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Periodical volume 13. Juni 1891, No. 37

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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wenigstens Arthur glücklich sei, als sie ihren Ellern erklärte, 
weshalb Jda so bittere Thränen vergieße, wagte weder der 
alle Graf noch seine Gemahlin ihrer Eimänschung in harten 
Worten Ausdruck zu geben. Wlaskas Urteil galt ihnen mehr, 
als die Bitte Arthurs, die Thränen Jdas. 
War es erklärlich, daß der Gedanke, auf Schloß Wedehlen 
die Tochter des ehemaligen Postmeister Braun als Braut 
seines Erstgeborenen begrüßen zu müssen, sehr viel bitteres 
für den alten Wedehlen enthielt, so wurde der Graf dafür be 
straft, daß der Schmerz seiner Tochter Jda in seiner Brust 
nicht ein leises Gefühl der Befriedigung darüber verscheuchte, 
daß er nun wenigstens nicht mehr in die Lage komme, eine 
Werbung Otto v. Brauns um Jda erwarten zu müssen. Als 
er fich der Fürstin Karoline empfahl und der Neuigkeiten aus 
Arthurs Schreiben erwähnte, machte ihm die Fürstin eine Mit 
teilung, die ihm ganz andere Gedanken nahe legte. „Der Tod 
des Herrn Otto v. Braun," sagte sie, „bringt unserer Residenz 
eine Stiftung, Sie erinnern sich der Gräfin D. ?" 
„Gewiß, mein Sohn und jener Braun fanden ja bei ihr 
ein Asyl." 
„Die Gräfin," fuhr die Fürstin fort, „ist, wie Sie viel 
leicht gehört haben, vor vier Monaten gestorben und hat ihr 
Testament in meine Hände gelegt. Sie hatte ein Tendre für 
den Herrn v. Braun, und da sie weder Kinder noch Verwandle 
hinterläßt, die ihr nahe stehen, hat sie ihr sehr bedeutendes 
Vermögen Herrn Otto v. Braun mit der Bedingung hinter 
lassen, daß er den Antrag stelle, ihren gräflichen Familien 
namen, der sonst mit ihr ausstirbl, annehmen zu dürfen, was 
ihm jedenfalls bewilligt worden wäre, da er als ihr Erbe 
Besitzer der großen Herrschaft ** würde. Die gute D.," schloß 
die Fürstin, „hatte, glaube ich, durch ihren Sohn ein Herzens- 
gehcimnis des jungen Braun erfahren und wollte durch dieses 
Testamettt ihm den Weg zu seinem Glücke bahnen, nun aber 
wird, ihrer Bestimmung gemäß, ihr Nachlaß dazu verwendet, 
eine Militärschule für Waisenknaben zu errichten." 
Graf Wedehlen verließ die Fürstin in einer Stimmung, 
als habe ihn ein neuer Unglücksschlag getroffen. Hätte er 
Derartiges ahnen können, wie gerne hätte er Otto schon vor 
zwei Jahren seine Tochter gegeben. Dann wäre wohl alles 
anders gekommen, Otto wäre vielleicht, so dachte er, garnicht 
in den Krieg gezogen, oder, wenn er gefallen, war Jda jetzt 
eine reiche Witwe, mit deren Hilfe er Schloß Wedehlen wieder 
in den alten Stand setzen konnte. Er verschwieg den Seinen, 
was er gehört. Wie der Mensch stets von sich selber auf 
andere schließt, so wähnte er, den Schmerz Jdas nutzlos zu 
vergrößern, wenn sie ahnte, daß Otto v. Braun hätte ein 
reicher Graf werden können. Seine Stimmung wurde aber 
durch dieses Verschweigen eines Geheimnisses um so gedrückter; 
es war ihm, als sei er vom Schicksal dazu auserseheu, Ent 
täuschungen, Demütigilngen und Unglücksschläge zu erditlden. 
<Schluß folgt.) 
Die Nuntius-Frage und ein Klostersturm 
in Berlin. 
Von 0v. K. 
lSchtuß.) 
Jetzt kam ein Herr, der wenigstens durch eine gewisse 
Ordnung seiner Gedanken wohlthuend wirkte, nämlich auf 
die Referenten. „Wir sprechen immer von Heuchlern, wir 
alle sind aber Heuchler, Sic samt und sonders (Ueber- 
raschung). Sie lassen sich in der Kirche trauen, lassen da 
taufen, sagen Ja und Amen, ist das nicht Heuchelei?" Lautes 
Bravo, eine Stimme: „Nein!" — „Raus, Raus! . . schmeißt 
ihn raus....!" Herr D. hat das Wort. Ein Herr mit ge 
waltigem Pathos, den man sofort für einen zoriischuallbeudeu 
Dominikaner auf der Kanzel gehalten hätte, wenn er nicht 
gegen dre Dominikaner gesprochen und sich Sozialdemokrat ge 
nannt hätte. Mit einer Stimme, welche die Tonhalle in ihren 
Gruitdmauern erzittern ließ, rief er aus: „Meine Lunge ist 
gesund, aber sie ist nicht gesund genug gegen diese Brut, das 
ganze Pfaffentum ist eine Lüge. . ." (Donnernder Applaus, 
eine Stimme „Oho!" „Raus, raus!") Der Redner fortfahrend: 
„Toleranz ist eine Schwachköpfigkeit, Intoleranz das ist die 
Losung." Der nächste Redner hub mit den Worten an: „Der 
große Friedrich hat gesagt, in seinem Staate solle jeder nach 
seiner Fa^on selig werden. . ." Das war ein Affront, der 
diesem Publikum nicht hätte ins Gesicht geschleudert werden 
sollen. „Unsinn," brüllte es von allen Seiten. „Herunter, ab 
treten, Schluß, nicht weiter reden!" Der Präsident: „Ich muß 
den Herrn Redner bitten, zur Sache zu sprechen." Das Pu- 
blikum: „Herunter! Schluß!" Der Lärm wurde so groß, dag 
der Präsident immer zu und vergebens schellte. Das Publi 
kum: „Mund halten!" Präsident: „Wenn Sie nicht Ruhe 
halten können, muß ich die Sitzung schließen." Ein Herr von 
der Bühne: „Meine Herren, lassen wir durch Abstimmung ent 
scheiden, ob Herr Z. weiter reden soll." Vicepräsidem Dr. L.: 
„Darüber ist keine Abstimmung zulässig, der Redner möge zur 
Sache sprechen." Der Redner kommt endlich wieder zu Work: 
„Friedrich ll. sagte . . ." „Herunter, Mund halten." Der 
Redner überschreit die Versammlung: „Ich will ja bloß sagen, 
daß, wenn unsere Regierung die Dominikaner duldet, sie dann 
auch die freien Gemeinden (zu denen Redner gehört) gewähren 
lassen sollte; wir wollen auch nach unserer Fa^on selig werden, 
so gut wie die Dominikaner." „Herunter, raus . . .!" Der 
Redner mußte abtreten, und zwar, weil er das Wort Friedrich II. 
auch für die freie Gemeinde angewendet wissen wollte, ein Ge 
danke, den niemand in der Versammlung zu fassen vermochte, 
und der die tiefste Mißachtung fand, weil in der Diskussion 
der Klosterfrage die bloße Erinnerung an die Seligkeit eines 
jeden a sa f'a^n als geheime Parteinahme erschien, und Dr. L. 
nannte das Citat „nicht zur Sache gehörig." Der nächste 
Redner sprach ruhig, verständig, aber ohne Beifall und ver 
anlaßte daher den Antrag eines Mitgliedes, daß kein Redner 
länger als 10 Minuten sprechen solle. Der Glossenreißer, der 
zuerst in der Sitzung das Wort gehabt und lauter rhetorische 
Purzelbäume geschlagen hatte, sprach gegen diesen Antrag mir 
voller Nachsicht für den letzten Redner, „weil man auch den 
geduldig anhören müsse, der nicht nach den Regeln der Rhe- 
thorik (wie er selber?) spräche." Dann kam ein Mann, der 
sich Ingenieur nannte. „Jeder nach seiner Fayon? Das ist 
das Verkehrteste, was es geben kann." Ein Buchbindermeister 
tritt auf und will den Gedanken des Redners deutlich machen, 
der Friedrich II. citiert. Sofort wieder der Präsident und 
das Publikum: „Zur Sache." Der Redner spricht auch gegen 
den Lassalleanismus, wobei niemand ruft: „Zur Sache", da 
gegen sehr viele Stimmen ihr „Oho" erschallen lassen. Der 
Nachfolger auf der Tribüne geißelt scharf des Kultusministers 
Verfahren gegen das Kloster, indem er den Orden als bloßen
        
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