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Periodical volume 9. Mail 1891, No. 32

Full text: Der Bär Issue 17.1891

—8 396 S— 
Waldemar der Siegreiche. Sein Gegner. Graf Heinrich der 
Schwarze von Schwerin, hak sich seiner durch Verrat bemächtigt, 
hält ihn in Schloß Danneberg nicht mehr genügend geborgen. 
Unter Wasser und Erde hindurch steckt er ihn in den thürlosen 
Turm des Schlosses Lenzen, und ebenso geheimnisvoll wird er 
aus der Gefangenschaft fortgebracht. 
Oben den Turmkranz umflattern im Herbst dreizehn kläg 
lich schreiende Raben: Geister gerichteter Raubritter, welche 
Ouitzow, damals des Markgrafen Statthalter, an den Beinen 
aufhängen ließ. 
Die Ouitzowsagen dieser Gegend schließen sich fast alle an 
das die Löcknitz unterhalb Dorf Bäckern überragende Schloß 
Eldenburg an. Die alte Eldenburg, ein Wachtschloß wider 
Mecklenburg, beim „Ritterburgskamp" weit, weit abwärts des 
Wassers gelegen, ist längst von der Erde verschwunden. Die 
neue im sechszehnten Jahrhundert auf wasserfreier Erhebung 
erbaut, erlag 1881 am Gründonnerstage einem großen Brande. 
Bei dieser, jetzt wiederhergestellten, ist der berühmte „eiserne 
Stuhl" im ehemaligen „Luginsland" glücklich erhalten ge 
blieben, eine jener spanischen Judenklemmen, auf welchen Un 
glückliche auf einer Art Hufeisen mehr schwebend als sitzend 
mit kreuzweise an die Mauer geschlossenen Armen verschmachten 
mußten. Den letzten „Judenklemmer Ouitzow" betrog die 
eigene Frau Adelheid bei dem unterhalb des Turmes der jetzigen 
Burg dicht bei der Löcknitz gelegenen „Fischteich" in schmählicher 
Buhlschaft des Junkers Kurt von Stavenow. Gott strafte die 
die Treulose, sie verlor infolge plötzlichen Schreckes bei der 
Ställe ihrer Sünde, dem Fischteich, ihre Sprache. Und als 
ihr nach vielen Jahren von dort aus Unglück und Gefangen 
schaft zurückkehrend, der Sündengenosse, ein einäugiger Bettler, 
von ihrem Gemahl geführt, nun entgegentrat, stieß sie ihn 
wahnsinnig lachend in das Wasier, in den Tod hinab. Nun 
erscheinen beide an dieser Stelle. Adelheid als weiße Gestalt, 
unter den kleinen Eichen am Rande des „Fischteichs", pfeift 
nach Fischen und pfeift zum Hohn für den halb im, halb über 
Wasser verzweifelt um sich schlagenden, arg stöhnenden Kurt 
von Stavenow. Jammertöne giebt's da viele zu vernehmen. 
Aus dem Uhrturm heraus klingt das Angstkreischen derer, die 
auf dem „Ouitzowschen Stuhle" fitzen. Aus ben Schloßwänden 
am Westgiebel ertönt ein wildes Schreien und Knirschen und 
Knattern: Der Teufel reißt den Falkonier von Stube Nr. 5. 
welcher sich frech gegen die Edelfrau von Ouitzow verging und 
diese verläumdend sich in der Schloßkapelle heuchlerisch frei 
schwören wollte, vom Altar weg quer durch die Wand hindurch 
zur Hölle. „Den Blutfleck, der nicht weiß zu tünchen war, 
haben wir in der Kapelle bis zum Brande deutlich sehen 
können!" Ja freilich, zu sehen war bis 1881 dort ein dunkler, 
fenchler Wandfleck; mutmaßlich die Stelle eines mit Gips stark 
versetzten Ouarzkiesels im Gemäuer, die stets zum Verdruß der 
Hausbewohner feucht zu sein pflegen. 
Doch auch mehr freundliche Töne werden vernommen. 
Nämlich heller Kinderjubel folgt einem eilig durch die oberen 
Schloßräume wanderndem Lichte. Das ist „Clara Tugendreich 
von Ouitzow", die letzte Herrin auf Eldenburg! Dieselbe hieß 
eigentlich Loysa Elisabeth, geb. von Meinders, starb 1715 
kinderlos., Ihre Wohlthätigkeit, insbesondere die Sorgfalt, 
mit der sie sich der Kinder ihrer Dorfleute annahm, har ihr 
in der Volksüberlieferung den vorerwähnten schönen Namen ver 
schafft. Daneben gilt sie als strenge Richterin, zugleich Warnerin 
vor Untugend. Manch einer und manch eine, die im Schloß 
oder um das Schloß Eldenburg herum auf bösen Wegen daher 
schlich, wenns dunkel war. hörte jämmerliches Geheul und 
Kratzen und erblickte mir Grausen in der großen Schloßkirche 
um den steinernen Herdpfeiler herum (vor dem Brande 1881!) 
„lauter griese Katten spinnen": das waren die unnützen Mägde, 
welche Clara Tugendreich darüber abgefaßt hatte, daß sie sich 
herumtrieben, statt die befohlene Arbeit zu thun, und die sie 
zur Strafe verfluchte und verzauberte. Ihre Buhlen traf 
ähnliche Strafe: als schwarze Hunde irren sie den „Damm", 
d. i. den Fahrweg zwischen Schloß Eldenburg und Pfarre 
Seedorf, auf und ab. 
(Schluß folgt.) 
Die internationale Kunstausstellung zu Berlin. 
i. 
Als wir im Oktober vorigen Jahres Moltkes Ehrentag 
feierten, überlegte die Berliner Künstlerschaft das Für und 
Wider einer im Jahre 1891 zu veranstaltenden internationalen 
Kunst - Ausstellung — die drei Wahlsprüche des großen 
Helden: „Erst wägen, dann wagen" — „Allzeit treu bereit 
für des Reiches Herrlichkeit" — „Getrennt marschieren, vereint 
schlagen!" wurden das Programm des Unternehmens, das 
nun im Zeichen der Trailertage um den gewaltigen, dentschen 
Mann eine herrliche Vollendung erlebt hat. 
Trotz aller Gegenströmungen, trotz aller gleichzeitig in 
Nord, Süd, Ost und West stattfindenden Ausstellungen sind 
Tausende von in- und ausländischen Künstlern dem Rufe gefolgt, 
welchen der Verein Berliner Künstler an sie ergehen ließ. 
Seit 105 Jahren hat die Akademie der Künste ihre Pflicht, 
vom Kunstschaffen der Gegenwart in wiederkehrenden Aus- 
stellungetl ein Bild zu geben, ausgeübt. Fünfllndfünfzig Jahre 
nach dieser ersten akademischen Ausstellung entstand der „Verein 
Berliner Künstler"; die Werke seiner Mitglieder bildeten 
naturgemäß den Hauptinhalt der Berliner Ausstellungen, die 
nach wie vor von der Akademie veranstaltet wurden. Als es 
nun galt, des mittlerweile erstarkten und blühenden Vereins 
fünfzigsten Geburtstag zu feiern, übernahm dieser die Stelle 
des Gastgebers uird lud zu seinem Jubelfeste ein; er erfaßte 
diese seine Aufgabein großer und schöner Weise: er forderte zum 
friedlichen Wettkampf der Künste auf, er schmückte das Haus 
für die Gäste, er fühlte sich durchaus als Gastgeber und 
räumte, iildem er selbst bescheiden zurücktrat, den Kommenden 
die besten Plätze ein. 
Die Männer, welche das Vertrauen der Künstlerschaft zu 
dem großen Werk, eine internationale Kunstausstellilng in sechs 
Monaten zu gestalten, berief, haben ihre ganze Kraft eingesetzt 
und unermüdlich bis zur letzten Stitnde schaffend ihre Arbeit 
zlim guten Ende geführt. 
Der aus Eisen und Glas gefügte Palast, dessen Säle 
mit wenigen Ausnahmen bisher jegliche Behaglichkeit und 
Harmonie vermissen ließen, wlirde einer völligen inneren 
Umgestaltung unterworfen, und Berlins Künstlerschaft war 
vom Glück begünstigt, in der Person des Architekten R. Hoff- 
acker einen Mann zn finden, der mit feinsinniger Dekorations 
gabe die in Preußen stets gebotene Sparsamkeit vereinigte. 
Mit verhältnismäßig geringen Mitteln wurden in kurzer 
Zeit fünfllnddreißig fast durchweg gut beleitchtete Ober-
        
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