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Periodical volume 23. Mail 1891, No. 34

Full text: Der Bär Issue 17.1891

-s 414 &• 
„Warum soll es nicht mehr lange dauern? Sind die 
Welschen hinter ihm her?" 
Der Bursche führte Ernst an den Rand des Felsens. 
„Schaut dorthin," flüsterte er. „Zwischen der Eiche und 
der Fichte." 
„Ein Gendarm!" 
„Das ist nicht der einzige," flüsterte der Bursche. „Es 
find ihrer noch mehr hier versteckt." 
Es leuchtete hell über das Antlitz Brauns. „Droht ihm 
Gefahr." rief er mit gedämpfter, aber frohlockender Stimme, 
„dann helfe ich. Giebt's keinen anderen Weg zur Försterei?" 
„Nein, man mutz über die Stege, und die Schurken 
haben sich so aufgestellt, daß sie jeden sehen, der zur 
Försterei geht. Ich möchte Herm Hütten warnen, aber 
dann brennen sie meiner Mutter Haus nieder, sie kennen 
mich." 
„Ich werde ihn warnen. Wißt Ihr gewiß, daß es dem 
Förster gilt?" 
„Gott wollte, es wäre anders. Ich habe das Gespräch 
der Gendarmen belauscht. Selbst eine Warnung wird nichts 
mehr helfen, es ist ein teuflischer Plan. Sie wollen es her 
ausbekommen, wo der Förster Flüchtige verbirgt, und wenn 
sie das entdecken, ihn und seine ganze Familie verhaften. Ein 
Spion der hohen Polizei hat sich bei ihm eingeschlichen und 
kommt als Verfolgter, seine Hilfe zu erbitten, ein Gendarm 
ist bald darauf hinterher gegangen, der untersucht das Haus. 
Verbirgt nun der Förster den Spion vor dem Gendarmen, 
dann ist die Anklage fertig. Der Gendarm giebt, wenn er 
zurückkomnit, dort vom Stege ein Zeichen, dann kommen dre 
Versteckten hervor und überfallen die Försterei. Sie besetzen 
die Stege, ehe der Förster die Bohlen ans andere Ufer zieht, 
was er stets gegen Abend thut, wenn er einen Verfolgten ver 
birgt. Es sind ihrer sechs, einer ist außerdem drüben, dazu 
der Spion, und der Förster hat niemand als seinen Sohn und 
den lahmen Knaben, den er als Wächter benutzt." 
„Das kann anders werden," entgegnete Ernst, aus dessen 
Antlitz freudige Entschlossenheit strahlte, „mein Begleiter wird 
schon drüben sein, und der sieht scharf und steht seinen Mann. 
Wir sind hier unserer zwei gegen sechs, aber wenn Ihr Mut 
habt, zwingen wir sie und kommen unerwartet von hinten." 
„Was Ihr wagt, wage ich auch!" rief der Bursche. 
„Wenn wirs nur hindern, daß sie über den letzten Steg 
kommen, ehe der Förster um die Gefahr weiß. Mit dem 
Gendarm drüben wird er schon fertig." 
„Ihr sagt, die Bohlen lassen sich fortziehen. Dann kann 
man sie auch so legen, daß sie einstürzen, wenn jemand den 
Steg betritt." 
„Daran habe ich nicht gedacht!" rief der Bursche. „Das 
gehl, und sie können es nicht sehen, wenn ich unterm Felsen 
hang zum Steg krieche." 
„Vorwärts denn! Zeigt mir den Weg, ich helfe. Keiner 
soll hinüber, so lange ich noch zuschlagen kann." 
Der Bursche führte Ernst zum Wege zurück, sie krochen 
über das Geröll am Bette des Baches entlang, bis sie sich 
unter dem vorletzten Stege vor der Försterei befanden; sie 
schoben die Bohlen derart, daß dieselben auf der der 
Försterei entgegengesetzten Seite so wenig auflagen, daß sie 
einbrechen mußten, wenn jemand sie betrat. Sie waren jedoch 
kaum mit dieser Arbeit fertig, als der Gendarm, welcher aus 
der Försterei kam, auch schon auf dem letzten Stege erschien. 
Er überschritt denselben, stellte sich dann aber so auf, daß er 
die Försterel im Auge behielt. Die versteckten Gendarmen 
näherten sich jetzt dem zweiten Siege, der von der Försterei 
nicht zu sehen war. Ernst und der Bursche, welche den Felsen 
erklommen und sich hinter einem Vorsprung des Weges versteckt 
hatten, hörten die Schritte der Nahenden, sie brachen aus ihrem 
Versteck, als die Bohlen unter den beiden ersten Gendarmen, 
welche die Brücke betraten, wankten; sie stießen jeder noch 
einen Gendarmen den Stürzenden nach und warfen sich auf 
die beiden letzten. Es war ein Ringen auf Leben und Tod. 
Schrecken und Ueberraschung hatten die starken Männer im 
ersten Moment gelähmt, sie konnten nicht zu ihren Waffen 
greifen, ja dieselben hinderten sie an der Verteidigung, aber 
dem einen gelang es, dem Burschen sein Messer zu entwinden, 
während Ernst dem anderen sein Messer in die Kehle stach. 
Der Gendarm vom ersten Stege sah den Einsturz der 
Brücke und den Kampf, er eilte den Seinen zu Hilfe, schoß 
im Laufen sein Gewehr ab und fehlte; er that dann den zweiten 
Schuß auf den Burschen, als Ernst sich auf den Gendarmen 
stürzte, der jenem soeben das Messer entwunden. 
Auch dieser Schuß ging fehl. Der Bursche, von seinem 
Gegner, der jetzt mit Ernst rang, befreit, sah den neuen Feind 
herankommen, ergriff den Säbel des getöteten Gendarms und 
stürzte ihm entgegen. Aber es kam zu keinem Kampfe. Es 
war Ernst gelungen, seinen erschöpften Gegner in den Bach, 
den Felsen hinab zu schleudern, er ergriff das Gewehr des Toien, 
der letzte Gendarm sah die Seinen verloren, er drehte um, die 
Flucht zu ergreifen, aber da fiel er Fritz Hütten in die Hände, 
der ihn mit einer Kugel niederstreckte. 
Als der alte Hütten und Korn auf dem Kampfplatze ein 
trafen, sahen sie die vom Sturze zerschmetterten Körper von 
fünf Gendarmen in der Tiefe und zwei Tote auf dem Wege. 
Ernst blutete aus mehreren Wunden, aber der Bursche war 
fast unversehrt und berichtete, was geschehen, während Fritz 
Hüllen dem ohnmächtig gewordenen Ernst eine heftig blutende 
Wunde verband. 
„Bringen wir den Braven in die Försterei," sagte 
Hütten, „die Mutter soll für ihn sorgen, eilt, eilt, wir müssen 
die Toten wegschaffen, die Spuren vertilgen, es könnten noch 
andere kommen." 
„Es kommt keiner," sagte der Bursche. „Ich habe alles 
gehört, was sie beraten. Der Spion wollte noch aus ** 
Soldaten beordern lassen, aber sie meinten, dann bekämen 
jene den Preis. Sie stritten sich schon um das Blutgeld; der 
Gendarm, der in die Försterei ging, wollte das meiste haben. 
Der Spion war furchtsam, aber die Gendarmen sagten, wenn 
der Anschlag nicht ganz geheim bleibe, werde er mißlingen; 
wolle er sich auf Soldaten verlassen, so brauche er sie nicht." 
„Und wir waren verloren ohne die mutige Hilfe dieses 
Braven." murmelte Hütten, auf Ernst deutend. „Wollte Gott, 
ich könnte es ihm einmal danken." 
Das Auge Korns ward feucht. „Hütten," sagte er, „wenn 
der Junge sterben müßte, was Gott verhüte, so hat er sein 
Leben gern für Dich in die Schanze geschlagen. Er wollte 
sich Dir stellen, damit Du wählen könnest zwischen Rache und 
Vergebung. Auf seinem Passe steht der Name Schanz, aber 
ins Ohr will ich Dir sagen, wer er ist."
        
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