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Periodical volume 2. Mail 1891, No. 31

Full text: Der Bär Issue 17.1891

—<3 386 Ab 
endlich bescheiden und schlicht ihr Auftreten auch war. Weit 
entfernt davon, sich bedeutend zu fühlen, übte ihre Persönlich 
keit doch eine gewisse Ueberlegenheit aus, trotz der kleinen, 
zierlichen Gestalt. Das kluge, klare Auge schien bis in die 
tiefsten Herzensfallen ihres Gegenübers einzudringen. Die 
Anregung, welche sie sofort gab, ließ Oberflächlichkeit und leere 
Phrase gar nicht aufkommen. Wer aber ihre Herzensgüte erst 
erkannt hatte, fühlte sich mehr gehoben, als befangen in ihrer 
Nähe; wußte sie doch mit feinem Geschick stets das Beste aus 
dem Menschen heraus zu locken. 
AIs vier Jahre vor ihrem eigenen Heimgang ihr Gatte 
aus diesem Leben geschieden war, wollte es ihren Freunden 
zuerst fast scheinen, als könne sich die Wittwe nicht genug auf 
raffen aus ihrem Schmerze, als vermöge sie den Trost nicht 
zu finden, den sie als aufrichtige, ernste Christin doch finden 
mußte, und als wäre der Kultus zu groß, mit dem sie alles 
pflegte, was mit dem Andenken an den geliebten Entschlafenen 
zusammenhing. 
Sie hatte nach 44 jähriger, sich immer inniger gestaltenden 
Ehe den irdischen Halt ihres Lebens verloren, aber — sie war 
eine wahre Christin und kämpfte sich durch, bis sie in stiller 
Ergebung ihre frühere Freudigkeit wiedergewann. 
Mil verdoppeltem Eifer gab sie sich nun jeder Liebespslicht 
hin, einerlei, ob es sich dabei um Verwandte und Freunde 
oder um Verlassene, Arme und Kranke handelte. Nie konnte 
sie genug thun, und wenn man sie, die so vielfach in Anspruch 
Genommene, um einen Dienst bat, dann forderte sie nicht nur 
keinen Dank, wenn sie die Bitte erfüllte, sondern sie ihrerseits 
dankte noch, daß man ihr die Gelegenheit gegeben, nützen 
zu können. 
In ihrem letzten Lebensjahre lag etwas überaus Durch 
geistigtes. Herzgewinnendes in ihrem ganzen Wesen, das einst 
mals hier und da vielleicht als zu kategorisch und leicht ein 
wenig docierend, empfunden wurde. Das Liebliche, echt 
Frauenhafte, war noch völlig bei ihr zur Geltung gekommen. 
So war sie, voll freudiger Thatkraft im Leben stehend, 
doch mit der stillen Sehnsucht nach der Ewigkeit im Herzen, 
für diese völlig vorbereitet, als der Tod ihre Augen schloß. 
Und ein überaus sanfter Tod war es. der sie — ohne Krank 
heit, ohne Schmerzen, ohne Kampf — aus der Liebesarbeit 
dieses Lebens hinüberführte ins ewige Leben. 
Unter den vielen, die ihr nachtrauern, und denen ihr 
Scheiden eine tiefe Lücke ließ, sind nicht zum wenigsten ver 
schämte Arme, für die sie still in Liebe sorgte. 
Kleine Mitteilungen. 
©eneralseldrnarsehall ©ras Mattke f. In der 
Nacht vom 24. April hat sich ein welthistorisches Ereignis vollzogen; Feld- 
marschall Graf Moltke ist am Herzschlag gestorben! Noch am 
späten Abend fühlte sich derselbe vollständig wohl, das Abendbrot hatte ihm 
noch vortrefflich geschmeckt, da mit einem Male mußte er sich niederlegen 
und in der 10. Stunde machte ein Herzschlag dem Leben des Feldmarschalls 
ein Ende.*) Diese erschütternde Kunde traf das deutsche Volk um so un 
erwarteter, als der greise Feldherr noch vor wenigen Tagen bei der Weihe 
der neu verliehenen Fahnen und Standarten und bei der Grundsteinlegung 
der Lutherkirche allgemein durch seine Rüstigkeit Bewunderung erregt hatte. 
Nun ist der Waffengefährte Kaiser Wilhelms I., der Mitbegründer der 
deutschen Einheit, seinem großen Monarchen ins Jenseits gefolgt. In der 
Geschichte und in dem Herzen des deutschen Volkes hat sich der große 
Stratege jedoch ein Denkmal, dauernder als in Erz und Stein, gesetzt. 
Bis in die entferntesten Zeiten wird der Name des Mannes fortleben, den 
das deutsche Volk nicht nur bewunderte, sondern aufrichtig verehrte und 
liebte, des Mannes, dessen Losungswort lautete: 
„Alle Zeit 
Treu bereit 
Für des Reiches Herrlichkeit!" B. Gr. 
Uan unserem Kronprinzen. (Zu unserem Bilde S. 385.) 
Am 6. Mai 1882 erging sich der spätere Kaiser Friedrich III. zu später 
Abendzeit auf dem freien Platz vor dem Marmorpalais in Potsdam. 
Eine Depesche seiner Gemahlin hatte ihn davon benachrichtigt, daß ein 
sreudiges Ereignis in der Familie seines Sohnes unmittelbar bevorstehe, 
worauf er sich mit Extrazug sofort nach Potsdam begeben hatte. Da öffnete 
um 10 Uhr neben den Gemächern der Frau Prinzessin der Prinz Wilhelm 
das Fenster und rief mit sreudezitternder Stimme hinab zu seinem Vater: 
„Papa, es ist ein Junge!". — 
„Hurra, vier Könige!" lautete der Jubelruf, mit welchem der 
Kaiser Wilhelm die Kunde von der Geburt seines ersten Urenkels 
beantwortet hatte. In der Taufe, welche am 1t. Juni, dem Hochzeitstage 
der Kaiserlichen Urgroßeltern, im neuen Palais vollzogen wurde, und bei 
welcher Kaiser Wilhelm den Urenkel über die Taufe hielt, empfing der zu 
künftige Kronprinz die Namen Friedrich Wilhelm Viktor August Ernst. 
Nach dem Vater und Urgroßvater wurde Wilhelm sein Rufname. In 
vollster Gesundheit ist der Kaiserliche Prinz, der in diesen Tagen sein neuntes 
Lebensjahr vollendet, herangewachsen, behütet von der Liebe seiner hohen 
Eltern, deren Freude und Stolz er ist, geleitet von vortrefflichen Lehrern, 
welche die Keime zum Guten, die in ihm schlummernden Fähigkeiten zur 
Entwickelung gebracht haben, so daß der jugendliche Prinz, welcher berufen 
ist, dereinst eine so hohe Stellung einzunehmen, zu den schönsten Erwar 
tungen Berechtigung giebt. 
Mit Leib und Seele ist der Kronprinz Soldat; schon zu Lebzeiten 
seines Urgroßvaters verdroß eS ihn, daß er stets mit seiner Erzieherin 
*) Angesichts dieser erschütternden Trauerkunde verweisen wir die 
Leser des „Bär" aus No. 4 dieses Jahrgangs, in welcher von berufener 
Feder ein Artikel über den greisen, Heimgegangenen Strategen mit Porträt 
enthalten ist. 
seine Spaziergänge machen mußte. Eines Tages nun begab er sich direkt 
in die Gemächer seines Urgroßvaters, dessen ganzes Entzücken die jungen 
Urenkel waren, und bat denselben ffehentlich, er möchte doch seinen Papa 
dazu veranlassen, daß ihn auf seinen Spaziergängen ein Offizier be 
gleite. „Regelmäßige Schritte kann sie nicht machen und trippelt nur", 
lautete die Schlußbemerkung über seine Erzieherin. Da erhielt denn der 
kleine Prinz eine Husarenuniform und gleichzeitig die erste militärische Aus 
bildung, waS ihm die stolzen'Worte entlockte: „Vorläufig giebt mir die Er 
zieherin noch Stunde, bald aber werde ich ihr welche geben; denn vom 
militärischen Schritt hat sie keine Ahnung." 
Unter der Anleitung tüchtiger Exerziermeister hat sich der Kronprinz 
jetzt längst zu einem gut ausgebildeten Rekruten entwickelt. Das Gelernte 
übt er mit seinen Brüdern, über welche er ein unbeschränktes Kommando 
führt. Betritt der Vater das Zimmer, so kommandiert er: „Antreten! 
Stillgestanden! Richt Euch! Augen gerade — aus! Rechtsum! Linksum! 
Ganzes Bataillon — Kehrt!" Die größte Freude dieser jüngsten Rekruten 
der deutschen Armee war ein kleines schwarz-weißes Schilderhaus, in welchem 
sich bei näherer Besichtigung drei hölzerne Gewehre fanden. Neben dieser 
militärischen Ausbildung ist die des Geistes und Gemütes des jugendlichen 
Prinzen nicht vernachlässigt worden. Bei dem innigen Familienleben, 
durch welches unser Kaiserhaus dem deutschen Volke ein so leuchtendes Vor 
bild giebt, versteht es sich von selbst, daß das hohe Ellernpaar sich nicht 
allein eingehend um die Erziehung seiner Söhne kümmert, sondern auch 
persönlich in dieselbe eingreift. Wie jede andere deutsche Mutter pflanzt 
die Kaiserin ihren Lieblingen religiösen Sinn in die kindlichen Gemüter und 
sucht ihren Geist durch „schöne Geschichten" anzuregen. Gar oft und gern 
erzählt die Kaiserin den Prinzen namentlich von den Heldenthaten ihrer 
Ahnen. So sprach sie auch einst vom Großen Kurfürsten und von Friedrich 
dem Großen. „Wie hieß denn das Lieblingspferd Friedrichs des Groben?" 
fragte der Kronprinz in neugieriger Kinderweise. Hierauf wußte die Mutter 
keine Antwori zu geben, sagte aber, der Papa werde dies gewiß wissen. 
In diesem Augenblick trat der Kaiser ins Zimmer und erteilte die gewünschte 
Auskunft. „Wie aber hieß das Lieblingspferd des Großen Kurfürsten?" war 
die weitere Frage, und als der Kaiser ihm diese nicht beantworten konnte, 
sagte der Kronprinz: „Run wenn ich er von Euch nicht erfahren kann, 
dann werde ich warten, bis ich in den Himmel komme und den Großen 
Kurfürsten selbst fragen." 
Das sind so kleine Züge, welche bezeichnend sind für die Gemüts 
und Denkart unseres jugendlichen Kronprinzen. Vor allem charakterisieren 
sie jedoch daS innige Familienleben unseres Kaisers in all seiner herz 
gewinnenden Natürlichkeit und Einfachheit. Das Heim des Kaiserpaares 
ist eine Wohnung des Friedens und der Liebe, eine Pflegestätte deutschen 
Geistes und deutschen Gemütes. „Seine Familie ist für Kaiser Wilhelm II., 
sagt Or. Hintzpeter mit Recht, „die unentbehrlichste Grundlage seines Lebens." 
Wohl dem Königskinde, welchem ein solches Vaterhaus beschieden ist! B. G. 
Hundssatt bleibt Hundssatt. Als kurz vor der Schlacht 
bei Waterloo der französische General Lourmont zu Blücher überging, in 
dem er die weiße (bourbonische) Kokarde aufsteckte, sagte der alte Marschall 
Vorwärts: „Einerlei, was das Volk für einen Zettel ansteckt; Hundssott 
bleibt Hundssott!" E. K.
        
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