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Periodical volume 16. Mail 1891, No. 33

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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in zweiter den großen künstlerischen Aufgaben, welche die 
mächtig emporblühende Kaiserstadi mit ihrem sich stetig mehrenden 
Besitz den Architekten, Malern und Bildhauern stellt. Gerade 
diese letzteren sind zur Zeit so bedeutend, daß keine Stadt der 
Welt ähnliche nebeneinander aufzuweisen hat: Begas, Schaper, 
Siemering, Hilgers, Enke, Lessing, Hundrieser — das find 
Männer, auf deren Werke wir stolz sein können, und neben 
ihnen stehen jüngere Kräfte, deren gesunde Begabung noch 
vieles Gute verheißt. 
Nach dieser Abschweifung, die in dem Satze gipfelt: 
Man beurteile Berlins Kunst nicht nach seiner Vertretung in 
der internationalen Ausstellung! — kehren wir zu der von 
Architekt Hoffacker so trefflich komponierten Skulpturenhalle 
zurück, welche die Front des Ausstellungspalastes einnimmt. 
Von Lorbeergesträuch umrahmt, hebt sich jedes einzelne Werk 
effektvoll ab; endlich hat man mit dem harten pompejanischen 
Rot gebrochen, welches von vielen als allein passender Hinter 
grund der Plastik angenommen wird. Von dem nihigen, pfau- 
farbenen Blau der Wände heben sich die nicht freistehenden 
Skulpturen hier überaus wirkungsvoll ab. 
Siemerings „Amerika, welches seine Söhne zum Kampfe 
ruft" grüßt den Eintretenden zuerst; diese in Bronze gegossene 
kolossale Gruppe wird einst die Rückseite des Postaments 
schmücken, welches Washingtons Reiterstandbild trägt. Es ist 
zu bedauern, daß der Künstler diesem vollendeten Fragment 
seines Werkes nicht ein kleines Modell oder wenigstens ein 
Bild der ganzen Denkmalsanlage hinzufügte, die in wenigen 
Jahren zum Ruhm der deutschen Kunst in Philadelphia er 
stehen wird. Im Jahre 1883 trug Siemering in der Kon 
kurrenz zwischen amerikanischen und europäischen Künstlern in 
Philadelphia den Preis davon, die Ausführung wurde ihm 
ebenfalls übertragen, und seitdem schafft er neben allen anderen 
Arbeiten, an diesem gewaltigen Denkmal, dessen Mittelpunkt, 
die Reiterfigur Washingtons, er uns in der Jubiläumsaus 
stellung von 1886 bot. Neben den beiden mächtigen Reliefs 
des Postaments, welche den Auszug der „Aankees" und die 
Heimkehr der Sieger schildern und Siemerungs Kunst der 
Reliesbehandlung in bestem Lichte zeigen, steht heute die schon 
erwähnte wuchtige Gruppe, welche kraftvolle Größe der Auf 
fassung mit edlem Rythmus der Linien verbindet und stets zu 
den besten Werken der Monumentalplastik zählen wich. 
h. y. 
Berliner „lustiges Gestndel" in Lempelhof J800. 
Mitgeteilt von Ferdinand Melier. 
Schon im vorigen Jahrhundert war das romantisch ge 
legene Tempelhos zu einem Besuchsorte der Berliner geworden, 
als die Stille des einstigen Johanniierdörfleins, welches durch 
den letzten, unterm 16. März 1797 von dem Ritterlichen 
Sr. Johanniter Malrheser - Orden über dasselbe ausgefertigten 
Lehnbrief für 63 150 Rthlr. in den Besitz des Grasen 
Friedrich Heinrich v. Podewils gelangt war. in bedenk 
licher Weise gestört werden sollte. 
Vor uns liegt eine, an den Hauptmann. Schulzen und 
Gerichtsschöppen in Genshagen gerichtete Beschwerde, d. d. 
Tempelhos, den 20. August 1800, welche wörtlich lautet: 
„Bekannt ist es leider, daß sich das Dorf Tempelhos 
schon seit langer Zeit als der Sammelplatz alles Berliner 
lustigen Gesindels auszeichnet, und daß solches von dem 
hiesigen Krüger sowohl, als dem Musikpächter durch Veranstal 
tung allerley Festivitäten in großen Schaaren herbey gelockt 
werden.*) Jetzt aber, da der Musikpächter Schemel auch die 
Krugwirlschaft übernommen hat, ist der Zusammenfluß des 
Berliner Publikums so groß, daß besonders Dienstags daraus 
nicht allein eine Störung der landwirthschafftlichen Arbeiten 
entstehet, sondern auch jeder Einwohner Tempelhofs die Ge 
fahr einer vollständigen Einäscherung seiner Habseligkeit be 
fürchten muß." 
Eingeschaltet sei hier, daß der Ort damals 230 Einwohner 
zählte, unter denen 7 Ganz-, 2 Halbbauern und 2 Kossäten 
sich befanden. Die Gebäude bestanden zumeist aus strohgedeckten 
Lehmbauten, und erst den späteren Bränden von 1823 und 
insbesondere 1828 verdankt Tempelhof seine massiven Wohn 
häuser. 
„An diesem Tage", fährt der Bericht fort, .„wo ein so 
genanntes großes Concert die Berliner bis auf einige Tausende 
anlockt, steigt die Zügellosigkeit auf's höchste. Einige hundert 
thönerne und andere brennende Pfeifen, mehrentheils ohne 
Deckel, paradiren in der Allee und um die Scheunen Ställe 
und übrigen Gebäude des Dorfes, und ich selbst habe mehrere- 
male die heraussprühenden Funken ausgetreten. Sechzig bis 
hundert Wagen besetzen die Passage am Kruge, und wehe 
dem, der etwa mit einem beladenen Erndte-Wagen oder anderm 
Fuhrwerk passiren wollte; denn ist er höflich, so wird er ver 
lacht, und fordert er mir Ernst freie Passage, so stehen ihm 
unzählich nervigte Fäuste der Fuhrleute mit Knütteln, Peitschen 
nnd Steinen zu Diensten, wo es denn jedesmal zu einigen 
Thätligkeiten kommt. Der Schulze Herr Schalling hat sich 
einigemal der Sache annehmen wollen, jedoch da die Gemeinde 
der Zahl nach noch immer unterliegen würde, ist an keinen 
glücklichen Erfolg aller Bemühungen zu denken. Schaaren- 
weise und zu hunderten ziehet der Berliner Pöbel öfters 
brüllend durch's Dorf und erkennet keinen Zügel, da der 
Berliner behauptet, es habe ihm in Tempelhof Niemand etwas 
zu befehlen. Auf diese Art haben der p. Schemel und einige 
Bauern, welche Gäste setzen, allein den Genuß von diesen zügel 
losen Menschen, und das ganze Dorf hat nichts als Angst, 
Schaden, Verdruß und die Gefahr, ausgeplündert zu werden. 
Von dem vernünftigen Theil der Berliner Einwohner sind nur 
immer wenige hier, um diesem nach der Beschreibung unglaub 
lichem Unwesen mit zuzusehen; diese aber würden unzureichend 
sein, um der Gemeinde beim Ausbruch eines Tumults beizu 
stehen, wenn sie auch hierzu ben guten Willen haben sollten. 
Das allernatürlichste schien mir zu sein, wenn dem Schemel 
das Abhalten der Concerte von Landespolizey wegen unter 
sagt würde, alsdann würde sich die Schaar des Pöbels ver 
mindern und desto eher zu bewältigen sein. 
„Bis dahin aber, daß allmälig der Zufluß des Berliner 
Publicums vermindert würde, scheint mir eine außerordentliche 
Hülfe des Kreises oder des Berliner Llilitairs höchst noth 
wendig. Außerdem giebt es noch ein anderes in Ansehung 
der Feuersgefahr eben so sehr gefährliches Uebel. Es ist 
nehmlich seit einigen Jahren üblich, daß Handwerkspurscheu, 
Dienstmädchen und andere Berliner dieses Calibers des Sonn- 
*) Der Krug in Tempelhof wird schon im Landbuche Kaiser Carls IV. 
(1375) mit einer Abgabe von 2 Pfv. Pfeffer erwähnt. Im Jahre 1800 
entrichtete der Pächter einen jährlichen Canon von 221 Thlrn.; seit 1835 
befindet die Gastwirtschaft sich im Besitze der Familie Kreideweiß.
        
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