit, sowie auch die 
reizvollen Genregruppen 
„junge Liebe" und 
„erstes Gebet", welche 
die Ausstellung von 
1889 brachte, wurden 
die unmittelbare An 
regung zu dem ersehnten 
Staalsauftrag, auf wel 
chen er, „der leider nicht 
in Preußen Geborene", 
jahrelang gewartet hatte. 
Das Standbild des gro 
ßen Andreas Schlüter 
wurde Kaffsack über 
tragen, aber noch ehe 
er die Skizze „mit Be 
geisterung" vollenden 
konnte, schlug ihm die 
Todesstunde. 
Kehren wir noch 
einmal zum letzten 
Schaffensjahre des 
Künstlers zurück, so ist 
cs gerade der Januar 
desselben, welcher ihm 
den Freudentag brachte, 
an welchem Kaiser Wil 
helm II. in sein schlichtes 
Garten-Atelier, Liitzow 
straße 9, einkehrte, um das Denkmal für Giebichenstein an 
zusehen und dem Künstler für die Kaiserherme des Rat 
hauses zu Leipzig eine letzte Sitzung zu gewähren. „Der 
Kaiser fand sowohl das Denkmal als auch die Büste sehr 
gut, sprach sich überhaupt sehr gnädig und günstig Über 
meine Arbeiten aus", so schrieb er mir am Tage nach jenem 
Kaiserbesuch; mit gutem Humor berichtete er mir später 
noch, daß der Herrscher seine üppigen orientalischen Teppiche 
bewundert hätte, „ich hatte sie ja aber alle nur für den Tag 
geliehen und sagte deshalb: „Alles Schwindel, Majestät, cs 
gehört kein einziger mir." Ueber diese aufrichtige Antwort 
5>rt» Dwoikaiser-derikrnal ju Mioliirtionstei»! lrei Halle a/S. 
am Tage der Enthüllung (18. Oktober 1890). 
2)on Joseph Stofffoef.
        
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