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Periodical volume 13. Juni 1891, No. 37

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Die Begeisterung, welche der Sieg bei Leipzig auch da 
entzündet, wo das Vertrauen auf deutsche Kraft noch gefehlt, 
riß selbst widerstrebende Gemüter,hi». Auch das in Vor 
urteilen oerrottete Herz des alten Grafen Wedehlen konnte sich 
gegen ein triumphierendes Gefühl nicht verschließen, als er er 
fuhr, daß sein Sohn das eiserne Kreliz erhalten. Vor acht 
Jahren hatte er die Idee skandalös, republikanisch gefunden, 
Reichsgrafen und Bauern durch ein und dasselbe Ehrenzeichen 
belohnen zu wollen, da wäre er von voniherein mißtrauisch 
gegen jede Bestrebung eines vornehmen Edelmannes gewesen, 
die den Beifall anderer Stände gefunden oder gar von den 
selben geteilt wurde. Die Well war eine andere geworden, 
selbst Kaiser und Könige ließen sich, gern oder ungern, von 
den Ideen der Führer der Volksbewegung leiten; man fragte 
bei Besetzung hoher Aemter nicht nach der Geburt, sondern 
nach Verdienst und Fähigkeit; in der Armee dienten die Söhne 
der edelsten Geschlechter als Gemeine neben den vom Pfluge 
geholten Bauern, und wie ein alles betäubender, alles fort 
reißender Rausch loderte die Begeisterung für die Befreiung 
des Vaterlandes. 
Es war ein Rausch. Die heilige Flamme, welche die 
edelsten Naturen des Volkes durchglühte, erschien nicht bloß 
dem Grafen Wcdehlen, sondern Tausenden, die in Vorurteilen 
erzogen, wie er, als ein außergewöhnliches Mittel, dessen man 
sich entledigen müsse, sobald die alle Ordnung wiederhergestellt 
sei; man hatte damals noch nicht den nationalen Gedanken so 
allgemein erfaßt, wie heute; in den bevorzugten Kreisen der 
Gesellschaft dachte man nur daran, das Joch des Korsen zu 
brechen, um dann die alten Verhältnisse wieder herzustellen. 
Es sollte der deutschen Jugend die Aufgabe bleiben, die Saat 
nationaler Begeisterung lebendig zu erhalten, bis ein anderer 
Kampf gegen den Erbfeind vollendete, was man vor sechsund 
fünfzig Jahren versäumt. 
Der alte Graf war durch die tiefen Demütigungen, die 
er erlitten, gebeugt, aber nicht ein anderer Mensch geworden. 
Nach dem Siege von Leipzig glaubte er daran, daß die Macht 
des Korsen gebrochen, und begann über Arthur anders zu 
denken als früher. Er bekam Respekt vor dem Sohne, über 
dessen Bestrebungen er ehedem die Achseln gezuckt; die Träume, 
welche Arthur gehegt, hatten sich verwirklicht; er gehörte mit 
zu denen, welche das Regiment des Korsen unterwühlt, den 
Volksgeist gehoben, und jetzt hatte er sich auch auf dem Schlacht 
felde ausgezeichnet. Das Königreich Westfalen brach zusammen, 
Jerome wurde verjagt, die vertriebenen Fürstengeschlechter 
kehrten zurück, und Graf Wedehlen konnte seine Hoffnung, auch 
den Glanz seines Geschlechtes wiederherzustellen, nur darauf 
bauen, daß man uni Arthurs willen ihm seine Liebäugelei mit 
den Franzosen verzeihe. Er bedurfte der staatlichen Hilfe, um 
seine durch Plünderung und Erpressung völlig ruinierte Herr 
schaft wieder zu heben. 
So erwartete er denn mit Sehnsucht die Rückkehr seines 
Sohnes aus dem Kriege. Er erfuhr aus den Zeitungen, daß 
die Mächte zur Ordnung der europäischen Angelegenheiten 
einen Kongreß nach Wien berufen; dort sollten auch die Ver 
hältnisse der früher reichsunmittelbaren Herren neu geregelt 
werden. Arthur hatte sich verdient um das Vaterland gemacht 
und die höchsten Protektionen erworben; der Stab des Generals, 
bei welchem er Dienste geleistet, war bereits aufgelöst, aber 
er selbst kam nicht heim. Die Ungeduld des Grafen wtlrde 
mit jedem Tage lebhafter, eine Ahnung ließ ihn davor zitiern, 
daß sein Söhn vielleicht etwas beginne, was alle seine Träume 
zerstöre; aber noch versuchte er sich mit dem Gedanken zu 
trösten, es sei ganz unmöglich, daß Arthur jetzt, wo er die 
stolzesten Ansprüche erheben konnte, noch einer Neigung nach 
hänge. die in den Zeiten, wo er ein verfolgter Flüchtling war. 
verzeihlich gewesen. 
Da endlich kam ein Brief; derselbe war aus Wernigerode 
datiert, er meldete das schlinimste, was der alte Graf be 
fürchtet — die Verlobung Arthurs mit Minna v. Braun! 
Arthilr erbat den Segen seiner Eltern zu dieser Verbin 
dung, in einem beigelegten Schreiben an Jda schilderte er die 
Gefühle seines Herzens. Wenn die Eltern Arthurs trotzdem, 
daß sie die Zähigkeit seines Willens kannten, sich noch hätten 
der leisen Hoffnung hingeben wollen, ihn durch Vorstellungen 
umstimmen zu können, so hätte der Anblick Jdas sie enttäuscht. 
Jdas Antlitz war in Thränen gebadet; die Hand, in der sie 
Arthurs Zeilen hielt, zitterte, sie schien wie vernichtet. Arthur 
schrieb ihr, daß er absichtlich es unterlassen, ihr von Otto von 
Braun Nachricht zu geben, er habe immer noch gehofft, ihr 
seine düsteren Befürchtungen ganz verschweigen zu können, aber 
jetzt, wo er Minna gefunden und gehört, daß auch sie ohne 
Nachrichten von Otto geblieben, müsse er ihr mitteilen, wo und 
wie er ihn zuletzt gesehen. „Es ist einer der bittersten Tropfen 
Wermut im Freudenkelche meines Glückes", schrieb er, „den 
jenigen als rot beweinen zu müssen, der mir der liebste, treueste 
Freund, der Vertraute meiner Liebe gewesen. Jetzt darf ich 
Dir verraten, was er mir früher geboten, geheim zu halten: 
daß sein Herz für Dich geglüht, wie das meine für Minna! 
Er liebte ohne den Sonnenschein der Hoffnung, er wollte es 
nicht, daß ich Dir sein Geheimnis verriet. Mag er Dir nun 
bloß als mein Freund und Retter teuer und wert gewesen 
sein, oder magst Du seinen hohen Wert mit wärmeren Ge 
fühlen empfunden haben: weine ihm mit mir eine Thräne 
nach. —" 
„Der alle Major Braun," so hieß es ferner im Schreiben, 
„ist erst nach der Vertreibung der Franzosen aus langer, 
schwerer Haft erlöst worden; er fand die Mutter meiner Minna 
nicht mehr am Leben; die alte Frau hatte Gott bereits von 
ihren Leiden erlöst, als die Botschaft kam, daß ihr jüngster 
Sohn bei Leipzig den Heldentod gestorben. Der alte Major 
trägt sein Unglück mit einer erschütternden, wehmütigen Freudig 
keit; er ist stolz daraus, daß seine beiden Söhne für das Vater 
land verblutet, und wenn ich das in Thränen leuchtende Ange 
des alten Mannes sehe, der das Vaterherz verleugnen möchte, 
und das doch nicht vermag, dann ist es mir, als sähe ich eine 
Gestalt aus der alten Römerzeit lebendig." 
Arthur kündete es Jda im Vertrauen an, daß er mit 
seiner Braut und deren Vater seine Eltern, sei es in Rudol 
stadt oder auf Schloß Wedehlen, aufsuchen werde, falls sie sich 
inzwischen dorthin begäben; er hoffe, daß der Zauber Minnas 
es seinen Eltern erleichtern werde, sie als Tochter zu begrüßen. 
Wlaska hatte es bereits früher erfahren, daß sie Witwe 
geworden, sie war seit der letzten schweren Krisis ihrer Schwester 
innig nahe getreten; sie hatte es erraten, daß die Schwester, 
die ihr Trost zusprach, ein unglückliches Sehnen im Herzen berge, 
und als ihr Jda jetzt das Schreiben Arthurs reichte, fühlte sie 
mit der Schwester und brach in Thränen aus. Seltsam genug 
— aber als sie jetzt ihre Genugthuung darüber aussprach, daß
        
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