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Periodical volume 25. April 1891, No. 30

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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den Löcknitzlauf abwärts. Was, wer? Waldemar! Das 
Lenzener Land längs der Grenze umreitend, droht er hier bei 
der Wegabzweigung hinüber dem „Küster von Wilsnack", 
d. i. dem Bischof von Havelberg. Der sann seiner Zeit, lehns 
frei vom Landesfürsten zu werden und reichsunmittelbar in 
diesem Neulande, wie andere deutsche Bischöfe im alten Reiche 
dazustehen. Aber seines Landesherrn ernstes Drohen genügte, 
daß er sich wieder duckte und aufhörte, insgeheim mit Branden 
burgs lüneburgischen und mecklenburgischen Gegnern zu ver 
handeln. Heil Waldemar, dem Zusammenhalter der ganzen 
Prignitz! 
Ein drittes Mal noch erscheint Waldemar Hierlands nahe 
der Löcknitznründung bei den Dörfern Wrootz und Kietz an der 
Elbe, als Schimmelreiter mit reisiger Schar der Elbfurt zu 
stürmend. Er verfolgt die vor ihm fliehenden Lüneburger und 
Dänen. 
Eben auch dort zieht in der Neujahrsnacht Locki mit zwei 
Hunden in der Wische umher und sieht in den Krügen nach, 
ob jemand spielt. Wen er beim Spielen trifft, den schleppen 
seine Hunde sofort zur Hölle. Der Wodans- oder Wilde Jäger 
-Mythus in märkischer Gewandung! 
Durch die Kolonie „Lenzener Tilge," (Stiftung Friedrichs 
des Großen), eine nur auf Nutzzwecke angelegte poesielose 
Häuserreihe, hindurch führt uns die Löcknitz nach dem hoch 
poetischen Park und Schloß Gadow. 
Wie stattlich liegt er, weithin auch von der Bahn aus 
sichtbar, da, dieser stolze Herrensitz des Grafen Willamowitz- 
Möllendorf! Des mächtigen Wohnbaus plumpe Einfachheit 
mildert zum gefälligen Anblick die zierliche Umrankung wilden 
Weines, des Epheus und der in der frostigen Prignitz so sehr 
selten gedeihenden blaublütigen Glycine chinensis. Wohin 
wir das Auge wenden: Prachtvolle Blumen, Topsgewächs 
gruppen. Teppichbeete, schön gepflegter Rasen, Silberahorn, 
gewaltige Blutbuchen, edle Nadelhölzer, Weiher, hochstrebende 
Brückenbogen! Ob mehr englischer, ob mehr altfranzösischer 
Geschmack bei der Anlage und der Pflege vorgewaltet, ist nicht 
recht zu unterscheiden. Jedenfalls ist es eines deutschen, preußi 
schen Edelmannes schöner Landsitz, dieses Schloß Gadow, das 
zudem so herrlich gelegen ist, mitten in schönem, deutschem 
Walde, in welchem das edle Weidwerk ordnungsmäßig auf 
gut deutsche Art geübt und gepflegt wird. 
Hoch aber schlägt das preußische, das deutsche Herz, wenn 
wir beim Durchwandern des Parks um Schloß Gadow, beim 
Uebergang desselben in den Wald, an die Ruhestätte der Ge 
waltigen gelangen, welche dem jetzigen Besitzer solch schönes 
Erbe hinterlassen haben. 
Nmrauschk von ernsten, märkischen Knorrkiefern ruhen in 
dem „Erbbegräbnis", einer weiten, der Königswache in Berlin 
ähnlichen Halle dorischer Bauart, die deutschen Helden, die so 
tapfer (türmten und Stand hielten unter den Augen König 
Friedrichs des Einzigen bei Leuchen und Hochkirch, bei Kuners 
dorf und Torgaii. Klingt mitternächtiger Glockenschlag in der 
Nacht zum 24. Januar, dem Geburtstag des großen Königs, 
dann wird es da lebendig, die Totenhalle wird zur Feldherrn 
halle. In voller Uniform entsteigt zuerst der alte Feldmarschall 
seinem Lager, und im Nu umgeben ihn alle Möllendorfs, die 
je des Königs Rock getragen. Zur Burg Lenzen geht's, dem 
einstigen Lieblingssitz des alten Feldmarschalls, auf welcher die 
schwarz-weiße Königsfahne mächtig flattert: dort wird in mitter 
nächtiger Stunde Generalappell der Prignitzer und Allmärker 
gehalten. Und wie es in alten und neuen Zeiten hierbei 
Brauch: ist der ernsten Pflicht genügt, so begiebt sich der Zug 
der Offiziere in des Feldmarschalls verborgenen Schloßkeller, 
beim „Eckturm nach dem Körbitz" zu. Wer daun kurz vor 
1 Uhr dem Burgberg nahe kommt, hört tief darinnen Gläser 
klirren und vernimmt den mächtigen Kriegergesang: 
Friedericus Rex, unser König und Herr, 
Der rief uns allesamt ins Gewehr. 
Noch eine andere Stelle im Gadower Schloßpark ist be 
deutungsvoll. Unter einer verkrüppelten, jetzt fast verdorrten, 
Rieseneiche lagert ein großer Schatz, den ein fliehender Heiden 
könig nach der großen Wendenschlacht 929 vor den verfolgen 
den Sachsen in die Erde zauberte. Diese Eiche wuchs darüber 
auf aus einer Eichel, welche er in die Erde steckte, um an dem 
aufsprießenden Schößling die Stelle wiederzuerkennen. Er fiel 
aber auf der Weiterflucht. Je mehr nun die Eichenwnrzeln 
sich vertieften, je mehr drückten sie den Königsschatz zur Tiefe. 
Kein Menschenarm vermöchte jetzt, denselben anszugraben. Doch 
kann ihn gewinnen, wer auf dem Höhbeck, dem Sonnenberge, 
Lenzen gegenüber auf dem linken Elbufer, die goldene Wiege 
in der Johannisnacht herailfbeschwört lind den in dieser Wiege 
lagernden schwarzen Hund nach dem Gadower Schloßpark trägt. 
Schweigt er unablässig, den Rücken der Eiche zugewandt, so 
wühlt der Hund eilig den Schatz auf und legt ihm denselben 
um 1 Uhr als Besitz vor die Füße. 
Bis zum Wühlen hat es schon einmal „der Doktor Faust 
vom Rhein" gebracht. Allein da ist unvermutet ein gleichfalls 
zauberkundiger Russe, ebenfalls mit einem großen, schwarzen 
Hunde zur Stelle gewesen und hat, als er des Doktor Faust 
ansichtig wurde, einen gräßlichen, in der Johannisnacht immer 
wieder gellend durch die Gegend klingenden Wutschrei aus 
gestoßen. Thörichterweise hat sich da Doktor Faust umgedreht 
und den Russen in den Boden hineingeschlagen: alsbald ist der 
Schatz vor seinen Augen wieder zur Tiefe gesunken, und sein 
Hund ist im mächtigen Bogensatz über die Elbe hinweg in das 
Teufelsloch des Höhbeckberges hineingesprungen. Zurückblieb 
allein der herrenlos gewordene schwarze Russenhund, der zum 
Schreck aller Nachts von Lanz nach Wittenberge Wandernden 
im Grabower Walde umher irrt und huscht. 
Unheimlich nicht minder ist es in der seitwärts gelegenen 
teils zu Gadow, teils zu Lenzen gehörigen Forst und Feld 
mark Dammrow. Der Name „Dammrow" trägt in sich eben 
unheimliche Bedeutung. In slavischen Lauten zeigt er an den 
„Ort der Hingeopferlen." Die Sage berichtet: Hier wurden 
iit alter Heidenzeit bei Vollmondschein vor Beginn eines Krieges 
zuvor erbeutete Gefangene mit je drei Pfeilen in die Brust 
geschossen, damit aus dem hoch oder niedrig spritzenden Blut 
der Ausgang des Krieges zuvor erkannt werden möchte. Grauen 
volle Stätte irrtumsvoller, entmenschter Frömmigkeit! 
Ein besseres Denkmal urväterlich frommen Sinnes liegt 
am Westrande Dammrow, in der Mitte des „Jnselslecks" 
zwischen den Seen und dem Löcknitzbogen: Dorf Verbitz. Noch 
vor nicht langer Zeit ein eigenes Pfarrsystem bildend, jetzt 
praktischer Weise mit Pfarre Lanz verbunden, ist Verbitz eine 
angeblich schon in heidnischer, jedenfalls in christkatholischer 
Zeit hochgefeierter Wallfahrtsort gewesen. Der Name Verbitz 
bedeutet: Gebetsstätte! (Fortsetzung folgt).
        
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