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Periodical volume 7. März 1891, No. 23

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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schönsten Gaben ans diesem Gebiet gehört. Von der Fülle 
liebenswürdiger Schöpfungen der Kleinkunst, welche Hundrieser 
zwischen den größeren Arbeiten entstehen ließ, nennen wir nur 
jenen so populär gewordenen Pnlto, der sich lustig auf Blumen 
guirlanden schaukelt, sowie jenes Relief der Madonna mit 
Engeln — gerade diesen kleineren Skulpturen haftet eine Naivetät 
des Ausdrucks und eine Keuschheit der Konturen an, welche sie 
den besten Erzeugnissen der italienischen Frührenaissance eben 
bürtig macht. — Des Künstlers Schaffensbild ist glücklicher 
weise noch lange nicht abgeschlossen; alle Zeichen deuten darauf 
hin, daß wir von seiner phantasiereichen Muse noch Gehaltvolles 
erwarten dürfen. Ein unverwelkliches Blatt in Hundriesers 
Kranz aber wird stets seine zum Herzen sprechende „Königin 
Luise" bleiben. H. V. 
Die Nacht vom 11. zum 12. May 1888. 
Von Kornrr. Mogor. 
Am 11. März des Trauerjahres 1888 durcheilte ein 
Eisenbahnzug Deutschland von Süden nach Norden, welchen 
die Blicke der ganzen zivilisierten Welt mit innigster Teilnahme 
begleiteten. Er trug den totkranken Kaiser Friedrich III. seiner 
Heimat entgegen. Das Sehnen'des edlen Fürsten nach dem 
heimatlichen dunklen Föhrenmalde und den schwermütigen Seen, 
welches weder die zauberische Pflanzenpracht der Insel Wight 
noch die Limonengärten des linden Baveno, noch auch die 
satten Farben der Reviera und des Mittelmeeres hatten stillen 
können, welches vielmehr, wie aus seinen eigenen Worten er 
sichtlich ist, immer tiefer an ihm zehrte, als eine innere Be 
gleiterin seines entsetzlichen äußeren Leidens: dieses Sehnen 
wurde plötzlich, aber auf unvorhergesehene, schmerzliche Weise 
befriedigt durch die Nachricht von der unerwarteten großen 
Schwäche des Kaiserlichen Vaters und die dringende Vor 
stellung der Rückkehr seitens des Fürsten Bismarck, der gleich 
darauf auch die Todesdepesche folgte. Was selbst das Er 
scheinen des Prinzen Wilhelm, ivelcher die Wünsche seines er 
habenen Großvaters hinsichtlich der Rückkehr persönlich über 
brachte, nicht in der Villa Zirio vermocht hatten, das voll 
brachten diese inhaltschweren Drahtnachrichten: sie durchbrachen 
niit einem Male alle Vorstellungen der Aerzte, welche eine 
Heimreise nicht verantworten konnten: das hohe Pflichtgefühl, 
ivelches dem Thronfolger gebot, unverzüglich in die Mitte 
seines verwaisten Volkes zu eilen, besiegte jedes Bedenken. 
Der Bemerkling Mackenzies von der Gefährlichkeit des Unter 
nehmens begegnete er mit den schönen Worten: „Es giebt 
Gelegenheiten, wo es die Pflicht eines Mannes ist, 
sich einer Gefahr auszusetzen, und eine solche Ge 
legenheit steht jetzt vor mir!" So hatte denn der schwer 
geprüfte Mann das liebliche und für ihn doch so verhängnis 
volle San Remo verlassen und war, nachdem er sich noch 
in Genua von dem Könige Humbert freundlichst verabschiedet 
hatte, über den Brenner hinüber in seine deutschen Lande 
gefahren. Keine andere Poststraße der Erde hat so oft die 
ehernen Tritte der Geschichte gespürt, keine hat insbesondere 
den Wechsel des Glücks an den Gestalten der deutschen Kaiser 
so gut beobachten können; am trübsten aber während des 
letzten Jahrtausends hingen die Wolken am 10. März des 
Jahres 1888 über den Thälern der Eisack und der Sill. 
In dem Mittelmeerstädtchen hatte ein leiser Scirokko das 
Meer gekräuselt. Weiße Schanmlinien sandte das azurblaue 
Wasser an die duftumflossenen Felsengestade; der marine, wür 
zige Gottesodem umflüsterte die Pinie und die Cypresse in den 
Gärten der Landhäuser und spielte mit den Zweigen der 
Orangenbüsche und der Dattelpalmen. Im deutschen Süden 
lag der Schnee noch in den Furchen; der Ton der Luft war 
hart, und der Wind jagte stürmisch über das Land. Und je 
mehr der kaiserliche Zug sich dem Norden näherte, desto frostiger 
wurde der Himmel; alle Gegenstände in der Landschaft rückten 
in fast unangenehmer Schärfe nahe, und hinter ihnen stieg all 
mählich eine bleiglanzsarbige Wolkenwand, seltsam durchsichtig 
und blinkend empor. Als der Kaiser nach Einbruch der Nacht 
die Grenze seiner Mark erreichte, da hatte der Wind sich zu 
großer Stärke gesteigert, die Wolken hatten sich geöffnet, und 
jener Schneesturm brauste über die Erde, welcher in Verbin 
dung mit der ihm folgenden grimmigen Kälte noch lange ini 
Gedächtnis der Zeitgenossen leben wird. Es war eine Fahrt 
aus dem heiteren, glänzenden Asgard in das kalte und feuchte 
Reich der düsteren Hsl. 
Der verhältnismäßig lange, aus sieben Salonivagen und 
Wagen erster und zweiter Klasse, sowie drei Gepäckwagen be 
stehende kaiserliche Zug wurde von zwei jener mit riesigen 
Schwungrädern versehenen Eilzugslokomotiven durch die Nacht 
dahingerissen. Es war natürlich, daß man die größtmögliche 
Schnelligkeit innehielt, welche sich nur irgend mit der Sicher 
heit vereinen ließ. Auf der ersten Maschine standen außer dem 
Lokomotivführer und dem Heizer der Direktor und der oberste 
Belriebsbeamte der Eisenbahn und leiteten den Zug persönlich. 
Mit angestrengtester Aufmerksamkeit blickten die Beamten ailf 
die Strecke hinaus. Die Erregung, die bei ihrer Lage, natur- 
gemäß in ihnen aufzusteigen versuchte, bemeisterten sie nach 
Kräften und mit Erfolg. Völlige Kaltblütigkeit, welche auf 
alle Dinge vor ihnen scharf Obacht gab, war hier unbedingt 
erforderlich; denn der Schneesturm wurde immer toller und 
versperrte ihnen jede Aussicht. Wie eine fließende graue Wand 
war der enlgegensausende feinkörnige Schnee anzusehen. Nur 
die beiden Reverberen warfen lange Lichtkegel nach vorn, in 
welche die weißgläuzenden Massen wagcrecht wie Fäden hinein 
und der Flamme entgegenstürzten. Wo diese Kegel sich ver 
einigten, floh es wieder wie eine weiße Wand beständig vor 
ihnen her. Die Hauptgewühr der Sicherheit lag somit wesent 
lich in den Händen der Streckenbeamten, der Bahnwärter und 
Weichensteller. Diese hielten heute gewiß ihre Augen offen; denn 
sie waren preußische Beamten, frühere preußische Soldaten, und 
der geliebte Kaiser, der jetzt durch die Fügung des Schicksals 
ein totkranker Mann war, näherte sich der Heimat. 
Der Schneestaub hatte bald den Tender mit einer weißen 
Decke überzogen und wehte arg um das Schutzhäuscheu gegen 
die pelzgeschützten Männer. Ueber einzelne Teile der Ma 
schine selbst legte sich allmählich eine dichte Schneekruste, und 
in den Ecken häufle sich die flüchtige Masse hoch auf. Gelegent 
lich suchten auch niedrige Schneewehen, welche sich über die 
Spur gebreitet hatten, die Schnelligkeit zu hemmen. Aber vor 
den beiden Bahnräumern sprühten sie wie ein kaltes Feuerwerk 
auseinander, und das Danipfroß schoß unbekümmert mir 
Schnauben und Donnern darüber hin. Ab und zu traten die 
Böschungen des märkischen Hügellandes plötzlich weißglänzend 
heran, llm ebenso schnell wieder zu verschwinden. Bald jagten
        
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