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Periodical volume 2. Mail 1891, No. 31

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Leihhäuser, und die deshereuces, welche sich auf jährlich 200 
bis 400 Thaler beliefen, waren die Ueberschüsse beim Verkauf 
der Pfänder. 1784 bethätigte Friedrich der Große der Anstalt 
aufs neue sein Wohlwollen, indem er ihr die erledigte Pension 
des Titular-Legationsrates von Palleville im Betrage von 
200 Thlrn. überwies. Bis zum Jahre 1784 wurde kein Schul 
geld erhoben; nur die neu Aufzunehmenden hatten eine Ein 
schreibegebühr von 1 Thlr. zu zahlen. Von dem genannten 
Jahre an wurde nun ein jährliches Schulgeld von 4 THIrn. 
eingeführt. Diese Einrichtung, die an den anderen Berliner 
Gymnasien längst getroffen war, führte dem Gymnasium eine 
erhebliche Einnahme zu, da die Frequenz*) desselben sich unter 
Ermans rühriger Leitung bedeulend gehoben hatte. Einen be 
trächtlichen Zuwachs erhielt die Kasse des Gymnasiums 1812, 
als ihr Friedrich Wilhelm ITT. durch Kabinetts-Ordre vom 
12. September aus den Kapitalien, welche bis dahin das auf 
gelöste französische Ober-Direktorium verwaltet hatte, die Be 
stände der sogenannten Manusaklurkasse im Betrage von 
22 272 Thlrn. überwies. 
In das Rektorat Ermans fällt die 100jährige Stiftungs 
feier des Gymnasiums, welche am 1. Dezember 1789 um 
9 Uhr durch einen Feftgoltesdienst in der Werderschen Kirche 
eröffnet wurde. Erman, der neben seiner Stellung als Direktor 
sein Kirchenamt beibehalten hatte, hielt die Festpredigt; er 
konnte einen Blick auf eine lange, gesegnete, an Erfolgen 
reiche Amtszeit werfen. Unermüdlich widmete er auch den Rest 
seines Lebens dem Gymnasium, das unter seiner Leitung zu 
nie geahnter Blüte gelangt war. Daneben fand er Zeit zu 
einer ungemein vielseitigen Thätigkeit: seit 1770 leitete er das 
neu errichtete 8sm.ino.irs äs theologie, 1783 wurde er vom 
Könige zum Ober-Konfistorialrat ernannt. 1786 wurde er Mit 
glied der Akademie der Wissenschaften, 1792 Historiograph von 
Brandenburg und 1795 Geheimral und Mitglied des französi 
schen Departements (Orand äirsstoirs franyais). Mit pein 
lichster Gewissenhaftigkeit erfüllte Erman bis ins hohe Greifen- 
alter die ihm obliegenden mannigfachen Pflichten, was nur 
durch ein weise Zeiteinteilung und strengste Ordnung in der 
Lebensführung möglich war. „II saut faire une chose 
apres l’autre“, pflegte er mit Vorliebe zu sagen. Als die 
schwere, trübe Zeit nach den Schlachten bei Jena und Auerstädt 
über Preußen hereinbrach, und die Franzosen 1806 in Berlin 
einzogen, fand der 71 jährige Ermair Gelegenheit, einen Beweis 
von seiner Kühnheit, Vaterlandsliebe und Königstreue zu geben. 
„8ire, ce n’est pas vrai“, sind die bekannten Worte, welche 
er Napoleon I. entgegenwarf, als der Eroberer es wagte, die 
Königin Luise zu verunglimpfen. Napoleon ließ den kühnen 
Greis unbehelligt; auf dem Ordensfeste im Jahre 1810 trat 
aber die Königin Luise mit deni Glase in der Hand auf ihn 
zu und stieß mit ihm an auf das Wohl „des Ritters, der. als 
alles schwieg, den Mut hatte, seine letzte Lanze für die Ehre 
seiner Königin zu brechen." 
Der Lebensabend Ermans witrde noch durch die Morgen 
röte der Freiheit verschönt. AIs der Greis am 11. August 
1814 die Augen für immer schloß, waren die Fesseln der 
nationalen Knechtschaft gesprengt. Ostern 1813 hatte sich 
Erman bereits pensionieren lassen, doch halte er der von ihm 
mit so reichein Erfolge geleiteten Anstalt bis zum letzten Atem 
zuge als Mitglied des Conseil academique angehört. 
«) Sie betrug 1765: 35; 1778: 173. 
Die Stellung des Gymnafiunls der Staatsverwaltung 
gegenüber hatte sich schon vor Ermans Tode wesentlich geändert. 
Das Unterrichtswesen hatte, seitdem Freiherr von Zedlitz- 
Leipe 1771 die Leitung der Kirchen- und Schulsachen über 
nommen hatte, einheitliche, feste Formen erhalten. Die Er 
richtung pädagogischer Seminare in Halle und Berlin (1787 
und 1788), das Edikt über die Einführung des Abiturienten- 
Examens (1788) kennzeichnen den in den Schulverhältnissen 
eingetretenen Umschwung. Das Oouseii academique sträubte 
sich zunächst das Abiturienlen-Examen einzuführen, was zur 
Folge hatte, daß die Schüler des französischen Gymnasiums 
sich vor der Immatrikulation auf den Universitäten einer 
Prüfung vor fremden Examinatoren unterziehen milßien. Dieser 
Differenz machte erst die Prüfungsordnung vom 25. Juni 1812 
ein Ende, der das Oouseii academique sich wohl oder Übel 
unterwerfen mußte. Bereits am 8. April 1809 halle das 
Gymnasium von der 1808 im Ministerium des Innern ein 
gesetzten Sektion des Kulms und des öffentlichen Unterrichts die 
Mitteilung erhalten, daß das College wie alle übrigen Berliner 
Gymnasien dieser Seklion unterstellt sei, und daß die Anstalt 
sich an diese Behörde in allen ihren Angelegenheiten zu wenden 
habe. Gegen diese Anordnung protestierte das Oouseii aca 
demique am 1. Mai 1809 in einer Eingabe an den König 
unter Benlfung auf das Statut vom 14. Mai 1703 und 
auf das darin gewährte Privileg „d’etre et de demeurer 
ä toujours immediatement sous la haute protection du 
Eoi“. Dieses Gesuch unterstützte Erman durch eine von ihm 
persönlich unterzeichnete Immediateingabe, in welcher er in 
rührenden Worten flehte: „Ah, Sire, laissez retenez sous 
l’ombre de vos ailes le vieux Principal et son CoHege 
vos heureux voisins!“ Die Antwort des Königs war sehr 
wohlwollend gehalten, siel jedoch ablehnend aus (30. Oktober 
1809). 
Durch diese Kabinettsordre war dem französischen Gym 
nasium die Bahn für die weitere Entwickelung vorgezeichnet. 
Es sollte nunmehr an der Gesamtentwicklung des deutschen 
Geisteslebens mitarbeiten und an den Fortschritten auf dem 
Gebiete des Erziehungs- und Unterrichtswesens teilhaben, dabei 
jedoch seine ehrwürdigen Einrichtungen und seine Eigenart, so 
weit dieselbe lebensfähig und existenzberechiigk schien, bewahren. 
Die schwierige Aufgabe, das Gymnasium in dieser Uebergangs- 
zeit zu leiten, fiel Jean Michel Palmie (1815—1837) zu, 
der gleich Erman Prediger der französischen Gemeinde ivar. 
Es würde zu weil führen, seine Amtsführung, sowie die seiner 
Nachfolger Auguste Fournier (1837 — 1842), Gustav 
Kramer (1842—1853), Henri Benoit Lhardy (1853 bis 
1868) und Julius Schnatter (1868—1887) hier bis in 
die Einzelheit darzulegen. Seit 1888 steht Herr Dr. Georg 
Schulze an der Spitze des Gymnasiums. In innigster 
Wechselbeziehung mit dem deutschen Geistesleben stehend, ist das 
Gymnasium im Laufe dieses Jahrhunderts ein deutsches ge 
worden. Der Lehrplan desselben stimmt in den wesentlichen 
Zügen mit demjenigen überein, welchen der Ministerial-Erlaß 
vom 31. März 1882 für die preußischen Gymnasien festsetzt; 
doch wird in den höheren und mittleren Klassen von Unter- 
Tertia an der gesamte Unterricht mit Ausnahme desjenigen in 
der Religion und im Teutschen in französischer Sprache 
erteilt. Um dies zu ermöglichen, tritt in den unteren Klassen 
der französische Unterricht in den Vordergrund.
        
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