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Periodical volume 21. März 1891, No. 25

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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wurden beobachte!. Auf den Pässen hatte man geheime Sig 
nalements. und so ward des Schreckens Herrschaft gegründet, 
die Volksmoraliiät in ihren geheimsten Quellen vergiftet und 
selbst das Landvolk durch fremde und einheimische Buben 
überwacht. 
Die schmutzigen, für Bestechung zugänglichen Chefs der 
Polizei hatten in Kassel ihre Hauptstütze an dem Busenfreunde 
des Königs Jerome, dem Grasen Fürstenberg. Dieser Graf 
Fürstenberg war der in einen Deutschen umgetaufte Franzose 
Le Camus, der eine Tochter des zum westfälischen Oberstall 
meister ernannten Grafen Hardenberg geheiratet. Seiner Partei 
stand bei Hofe die der Gräfin v. Waldburg-Truchseß, geborene 
Prinzessin von Hohenzollern-Hechingen gegenüber; die genannte 
Dame war Oberhofmeisterin und Jeromes erklärte Favorite. 
Das ununterbrochene Spiel der Machinationen dieser streitenden 
Hofparteien gab nun ivieder Männeni, welche die Fäden der 
geheimen Polizei lenkten, einen sehr bedeutenden Einfluß in 
den Kreisen, welche im Besitze der Gewalt waren, und so kam 
es. daß Anklagen, Verhaftungen und Landesverweisungen sich 
auf sehr hochstehende Personen und selbst auf Angehörige der 
liuuts police erstreckten. 
Claire sollte es erfahren, daß der Einfluß, den sie sich 
in Berlin erworben, sie in Kassel nicht gegen den Einflitß 
ihres Bruders schützte, den sie zum Kampfe herausgefordert: 
sie ward bei ihrem Eintreffen in der Residenz verhaftet und in 
eine Zelle des Gefängnisses für Staatsgefangene gebracht. Es 
hals ihr kein Protestieren, kein Drohen; umsonst forderte sie 
Papier, um sofort nach Berlin an ihre dortigen Gönner und 
Helfershelfer schreiben zn können; das Lächeln des Schließers 
verriet ihr. daß sie sich unnütze Mühe mache, daß man ihre 
Briefe nicht expedieren werde. 
Sie sah sich jetzt selber in den Schlingen, welche sie ehe 
dem für andere geflochten; sie wußte, daß diejenigen, die es 
gewagt, sie zu verhaften, eher jedes Verbrechen wagen würden, 
als daß sie ihr die Freiheit zurückgaben, und diese Ueberzeugung 
sollte ihr bald genug bestätigt werden. Herr v. Bercagny, 
der Chef der Polizei, besuchte sie sehr bald. Der elegante 
Mann, dem es nicht anzusehen war, daß er in seiner Hand 
die geheimsten Fäden gefährlicher Intriguen hielt, sprach ihr 
sein Bedauern darüber aus. daß er sie habe „belästigen" 
müssen. In den höflichsten Forinen, die unter den obwaltenden 
Umständen als blutigster Hohn erschienen, sagte er ihr, daß er 
trotz seiner festen Ueberzeugung von ihrer Unschuld durch 
eine Denunziation veranlaßt worden, Recherchen darüber an 
zustellen, unter welchen Umständen der Margllis de Frillon 
gestorben sei. „Ich glaube," sagte er mit heuchlerischer Miene, 
„daß Ihren Anklägern wenig daran liegt, einen skandalösen 
Prozeß zu provozieren, der Sie immerhin bloßstellt, auch wenn 
Sie freigesprochen werden, als daran, Sie für einige Zeit zu 
hindern, sich in politische Angelegenheiten zu mischen. Wenn Sie 
also das Beginnen der Untersuchung nicht fordern, wenn Sie 
sich entschließen, Ihren Freunden mitzuteilen, daß Sie eine 
uieitere Reise ins Ausland angetreten und sich zu behaglicher 
Haft bequemen, so ersparen Sie sich einen häßlichen Prozeß, 
und ich glaube, daß man Ihnen sehr bald annehmbare Be 
dingungen stellen wird, unter denen Sie Ihre volle Freiheit 
wieder erlangen." 
Claire antwortete in leidenschaftlicher Erregung, daß sie ! 
ihren Ankläger kenne und die Untersuchung fordere, um den 
selben entlarven zu können; Bercagny machte ihr ein zwei 
deutiges Kompliment über diese Denkungsweise, bat sie aber, 
sich ihre Entschlüsse zu überlegen, er sei nicht in der Lage, sie 
an einen Ort bringen lassen zu können, wo ihre Haft einen 
angenehmeren Charakter habe, wenn sie auf ihrem Vorsatze be 
harre. Der Wink war verständlich. Wenn sie sich fügte, so 
erleichterte man ihr die Entziehung der Freiheit, andernfalls 
hielt man sie in strenger Haft — es lag in der Hand ihrer 
Feinde, sie verschwinden zu lassen für ewig. 
Die Empörung Claires wich einem Gefühl der Zer 
knirschung. Sie entschloß sich, lieber das Härteste zu erdulden, 
als sich der Gewalt zu unterwerfen; es war ihr, als lege ihr 
Gott eine schwere Prüfung auf, ihre Schuld zu büßen, als 
werde er ihr seine Hilfe senden, wenn sie sich in Demut seiner 
Gnade ergebe. 
An demselben Tage, wo man Claire verhaftet, ward 
Emino v. Wedehlen, den die Schergen Würsts eingefangen, 
standrechtlich erschossen. Martigny sorgte dafür, daß das 
Zeitungsblatt, welches bte Namen der Exekutierten verkündete, 
nach Schloß Wedehlen kam. Hatte das Knattern der Schüsse 
im Walde unfern des Schlosses Wlaska und den Ihrigen be 
wiesen, daß Kapitän Martigny unerbittlich seine Drohungen 
erfülle, so vermehrte die Kunde, daß das Schloß Dielen 
niedergebrannt worden, daß inan das Forsthaus Nonnenbruch 
leer und verwüstet gefunden, den Schrecken — die Botschaft 
vom Tode Emmos gab den Herzen der gebeugten Eltern den 
letzten Stoß. 
Wlaska lag im Fieber; jede Stunde konnte man erwarten, 
daß die Nachricht kam, auch Arthur sei den Schergen in die 
Hände gefallen; der Graf wünschte fast, daß Wlaska Erlösung 
durch den Tod finde; von allen seinen Kindern war es Jdn 
allein, die ihn zn trösten versuchte, aber auch sie bedrohte Ver 
folgung. Lientenant Marcel, der sich mit Martigny als Herr 
des Schlosses geberdete, gab sehr deutlich die Hoffnung zu er 
kennen, daß die schöne Komtesse seine Wünsche erhören werde. 
Die Akte gegen die früher Reichsnnmittelbaren gab Mar 
tigny Gelegenheit, dem Grafen vorzustellen, daß er sein Ver 
mögen nur dadurch vor Konfiskation retten könne, wenn er 
dasselbe seinen Töchtern überantworte und Jda zur Gemahlin 
eines französischen Offiziers mache. Die Aufhebnng des 
Familien-Fideikommisgesetzes war bereits vom Könige Jerome 
dekretiert worden.*) Die Bitterkeit der Verzweiflung über seine 
Ohnmacht diesem Elenden gegenüber war jedoch derart, daß 
der Graf antwortete, er wolle lieber seine Habe vom Staate 
konfisziert sehen und mit seiner Frau und seinen Töchtern als 
Bettler in die Fremde ziehen, als Martignys Begehren 
erfüllen. 
Der Kapitän hätte sich unfehlbar dadurch gerächt, daß er 
die Verhaftung des Grafen befohlen, aber es war bei dem 
Zustande Wlaskas zu fürchten, daß ein neuer Schicksalsschlag 
sie töte, dann aber verlor Martigny sein Erbrecht; er mußte 
also Wlaskas Leben hüten, wollte er nicht alle Früchte seiner 
Verbrechen aufs Spiel setzen. Aber er hoffte mehr, er 
schmeichelte sich mit dem Gedanken, daß Wlaska und die 
Ihrigen es noch einsehen müßten, daß man ihn zu feindseligem 
Auftreten gereizt, daß man am besten thue, sich mit ihm in 
Güte zu einigen. 
*) Geschah in sehr vielen Fällen, vergl. Häusser.
        
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