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Periodical volume 13. Juni 1891, No. 37

Full text: Der Bär Issue 17.1891

"H-ark 
Unter Mitwirkung 
vr. R. Ksrirrgrrior-, vr. H. Srerrdictro, Ttseodor Fontane, Stadtrat G. Friedet, 
Svmnafialdirektor Dr. M. Krtiroart; und Grnlt oon Mitdendruri, 
herausgegeben von 
XVII. 
Jahrgang. 
M 37. 
Friede. Zitteflvrr und Rirhard George. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin II., Schönhauser Allee m, — 
Fernsprechstelle da, 84-60), sowie durch alle Postanstalten (No. 709), Buchhandlungen und Zeitungsspeditionen für 
2 IHf. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
13- Zuni 
1891. 
Ujn neues Weschkecht. 
Rornan aus drr Zeit der Kefreiungstrriege von Hrrman» von Detenroth. 
(Fortsetzung.) 
XXVIII. 
find einige Monate verflossen, seil man die Franzosen 
über den Rhein getrieben hatte. Der wütende Korse setzte die 
letzten Kräfte des zu Tode erschöpften Frankreichs im Ver- 
zweiflungskampse ein. Er schlug siegreich bei Montereau und 
Troyes, warf die Russen bei Craonne, aber da wetterte ihn 
Jork bei Laon zurück. 
Bei Arcis sur Aube pflückte sich Kaiser Wilhelm I. den 
ersten Lorbeer und erwarb sich das eiserne Kreuz. Hier schlugen 
während der Schlacht preußische Kugeln in ein Spital, und 
eine platzende Granate traf eine fromme Schwester, als sie 
eben eineni Krieger den Verband anlegte. Nach der Schlacht 
füllte sich das Spiial bis auf den letzten Platz, die sterbende 
fromme Schwester lag mitten unter den Kriegern. 
Graf Arthur Wedehlen durchschreitet die Säle, er hat er 
fahren, daß man Otto v. Braun verwundet hierher gebracht; 
er sucht den Freund, da fällt sein Blick auf das bleiche Weib, 
dem ein Arzt, den, wie seine Miene zeigt, vergeblichen Bei 
stand leister. Arthur stutzt, er kennt diese Züge, welche jetzt, 
wo die Kranke ihn erblickt, wie in Gluten gebadet scheinen. 
Es ist Claire de Frillon. Sie hat, nachdem der Chevalier 
d'Eu sie aus der Gefangenschaft zu Kassel befreit und ihre 
Verwendung Arthur und Otto vor weiterer Verfolgung ge 
schützt, ein Asyl im Kloster von Arcis sur Aube gesucht, von 
dessen Zinnen man die Ruinen des allen Schlosses der Mar- 
ligny, welches in der Revolutionszeit zerstört worden, erblickt. 
Hier hat sie ihr Dasein dem Dienste der Kirche und der Hu 
manität geweiht, als Samariterin Kranke gepflegt und Elende 
getröstet. Hier hat ihr Herz Erinnerungen nachgehangen und 
den Frieden mit sich selber gesucht, den das Menschenherz nur ^ 
jii frommer Ergebung unter Gottes Willen findet. Hier hat I 
sie auch erfahreit, daß die Nemesis ihren Bruder ereilt hat, 
daß man ihn, ehe er die Schweiz erreicht, standrechtlich als 
Spion der Bourbonen erschossen hat, da man hochverräterische 
Briefe bei ihm gefunden. 
Die versöhnende Gerechtigkeit des Schicksals bietet der 
Sterbenden, die gesühnt, was sie dereinst gefehlt, den letzten 
Trost, nach dem ihr Herz begehrt: der Mann, den sie wahr 
haft geliebt, reicht ihr tief erschüttert und teilnehmend die Hand. 
In der Liebe zu ihm hat ihr Herz sich von Irrwegen zurück 
auf den Dornenpfad, der zur ewigen Heimat führt, gefunden, 
und ehe sie ihr Auge schließt, soll sie es noch hören, daß er 
sie nicht verachtet, daß er ihr eine freundliche, dankbare Er 
innerung bewahren wird. Arthur schloß der Verblichenen die 
Augen, als der Tod sie von ihren Leiden erlöst, dann schritt 
er, ergriffen von dieser unerwarteten Begegnung, weiter, bis 
er endlich unter den Schwerverwundelen Otto v. Braun fand. 
Da steht er an dem Lager des Freundes. Die kräftige Jugend 
schmettert der düstere Engel nieder, und ihn, der sich schon 
vor Jahren mit dem Gedanken vertraut gemacht, eine Beute 
des Todes zu sein, ihn hat das Schicksal verschont! 
Die Pflicht ruft ihn weg vom Lager des Freundes, es 
ist ihm vergönnt, mit einzuziehen in das eroberte Paris. Als 
der Friede geschlossen, eilt er wieder nach Arcis sur Aube. Er 
findet den Freund nicht mehr dort; niemand weiß, was aus 
Otto geworden, man hat bei der Ueberfülle von Verwundeten 
keine Listen geführt. Liegt Otto in den Kalkgruben, in denen 
man diejenigen begraben, welche bald nach der Schlacht ge 
storben, oder hat man ihn anderwärts in Pflege gebracht? 
Niemand weiß es, aber im Klosterfriedhofe trägt ein einfaches 
Kreuz den Namen der frommen Schwester, welche bei Aus 
übung ihrer Pflichten ein Opfer des Krieges geworden.
        
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