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Periodical volume 16. Mail 1891, No. 33

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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das Hochwasser der Elbe benutzen und nahte gefahrdrohend. 
Da hörte plötzlich der Stau auf und ein in der Morgenfrühe 
ausgesandler Kundschafter konnte zurückkommen nach der Burg 
Lenzen dem ihn Fragenden „Hast' (— hast du) nischr von 
Bäckern hört", die willkommene Antwort zurufen: „Jo, do sitt 
de Dan up!" die feindliche Flotte war „up Lopp's Werder", 
d. i. auf der einen Mann Namens „Lopp" — „Gottlieb" 
gehörigen Wiese, aufgelaufen, d. i. auf Grund geraten und 
saß fest. Nun griffen die Burgmannen aus Lenzen und ihre 
Helfer aus der Umgegend die Feinde im Landkampf an. ver 
brannten die Schiffe, erschlugen die Leute. Das Königsschiff 
oer Dänen konnte sich vom Grunde losmachen und schien ent 
kommen zu können. Doch als es in das nächste tiefe Wasser, 
da wo die Ochsenkuhle sich befindet, kam, drang ihm das Wasser 
in die Löcher, welche sein Rumpf von den Aexlen der Angreifer 
erhalten hatte, und wenigstens unbesiegt und in vollen Ehren 
sank es in Tiefe und Tod hinein. 
Wenige hundert Schrille näher an Seedorf heran liegt 
dicht bei der Löcknitz ein zweites „Moor", ein rundes Wasser 
loch. „Kesselkuhle" genannt. In unergründlicher Tiefe lagen 
daselbst ein Kessel mit Geld, man kann dasselbe bei Sonnen 
untergang häufig spiegeln und blitzen sehen. Wie kam der 
Kessel dahinein? Nach dem dreißigjährigen Kriege kam von 
Hamburg her eines Sonntags ein Wagen voller Kessel. Die 
Neuansiedler hatten iioch keine Kirche und statt zu derselben zu 
gehen, erhandelten sie sich in dem auf Pfarrgrund stehenden Dorf 
kruge jeder seinen Kessel. Nur einen Kessel behielt der Mann 
übrig, füllte denselben mit dem schnell gewonnenen Seedorfer 
Gelde und fuhr lachend nach dem Lenzener Haken, dem Anlege 
platz der Elbschiffe zu, um sich nach Hamburg zurückzubegeben. 
Inzwischen waren Pfarrer und Küster aus der fast leer ge 
bliebenen Kirche gekommen und hallen die Sache zu erfahren 
bekommen. 
„Topp," sprach sofort der Pfarrer. „Küster, eilt zum Deich. 
Ihr werdet sehen, das Sündengeld kommt nicht über's Pfarr- 
land hinaus." Während der Pfarrer über die Löcknitzbrücke 
nach seiner Amtswohnung ging, eilte der Küster zum Dorf 
deich beim Kruge und kam gerade zurecht, um zu sehen: Auf 
dem Priesterlande bei der Kesselkuhle schlug beim Ueberfahren 
des Deiches der Wagen des Händlers um, der Kessel mit dem 
ganzen Gelde flog in die grundlose Kesselkuhle hinein; und der 
plötzlich verarmte Händler stand heulend an dessen Rande: 
„Min Kelel, min Ketel is in de Kühl, 
Min Jeld ok allen- rinnersuhl." 
Man hört solch Heulen Sonntags Vormittags noch bis 
weilen! 
Nach kurzer Fahrt zwischen schön belaubten Ufern ge 
langen wir zur Seedorfer Brücke und zum „idyllischen Pfarr- 
hause." Ja. ein Idyll ist dieser Fleck Landes im Sommer 
und im Herbst. Klein-Sibirien in des Wortes schrecklicher Be 
deutung zur Winter- und Frühjahrszeil. Tiefsinnige Sage 
rankt sich um das eigentümlicher Weise von dem Dorfe gänzlich 
getrennt, auf Eldenburger Grund und Boden liegende und dennoch 
„Seedorf" genannte Pfarrhalts. Seine Gründung war eine 
Sühne für „Räuberquitzows" ärgste Unthat, nämlich für seinen 
langsamen Brudermord. 
Aus dem Röhricht am Rande des Pfarrgartens ist das 
Kollern einer Wildsau zu vernehmen, dazwischen jammert eine 
Menschenstimme: „da bin ich, da bin ich!" Ouitzow, der den 
eigenen Bruder aus den eisernen Stuhl gelockt und den Ver 
schmachteten heimlich im Sande verscharrt hatte, versucht seinen 
hier am Löcknitzrande von einer riesigen Wildsau angefallenen 
Sohn Philipp zu erretten, indem er die nur mit dem Weid 
messer bewehrte Hand dem Untier, das der leibhaftige Teufel 
gewesen sein muß. in den Rachen stößt. Die Bestie schnappt 
zu, zermalmt ihm die Hand und entreißt ihm den Sllberring, 
das sündhaft erlangte Erbzeichen, den Talisman des Geschlechts. 
Tags darauf stiftete der Sterbende eben hier zur Sühne die 
eigene Pfarre für seine Herrschaft gegenüber der bis dahin von 
Stadt Lenzen aus versorgten Kapelle des Dorfes Seedors. 
Und weil er denn zu gmerletzt noch Bekehrung versuchte, darf 
er freilich als Büßer an der Kirchlhür stehend, in der Johannis- 
nachl an dem Gottesdienste des ganzen Eldenburger Ouitzow- 
geschlechies Teil nehmen, welche der letzte des Gefchlechts. der 
1719 verstorbene Johanniterriller, über seiner Ruhestätte in 
dieser Stiftskirche hält. Zähne und Knochen jener Wilvsait 
nebst einen Weihrauchkessel fand man beim Pfarrbrunnenbau. 
Sie lagern im Märkischen Museum zu Berlin. 
Weiterhin wird das Land flach, das Ufer kahl und — 
der Name „Lake, bezw. See" verschwindet; der Name „Löcknitz", 
ob er gleich wiedererscheint, führt ein schwankendes Dasein. 
Früher, bis zum 18. Jahrhunderts, galt die Auffassung: 
Mittelst zweier Arme mündet bei Pfarre und bei Käthe See 
dorf die Löcknitz in die Eide. Als jedoch die Mecklenburgische 
Regierung einen schiffbaren Kanal von Eldena nach Dömitz 
Herstellen ließ, nachdem zwecks dessen für einige Zeit die jetzt 
abgebrochene, bei der Försterei Eldenburg gelegene, das Wasser- 
lanfrecht besitzende, große Mahlmühle vom Gute Eldenburg 
losgekauft worden war, änderte sich solches Verhältnis. Die 
Hauplwassermasse der „Elde" blieb in Mecklenburg, floß un 
mittelbar in gerader Kanallinie von Eldena nach Dömitz in 
den Elbstrom. Ein kleiner Teil des Eldewassers trat auch 
ferner auf preußisches Gebiet und strömte auf der Sohle des 
früheren weiten Bettes in zwei kleinen Mündungen bei der 
Pfarre und bei der Käthe Seedorf in die letzte weite Aus 
buchtung des „Sees" (bezw. „der Lake"), um im Verein mir 
dessen Gewässer langsam unter dem neuübernommenen, jetzt 
zum Hauptlaus gewordenen, Namen „Löcknitz" zur Elbe zu 
gelangen. Größtenteils bildet dieser Wasserlauf die Landes 
grenze zwischen Preußen und Mecklenburg, stückweise ist mecklen 
burgisches Gebiet auf beiden Ufern. 
Die preußische Seile ist flach, landschaftlich reizlos. Es 
spiegeln sich aber auf ihr im Löcknitzwasser die aus schmalem 
Sandhügelrücken stadtstraßenähnlich aneinander gereihten drei 
zehn Häuser der „Herren von Breetz." Fette Sinekuren! Der 
liebe Gort läßt da herum das fetteste Gras wachsen, welches 
es in ganz Deutschland giebt. Die Herren haben nur die 
eine Sorge, daß sie im Frühjahr nach einigen Märkten aus 
führen, mageres Vieh billig zu kaufen. Zwei, drei Monaie 
Weidegang macht solches Vieh fabelhaft fleischig und fett. So 
wird es bis zum Herbst von Händlern zu hohen Preisen ab 
geholt. Daneben wird mit leichtester Mühe viel Heu gewonnen. 
Oder, wer es noch bequemer haben will, der verpachtet seine 
vielumworbenen Prachtwiesen sehr hoch. 
Im Winter bei Hochwasser und Eis wird Breetz manchmal 
eine unzugängliche Insel. Das ist etwas ungemütlich, aber 
bei der großen Fülle äußerer Güter läßt es sich ertragen. Wie 
reich würden die Breetzer erst werden, wenn es einem Glück
        
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