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Periodical volume 28. März 1891, No. 26

Full text: Der Bär Issue 17.1891

-e 318 ff - 
Otto eilte voran. Zehn Schritte von der Umzäunung 
des Forsthauses horchte er abermals: alles mar still. Er pfiff 
nach der Art des alten Korn, aber niemand antwortete, weder 
ein menschliches Wesen noch etn Hund. Der Donner rollte, 
Otto konnte weiterschreiteu, ohne zu fürchten, daß man ihn 
höre, aber ihn durchbebte schon die furchtbare Ahnung, daß 
hier niemand sei, der ihn hören könne. 
Trotz der Dunkelheit, die nur ab und zu durch Blitze 
erhellt wurde, war es zu bemerken, daß hier etwas Besonderes 
vorgegangen, und der Eindruck war um so unheimlicher, als 
sich einerseits die Spuren der Zerstörung bemerkbar machten, 
andererseits aber auch vieles darauf deutete, daß sich Menschen 
im Hause befanden. Die Thüren und Fenster waren einge 
schlagen, aber von innen durch Bretter, Heu, Stroh u. s. w. 
wieder verschlossen. Hof und Garten waren mit Scherben 
aller Art bedeckt, die Blumenbeete zertreten, die Gesträuche 
niedergedrückt, gebrochen und zerknickt, die Hitnde waren fort, 
aber Otto hörte ein leises Gehen und Geflüster, als er in 
seiner Herzensangst und Ungeduld anpochte. 
„Wer ist da?" fragte endlich eine zitternde Stimme, als 
er die Verkleidung eines Fensters einstieß, um endlich Gewiß 
heit zu erlangen. 
„Ich will den Förster sprechen —" 
„Wer seid Ihr? Der Förster ist nicht mehr hier." 
„Wo ist er? Wo sind die Damen, die hier gewohnt?" 
„Um Gottes willen, Sie sind doch nicht Herr v. Braun?" 
erklang es zurück. 
Otto schien die Stimme bekannt. Er war geächtet, er 
hatte sich mit Arthur Tage hindurch vor allen Menschen ver 
borgen, aber in diesem Moment hatte er keine Gedanken mehr 
für seine eigene Sicherheit. „Ich bin's," rief er, auf die Ge 
fahr hin, vielleicht in der nächsten Minute für seine Freiheit 
kämpfen zu müssen; ich will-wissen, was aus den Meinigen 
geworden ist. Wo ist meine Mutter, meine Schwester?" 
Arthur Wedehlen hatte zur Vorsicht geraten, jetzt aber in 
der Gefahr stand er Schulter an Schulter neben dem Freunde, 
das gezückte Messer in der Faust, um mit jedem zu fechten, 
wenn es not thue. 
Die Thüre ward geöffnet. „Heiliger Gott, Sie sind nicht 
allein!" rief die zitternde Stimme eines alten Forstaufsehers, 
den Otto jetzt beim Schein eines Blitzes erkannte. 
„Das ist mein Freund, Vater Pormann," rief Otto, sich 
in das Haus drängend. 
„Wer heute jemand traut," murmelte der Alte, „wagt 
seinen Kopf. Aber wie Gott will! Lene, hüte die Thüre und 
passe gut auf, es könnte eine Patrouille kommen, und dann 
sind wir alle verloren." 
Der Alte führte Otto ttnd Arthur in das Gemach, welches 
früher Ottos Mutter bewohnt. Das Bettgestell war zerschlagen, 
die Roheit hatte hier derart gehaust, daß man selbst die Betten 
zerstochen und zerschnitten. Wir geben in Kürze die Erzählung 
des alten Aufsehers, deren Angaben Otto und Arthur ihm 
durch hundert Fragen entlockten. Der über siebenzig Jahre 
alte Mann, der das Gnadenbrot aus Schloß Dielen genossen, 
hatte, als beim Niederbrennen des Schlosses auch sein Obdach 
zerstört worden, nach langem Bitten die Erlaubnis erhalten, 
in der Försterei sich Unterkunft zu suchen, aber nur unter der 
Bedingung, daß er bei Todesstrafe sofort Anzeige tnache, wenn 
ein Angehöriger der früheren Bewohner sich daselbst blicken ! 
lasse; man hatte ihm angekündigt, daß man ihn und seine 
Frau sofort füsiliere, wenn er jemanden aufnehme oder 'sonst 
Verrat übe; er sagte, daß oft in der Nacht inehr als eine 
Patrouille komme und das Haus durchsuche. 
Von den Vorfällen wußte er nur, was er durch Hören 
sagen erfahren; daß Kapitän Martigny auf Schloß Wedehlen 
den Tyrannen spiele, sogar seine eigene Frau gefangen halte, 
weil sie um Gnade für Ernst v. Braun gebeten, den er habe 
erschießen lassen. Das letztere sei geschehen, als eine vor 
nehme Dame, die Schwester des Kapitäns, angekommen; mau 
erzählte, daß sie ihren Bruder angetrieben, die größte Strenge 
walten zu lassen, denn er habe sogleich Soldaten nach Schloß 
Dielen und nach der Försterei geschickt, alles zu verhaften; da 
aber Graf Dielen ebenso wie der Förster und die Angehörigen 
Brauns noch rechtzeitig in der Nacht geflüchtet, habe die Wut 
der Soldaten das Schloß ttnd die Försterei zerstört. Der Graf 
Wedehlen und die ©einige», so lautete ferner der Bericht, 
würden auf ihrem Schlosse gefangen gehalten; es heiße, der 
dort kommandierende Offizier der Chasseurs wolle die Comtesse 
Jda zwingen, ihn zu heiraten, sonst wolle man alles erschießen 
und Schloß Wedehlen ebenfalls niederbrennen lassen. 
War es für Otto ein Trost, daß die Seinen entflohen, 
den nur der Gedanke verkümmerte, daß seine kranke Mutter 
den Strapazen erliegen werde, war es ihm trotz aller schmerz- 
lichen Gefühle eine Genugthuung, daß sein Bruder, wie der 
Forstaufseher betonte, als tapferer Soldat gestorben, der die 
Franzosen in Wut gesetzt, weil er sich nicht durch Verrat Be 
gnadigung habe erkaufen wollen, so ahnte der alte Mann nicht, 
welche Dolchstiche seine Erzählung dem Herzen des Begleiters 
Otto gab. Der Alte sprach, als gönne er der gräflichen 
Familie die verdiente Strafe, weil dieselbe von Anfang an zu 
den Franzosen gehalten und immer hochmütig gegen Niedere 
gewesen, jetzt erhalte sie dafür ihren Lohn. Otto hatte mehr 
fach den Alten ermahnt, schonender über Unglückliche zu reden; 
er hätte ihm gern gesagt, wer Arthur war, jedoch ein Blick 
desselben verbot ihm diese Eröffnung. Aber durch seine Vor 
stellungen erreichte er das Gegenteil; der Alte wurde nur 
bitterer, erinnerte ihn daran, daß der Graf Ottos Vater nicht 
geschützt, daß er tun die Gunst der Franzosen gebuhlt ttnd alles 
Unglück dadurch heraufbeschworen, daß er den Kapitän in sein 
Haus gezogen, ihm die Tochter gegeben und gewünscht, daß 
seinem ältesten Sohne das Erbe entrissen werde. „Den haben 
die eigenen Eltern preisgegeben," sagte er, „es geschieht ihnen 
recht, wenn die Franzosen nun auch den anderen um das Erbe 
bringen; es heißt, sie haben ihtt schon erschießen lassen." 
Der alte Aufseher konnte den Freunden nur wenig 
bieten, aber er wollte alles hergeben, was er an Nahrungs 
mitteln besaß und sie auch verbergen. „Solls mir und meiner 
Alten das Leben kosten," sagte er, „dann sind wir aller 
Sorgen enthoben; unter der Erde ist's jetzt wohl besser, als 
oben." 
„Bleibe Du," erklärte Arthur, als Otto ein Asyl für die 
Nacht annehmen wollte, um frische Kräfte zu sammeln, und die 
Ansicht aussprach, bei dem schlechten Wetter werde keine Pa 
trouille kommen; „ich muß es versuchen, meinen Vater zu 
sehen. Ich werde Mittel finden, mich einzuschleichen; gelingt's 
nicht, dann lebe wohl, und sage Mittna, daß ich mit ihrem 
Bilde im Herzen sterben werde!" 
Der alte Aufseher starrte erschrocken den Grafen an, er
        
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