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Periodical volume 9. Mail 1891, No. 32

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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das vermochte; jetzt bor er dem Manne, der erschrocken fragte, 
was das Signal bedenke, die Hand. „Fürchtet nichts." sagte 
er. „ich werde sehen, wer da ist! Sollte Euch Gefahr drohen, 
so wird meine Frau Euch an einen Ort bringen, wo Ihr 
völlig sicher seid." 
Damit verließ der Förster das Gemach. Er sah es nicht, 
daß ein triumphierendes Lächeln über das Antlitz seines Gastes 
flog, als habe dieser etwas erreicht, wonach er lange vergeblich 
gestrebt halte. (Fortsetzung folgt.) 
Erinnerungen an Kaiser Wilhelm I. und Gallein. 
Von Emil Frorrrmel. 
(Mit Abbildung.) 
(Fortsetzung.) 
Kaiser Wilhelm gab Gastein gleich ein anderes Gepräge. 
Nicht etwa, daß nun ein vornehmes, steifes Wesen sich auf- 
Gasteins. Hier sind auch die freien Zimmer am schwarzen 
Brett angeschlagen. Zugleich ist der Ort wegen seiner Feuchtig 
keit und seines Zuges der günstigste Rheumatismusfang der 
Welt, ein wahrer Forellenteich für die angelnden Doktoren; 
denn wer nicht krank war, der holte sich da beim Lauschen der 
„Neuntöter", d. h. der neun Mann starken Musik, sicher eine 
Krankheit. Diesen Platz passierte alle Tage etwa um halb 
zehn Uhr der Kaiser, in den ersten Jahren immer zu Fuß, 
später zu Wagen bis zu der Stelle, wo überhaupt kein 
Wagen mehr geht. Da wollten denn viele beim „lavsr du 
roi“ zugegen sein, und wenn er morgens im grauen oder 
schwarzen Cylinder mit leicht geröteten Wangen s o elastisch die 
Treppe Herabstieg und freundlich grüßte, nahm er schon aller 
Herzen ein. Alte Bekannte trafen meist zu derselben Zeit 
auch da oben ein, begrüßten und beglückwünschten sich 
gegenseitig, daß sie sich noch hier einmal trafen. Dann 
Hotel Hadesttstost in Wildbad Gastein. 
Nach einer photographischen Aufnahme von Würlhle L Spinnhirn in Salzburg. 
gethan — nein, es verlor nichts von seinem Zauber; aber 
jeder fühlte sich „geehrt", wenn in der nächsten Badeliste auf 
einem Separatbogen gedruckt Kaiser Wilhelm mit seinem Ge 
folge erschien, und er also auch mitzählte unter anderen Sterb 
lichen. Jene Badeliste beförderte eine Menge der Herren auf 
eigene Faust zur Excellenz und zu Geheimen Räten, die sonst 
in Civilverhältnissen noch nicht den Rang der Räte dritter 
Klasse erschwungen hatten. „Lieber a bissel drüber tituliert, 
als drunter", ineinte ein ortskuirdiger Mann. Nur die 
Preise gingen in der Kaisei-zeit enorm in die Höhe, und die 
Gasteiner wußten Kapital zu schlageii aus ihrem hohen Gaste. 
Das Badeschloß, ein altes fürstbischöfliches Eigentum, war 
verpachtet an einen Wirt, der es wiederum seinerseits ver 
wertete. Unten befand sich die Wirtschaft; der Kaiser konnte 
gemütlich auf die unten im Freien speisenden Gäste herabblicken; 
die Fenster gingen auf den Straubingerplatz hinaus. Dieser 
früher erwähnte Platz ist das Rendez-vous, die Börse, 
das Lesekabinett für die Briefempfänger, das Mnsikzimmer 
waren es auch alte, zur Disposition gestellte Herren vom 
Militär und Civil, an die sich schnell wieder das Ge 
dächtnis des Kaisers gewöhnte. Das Gedächtnis des Kaiser 
lichen Herrn war ja überhaupt geradezu ans Wunderbare 
streifend. Wie wußte er die Leute zu erinnern, wie und wo 
er sie gesehen. Es war eben nicht blos ein Gedächtnis des 
Kopfes, der leicht aussetzt, es war ein Gedächtnis des Herzens, 
das nie täuscht. Wer im Herzen des Kaisers stand, der war 
aufgehoben in seltener Treue. Wer darum in der Badeliste 
sich fand und von früheren Tagen her geschätzt und gekannt war, 
fand sich auch bald bei der Tafel. Diese letzte war in dem Eck 
zimmer des Hauses gedeckt, etwa 16 Personen fassend; waren 
es mehr, dann ging schon eine Beengung vor sich. Danim 
war die Zahl der Gäste beschränkt, weil die Begleitung, die 
alle Tage mitspeiste, schon einen großen Teil der Tafel be 
setzte. Gewöhnlich wurde um 4 Uhr getafelt, um dann noch 
Zeit zu einer Spazierfahrt zu haben. Das Diner war 
vortrefflich bereitet, aus etwa fünf Gängen bestehend — der
        
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