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Periodical volume 30. Mail 1891, No. 35

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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„Rechten wir nicht darüber, ich wollte Dich nur daran 
erinnern, daß es eine Zeit gab, wo es Dir und Deinen Eltern 
willkommen war, daß ich mir Polizeigewalt Euren Interessen 
diente. In dieser Zeit entdeckte ich. daß meine Schwester 
Deinen Bruder Arthur liebte." 
„Sie hat ihn kaum gesehen!" rief Wlaska. „Was soll 
das Märchen?" 
„Sie sah ihn. und um seine Freundschaft zu gewinnen, 
fuhr sie mit ihm nach Nonnenbruch und versprach der Familie 
Brau» ihren Schutz. Sie ivar damals die Gattin eines reichen 
allen Mannes, Arthur war leidend und ging nach dem Süden. 
Aber von dem Tage ab, wo sie Arthur gesehen, haßte sie 
ihren Gatten, machte sie es mir zum Vorwurf, daß ich sie zu 
dieser Ehe gedrängt. Der Marquis de Frillon starb sehr bald 
eines plötzlichen Todes." 
Wlaska starrte Martigny an, als erschrecke sie vor dem 
Argwohn, der sich ihr ansdrängle, daß Martigny infam genug 
sein könne, seine Schwester des Mordes zu verdächtigen. Er 
verstand den Blick anders. „Du erbebst?" rief er, „Du 
schauderst? Der Tod Frillons war vielen auffällig, denn er 
inachte eine junge Witwe zur Erbin eines kolossalen Vermögens, 
aber das wußten die Leme nicht, daß diese Witwe das Bild 
eures jungen Mannes im Herzen trug, welcher der geborene Fidei- 
kommißerbe eines alten Grafengeschlechts war, daß sie nur deshalb 
Beziehungen zur geheimen Polizei anknüpfte, um jenen im 
Auge behalten zu können, obwohl er in Spanien weilte, um 
ihn gegen seine Feinde zu schützen. Ich bestreite es nicht," 
fuhr Martigny fort, als er sah, daß seine Worte auf Wlaska 
einen überwältigenden Eindruck machteir, „daß ich danach ge 
trachtet habe, uns Dein Erbe nicht verkümmern zu lassen; Duliebiest 
den Glanz und wärest noch unglücklicher an meiner Seite 
gewesen, wenn Du Dir hättest Entbehrungen auferlegen müssen. 
Dein Vater wollte Emmo das Fideikommiß zuwenden, ich 
strebte nach Aushebung des Familiengesetzes, weil ich die In 
triguen meiner Schwester zu Gunsten Arthurs fürchtete. Ich 
halle Dein und Deines Vaters Vertrauen verloren, ich durfte 
es nicht wagen, Euch, das Geheimnis anzuvertrauen, daß meine 
Schwester ihren Einfluß bei der französischen Polizei mißbrauchte, 
einen Aufrührer zu schützen, ich sah, daß Dein Vater und Du 
im Hasse gegen mich vereint, daß Ihr danach trachtetet, mich 
zu verderben. Ich wanite umsonst und mußte meine Pflicht 
als Beamter erfüllen, als Emmo sich heimlich den Aufständischen 
anschloß; da kam meine Schwester plötzlich nach Wedehlen. 
Jetzt kann ich es Dir sagen, sie bewog mich, Ernst v. Braun 
entrinnen zu lassen, sie beschützte auch den anderen Braun, 
weil derselbe der intime Freund Arthurs, sie hätte ebensogut 
Emmo retten können, wenn sie das gewollt, aber das war 
wohl gegen ihr Interesse!" 
„Infam," murmelte Wlaska, die bei dieser Vermischung 
von Wahrheit und Lüge schließlich dem Eindruck nachgeben 
mußte, auf welchen Martigny so geschickt hinarbeitete, „und 
Arthur liebt diese Schlange?" 
„Das ist das rechte Wort, ja, sie ist eine Schlange. 
Man verhaftete sie in Kassel wegen Verdachts der Ennordung 
ihres Gatten, ich mochte nichts zu ihren Gunsten thun, weil 
sie Emmos trotz meiner Bitten nicht geschont. Jetzt ist sie 
frei, sie hat Gönner und Freunde, sie ist ja schön und reich. 
Jetzt verstehe ich eL auch, daß der Chef der Polizei, nachdem 
Arthur und Otto v. Braun in meinem bisherigen Revier er 
griffen, mich nach Rudolstadt versetzt hat, und weshalb man 
mich hier empfangen, als hätte ich meine Pflicht vernachlässigt 
und müsse eine Untersuchung erwarten. Meine Schwester fürchtet, 
daß ich ihre Pläne durchkreuze, und ivie sie sich des Gatten 
entledigt, macht sie jetzt den Bruder unschädlich. Wollt Ihr 
daher Arthur gerettet sehen, so verbrennt das Gnadengesuch. 
Claire kann ihn heimlich retten, aber nicht, wenn der Kaiser 
Untersuchung und Bericht befiehlt. Ich habe meine Dienst 
entlassung gefordert. Sobald ich meinen Abschied habe, gehe 
ich nach der Schweiz. Ich stelle es Dir anheim, mich zu be 
gleiten, Wlaska, aber ich kann Dir sagen, es wird sich vielleicht 
sehr bald vieles ändern, und dann wird der boshafte Streich, 
den meine Schwester mir gespielt, mir zum Glücke dienen. 
Die Bourbonen sind noch nicht für alle Zeit vom Throne 
Frankreichs verdrängt. Mein Herz zog mich schon lange aus 
jene Seite, und es wird meines alten Namens auch würdiger 
sein, den legitimen Erben der Krone zu dienen, als dem 
Usurpator." 
Wlaska antwortete ausweichend, als müsse sie sich der 
artige Entschlüsse erst überlegen und mit ihren Eltern besprechen. 
Die Wendung, welche die Eröffnungen Martignys genommen, 
kam so unerwartet und überraschend, daß das geringe Vertrauen, 
welches sie zu ihrem Gatten hatte, wieder stark auf die Probe 
gestellt wurde. Das heimliche Wegnehmen des Briefes war 
schlecht erklärt, nach seinen Worten hatte er erst heute alle 
diese Erklärungen erhalten, er hatte aber den Brief schon 
vorher entwendet, als habe er das Kommende geahnt. ES 
war das wieder ein Gewaltstreich, der gewiß kein Vertrauen 
erwecken konnte. 
Die Fürstin Karoline bestätigte jedoch der Gräfin Wedehlen 
die Ansichten Martignys über den Erfolg eines Gnadengesuches. 
„Der Kaiser," sagte sie, „ist mehr als je gegen die Männer 
erbittert, welche den deutschen Volksgeist zu beleben versuchen, 
und niemand vermag weniger bei ihm, als die deutschen Fürsten, 
am liebsten würde er uns alle verjagen; Fürsprache von unserer 
Seile würde eher schaden als nützen." 
So mußte man sich denn bescheiden, Martigny hätte ja 
doch den Brief nicht herausgegeben. Das Interesse für Arthur 
war aber auch durch den Gedanken, daß er Claire de Frillon 
liebe, wieder sehr abgeschwächt, besonders lebhaft war es ja 
nie gewesen. Dann war es auch für Wlaska ein überaus 
peinliches Gefühl, zu hören, daß ihr Bruder noch immer der 
intime Freund Ottos sei, Arthur hatte es ihr nicht vergeben, 
daß sie Martigny die Hand gereicht, der Tugendheld liebte 
eine leichtfertige Französin, und Otto v. Braun verschmähte es 
auch nicht, deren Hilfe anzunehmen. 
Es war öde und leer in der Brust Wlaskas, sie war 
um ihre Jugend betrogen, aber selbst die Erinnerungen, welche 
in ihrem Herzen wieder wach geworden, als sie die schmerzlichsten 
Enttäuschungen erlebt, waren jetzt ihres Duftes beraubt, auch 
der Charakter Ottos erschien ihr erbärmlich, der Arthurs ver 
ächtlich. 
Da traf der alte Graf Wedehlen mit Jda in Rudolstadt 
ein. Wie wir oben erwähnt, bezogen sie einen Gasthof, um 
nicht bei Martigny absteigen zu müssen. Der Zufall fügte es, 
daß der Kapitän nicht zu Hause war, als der Bote Wedehlens 
der Gräfin und Wlaska das Eintreffen der Ihrigen meldete. 
Sie eilten ins Hotel, und jetzt enthüllte sich das ganze Gewebe 
von Lügen, mit welchem der Kapitän sie getäuscht halte. Das
        
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