Path:
Periodical volume 7. März 1891, No. 23

Full text: Der Bär Issue 17.1891

-hS 289 
Es war auch Winter, und die kleinen Prinzen und Prin 
zessinnen halten schon wiederholt sehnsuchtsvoll ans den 
Palaisfenstern nach dem Weihnachtsmarkt mit seinem bunten 
Treiben, das wie Schneeflocken hin und her wirbelte, hinge 
schaut. Da kamen sie dann eines Tages zu ihm gesprungen: 
„Ach, Papa, geh' doch mit uns auf den Weihnachtsmarkl, wie 
muß es da hübsch sein, ivir sind so lange nicht dagewesen." 
Da konnte er nicht widerstehen. In bürgerlicher Kleidung 
verließ er mit seinen Kindern unbeinerkt das Palais durch eine 
Seitenthür. Ein Wagen folgte in einiger Entfernung. Nun 
hatten sie sich unter das Volk gemischt und ließen sich schieben 
und drängen wie andere Leute. Die Kinder freuten sich über 
die Buden, den Waldteufel und die Stangenmänner, während 
ihn der Berliner Witz und Dialekt ergötzte. Lange dauerte 
das Vergnügen aber nicht. Denn ein breitschultriger Mann 
gewitter des 6. August empor. Nach dem heißen Ringen war 
er durch das rauchende und in Trümmer geschossene Frösch- 
weiler, den Schlüsselpunkt der heiß umstrittenen Stelluiig, ge 
ritten. Da krochen die geängsteten Beivohner aus ihren Kellern 
mit bleichen, hungrigen Gesichtern hervor und schauten zu ihm 
mit neugieriger Schüchternheit empor und zitterten dann wieder 
bei dem betäubenden Hurrarufen der deutschen Truppen, das 
ihn begleitete, bis er angelangt war an seinem Ziel, dem 
Häuschen des Bauers, den sie den Reisehenner nannten, in der 
Schindergasse, wohin man den lötlich getroffenen General 
Raoul gebracht hatte. Da lag der tapfere Gegner mit blutender 
Brust, das Schwert zerbrochen. — Ihm hatte er tief beivegt 
die Hand gereicht. — 
Aber das zweite Mal. sechs Jahre später, da lachte die 
Sonne des Friedens über dem lieblichen Fröschweiler, viele 
Klick auf die Kpree (au doe Fifckordrircko) ums Iahv 1780. 
Aus Schwebet, „Alt-Berlin". 
stellte sich plötzlich vor sie hin, blickte ihm mit hellem Blick in 
die Augen, nahm seine Mütze ab und rief: „Hitrra! ^ Der 
Kronprinz soll leben, hoch!" Er hatte herzlich gedankt, dann 
aber dem Wagen gewinkt. Es war auch hohe Zeit; denn wie 
ein elektrischer Funke zuckte es durch das Gewühl. Er bahnte 
sich eine Gasse drirch die Menge und stieg rasch in den Wagen, 
hörte aber noch, wie eine behäbige Marktfrau sagte: „Jotte 
doch! Wie een eenfacher Bürjer mit seine Kinderkens! Nee, 
so wat lebt nich!" 
Ein heiteres Lächeln umspielte das Antlitz des Kaisers, 
erstarb aber gleich darauf wieder, als ein quälender Husten 
anfall ihn in die traurige Gegenwart zurückrief. Er setzte sich 
wieder, und sein Blick fiel auf den Degen — den „Sieger 
von Wörth!" 
Aus dem Blitzen der Stahlklinge stieg das Schlachten- 
Wunden waren geheilt. Die Glocken der einzuweihenden neuen 
Kirche, der schönsten im Reichslande, sandten ihre Töne über 
die grünenden Breiten, unter denen die stillen Schläfer ruhten. 
Sein Kaiserlicher Vater und er hatten dem erhebenden Gottes 
dienst beigewohnt und waren dann, umjubelt von den neuen 
blondhaarigen Landeskindern, voll ernster Gedanken durch das 
Dorf geschritten. Auch an des Reisehenners Hütte waren sie 
vorübergekommen. Der beneidenswerte General Raoul! — Und 
ihm, dem Soldaten, dem „Sieger von Wörth," war vom grau 
samen Verhängnis der mißachtete „Strohtod" der Germaneil 
zugedacht! — Rettungslos verloren war er! Er fühlte es. 
„Der Ausfluß tötet mich" rang es sich flüsternd von seinen 
Lippen. 
Die Hand des Kaisers legte sich krampfhaft um den Degen 
griff, die Hand des Allüberwinders schien wieder sein Gesicht
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.