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Periodical volume 16. Mail 1891, No. 33

Full text: Der Bär Issue 17.1891

«5 407 S» 
lichen gelänge, aus dem bereits auf mecklenburger Gebiet ge 
legenen Doppelberge, den sie als Sandgrube benutzen, dem 
„Kiebitzberge und Möllerberge" die goldene Wiege voller 
Kleinodien herauszuholen! Wie glücklich würden sie in ihrer 
schon so bequemen Ruhe sein, wenn nicht der von Bäckern her 
uns schon bekannte „Sommer aus Seedorf" den fatalen Streich 
gemacht hätte, auch nach Breetz hin die Grenze falsch zu be 
schwören! Nun aber muß zu stetem Verdruß auf Sommers 
„Seelenwiese" alljährlich etwas Außergewöhnliches passieren. 
Bald wirft daselbst ein voller Heuwagen um, bald platzt einem 
Pferde das Geschirr. Oder ein Wirbelwind läßt das Gras 
dort forttanzen, oder fremde Ochsen brechen in das Weidegras 
ein — und was es sonst Ungeheuerliches giebt. Wahrlich, 
solches zu „verkaufen," muß man sich am Ketlenkahn über die 
Löcknitz nach Polz ziehen, daselbst „Hühner aufzuschwänzen," 
muß über bfli Schmöllner Sandberg, fort und sehen, ob sich 
da herum bei Grebs die Mädchen noch immer sieben Röcke 
über einander anziehen, und ob man bei Bochup wirklich den 
Kuckuck schon hak verhungern lassen! 
Die Löcknitz wird, je näher der Elbe, immer flacher und 
träger im Lauf. Im Wimer gar stockt's gänzlich, steigt plötz 
lich. sinkt ebenso eilig. Die Wasserkundigen sagen dann: das 
Eis schiebt sich fest. Andere nicken und flüstern: „die Elbfische 
drängen stark in die wärmere Löcknitz hinein." Man erzählt 
für ganz gewiß von einem vierzehn Fuß langen Hechle, der 
sich mitunter quer vor die Löcknitzmündung gelegt und dieselbe 
gesperrt hat. Ein Lehrer in der Unlerwische, ein tüchtiger 
Angler, hat ihn schon einmal am Haken gehabt. Aber beim 
Ziehen erwies sich der Fisch stärker als der Mann. Er wurde 
in das Wasser gerissen und konnle sich nur durch Preisgeben 
der Angel retten. 
So begleitet anheimelnde Sage auf ihrem gesamten 
preußischen Laufe die Prignitzer Löcknitz. 
Möchten die Wanderer in der Mark, wie den Reiz der 
Sagen, so auch den Reiz ihrer Wasser- und Landschaftsbilder 
sich immer mehr nahe bringen! In den letzten Jahren haben 
zwei Landschaftsmaler, die Herren Ockel und W. von Schulen 
burg hier wertvolle Studien gemacht, und in der That: Das 
Mellner Riesengrab, der Rudowsee, Rundschau von Burg Lenzen, 
Rundschau von der Eldenburg, der Höhbeck, Dorf Mödlich, 
Seedorf. der Hilgenberg bei Warnow: das sind sehr lohnende 
Besuchs- und Aussichtspunkte im Löcknitzgebiete. 
Wohlan denn: Fröhliche Wanderschaft! 
Die internationale Kunstausstellung ju Berlin. 
n. 
Die Berliner Künstler haben das Ihrige zum Gelingen 
der internationalen Ausstellung von 1891 gethan, Berlin ver 
dankt ihrem einmütigen Vorgehen den ersten klaren Blick auf 
das gegenwärtige Kunstschaffen fast aller Kulturvölker; denn 
1886 halte neben England nur noch Belgien nmfaffendes 
Material geschickt. Dieses Mal sind die Spanier, die Italiener, 
die Ungarn und die Polen würdig und umfassend vertreten; 
zu ihnen gesellen sich die Dänen und Holländer, sowie die in 
Paris gebildeten Amerikaner mit ihrer eigenartigen Begabung. 
Endlich einmal wird dem Publikum in der deutschen Reichs- 
hauprstadt Gelegenheit geboten, zu sehen, wie die anderen Völker 
es treiben; bis jetzt mußte man nach Paris oder wenigstens nach 
München gehen, um moderne Kunststudien zu machen — jetzt 
ist nun hoffentlich der Bann gebrochen, welcher Berlin bisher 
belastete. Die feierliche Eröffnung der Ausstellung durch die 
Kaiserliche Protektorin und das Herrscherpaar hat die Dele 
gierten der ausstellenden fremden Nationen ebenso wohlthuend 
berührt, wie der liebenswürdige Empfang, den das deutsche 
Kaiserpaar am Tage nach der Eröffnung den.Kimstgenossen in 
den Festsälen des Neuen Palais bereitere. In hohem Grade 
befriedigt von der ihnen in Berlin gewordenen Aufnahme, sind 
die ausländischen Künstler abgereist; „wir kommen wieder", 
„auf Wiedersehen", waren ihre letzten Worte und in der Er 
kenntnis, daß die so eilig beschickte Ausstellung dieses Mal nicht 
das Allerbeste von ihnen böte, versicherten einige: „Wir kommen 
besser wieder." 
Die Thatsache, daß die Franzosen so gut wie gar nicht 
vertreten sind, thut dem Gesamt-Eindruck der Ausstellung wenig 
Abbruch; daß verschiedene begabte Belgier, Skandinavier, Finn 
länder und Russen, die den Pariser Markt nicht entbehren 
können, gleichfalls zuriickblieben, ist begreiflich, da niemand um 
einer Einladung willen, seine Existenz zu zerstören pflegt. 
Abgesehen von dieser durch die politische Lage veranlaßten 
Lücke zeigt die Ausstellung ein so abgerundetes Bild des 
gegenwärtigen Kunstschaffens, wie es eben eine Ausstellung, 
die von Hunden Zufälligkeiten abhängig ist, im günstigsten 
Falle zeigen kann. 
Die deutsche Kunst jedoch macht hiervon eine Ausnahme; 
denn abgesehen davon, daß das konkurrierende München seine 
besten Truppen in der eignen Jahresausstellung ins Gefecht 
führt, haben auch Berliner Künstler, erschöpft durch frühere 
Ausstellungen und mehr als je durch Konkurrenzen für Kaiser 
denkmäler und Monumentalmalereien in Anspruch genommen, 
nicht ihr Bestes ausstellen können. Einige Künstler haben 
deshalb von dem Recht Gebrauch gemacht, ältere, gute Arbeiten 
hier von neuem dem Publikum vorzuführen, um so das künst 
lerische Niveau der Gesamtleistungen zu erhöhen. Vor dem 
geistigen Auge des Klmstfreundes, welcher das Schaffen unserer 
Künstler mit Teilnahme verfolgt, stehen neben den hier zum 
Appell gerufenen Truppen, jene daheim gebliebenen Streiter, 
deren bewährte Tüchtigkeit — wenn es ernstem Kampf gilt — 
den Sieg sichert. 
Um in jeder Ausstellung ein richtiges Bild von dem 
thatsächlichen Stande des Kunstschaffens zu bieten, dazu folgen 
sich die Ausstellungen viel zu schnell und doch wird schon jetzt, 
diesen Umstand außer Acht lassend, sowohl in der Presse, wie 
auch in der Unterhaltung der Gebildeten das Wort laut: 
„Mit Berlins Kunst geht es abwärts, das zeigt die Aus 
stellung deutlich." Dieses Urteil gründet sich einerseits aus das 
Neue und Ueberraschende, welches die Ausländer den Besucheni 
bieten, andererseits auf die chronische Gleichgültigkeit, welche 
die Gebildeten gegenüber den Aeußerungen des heimischen 
Kunstlebens an den Tag legen. Wie anders ist dies in Paris 
und in München! Dort kennt man die Künstler, dort ist man 
stolz auf sie; die Ehre, welche ihnen wiederfährt, wird geniem- 
sam empfunden, ihre Schöpfungen werden auch außerhalb der 
Ausstellungen mit Interesse und mit Wohlwollen verfolgt. 
Bei uns herrscht leider das Gegenteil: Teilnahmlosigkeit im 
ganzen und im einzelnen abfällige Kritik. 
Daß Berlin überhaupt noch Kunststadt ist. verdankt es in 
erster Linie der Pflege des Herrscherhauses und des Staates,
        
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