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Periodical volume 7. März 1891, No. 23

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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spielte, zu der ich verdammt; aber ich will wenigstens den 
Preis für alles Elend meines Herzens haben, daß ich Personen, 
welche mir teuer geworden, vor dem Verderben bewahren kann. 
Ich will nicht, daß Arthur Wedehlen, seine Angehörigen und 
seine Freunde als Opfer ihrer patriotischen Gesinnung zu 
Grllnde gehen. Für alle Dienste, die ich der geheimen Polizei 
geleistet, fordere ich die Schonung der Leute, die ich beschützen 
will. Du sollst nicht meine Wege durchkreuzen, ob Deine 
Habsucht darunter leide oder nicht, Du mußt Sorge tragen, 
daß man die Söhne des Grafen Wedehlen nicht findet, oder 
daß sie der Haft entspringen, wenn man sie schon ergriffen. 
Du wirst auch die Glieder der Familie Braun nicht antasten, 
ich dulde es nicht." 
„Liebe Claire, Du verlangst Unmögliches. Hätte ich eine 
Ahnung von Deinen Wünschen gehabt, so würde ich vielleicht 
es inöglich gemacht haben, Dir meine brüderliche Liebe zu be 
weisen, obwohl die Sache gefährlich; denn Du wirst es wissen, 
daß auch die Beamten der Polizei unter argwöhnischer Kontrolle 
stehen. Jetzt aber hieße es mich selber nutzlos dem Verderben 
preisgeben, wollte ich Deinem Wunsche nachkommen; es würde 
Deinen Schützlingen nichts helfen, wenn ich sie entfliehen 
lassen wollte; denn niemand würde es wagen, meine Befehle 
zu vollziehen, und ich säße morgen hinter Schloß und Riegel." 
„Du lügst," antwortete Claire, itnd wieder flammte es 
aus ihren Augen. „Sage, daß Du nicht willst, und wir sind 
miteinander fertig. Ich habe es in Berlin durchgesetzt, daß 
mau Arthur Wedehlen und Otto v. Braun unbehelligt ließ, 
und ich wollte es Bercagny nicht raten, mir von Kassel aus 
Schwierigkeiten zu machen. Wer hat die Depeschen Fouchss an 
Lord Bathurst vermittelt? Wer hat mit Kolbielsky Verhand 
lungen gepflogen? Glaubst Du, daß der Kaiser Napoleon dem 
jenigen, der ihin diese Intriguen enthüllt, nicht die Beguadi- 
gung der ärgsten Verbrecher als Belohnung bewilligt?" 
Martignys Antlitz ward bleich vor Entsetzen und Schrecken. 
Zur Erklärung der Worte Claires müssen wir darauf zurück 
kommen, daß in der französischen Armee ebenso wie in allen 
Ländern, sogar unter der eigenen Polizei Napoleons Ver 
schwörungen gegen den Kaiser existierten. In der siegreichen 
französischen Armee, berichtet Hormayr, der berühmte Verfasser 
der „Anemonen" und der „Lebensbilder aus den Befreiungs 
kriegen" , waren nicht geringe Keime ihrer Auflösung oder viel 
mehr der Ausstoßung Napoleons vorhanden. Sie waren zum 
Erstaunen herangereift und in bewundernswertem Geheimnis 
erhalten. Schon während seines Marsches von Madrid auf 
Corunua war ein wohlüberlegter Plan aufgetaucht, ihn ge 
fangen zu nehmen und den Engländern auszuliefern. In der 
Armee selbst bestanden drei oder vier geheime Gesellschaften, 
die sich zu seinem Untergange verschworen hatten, die nicht mit 
thörichten Projekten der Absetzung, sondern ganz praktisch mit 
Plänen zu seiner Auslieferung oder Ermordung beschäftigt 
waren. 
Schon trug sich mancher der höchsten Führer mit der 
Idee, Napoleon zur Abdanktmg zu zwingen, Eugen Beau 
harnais als Kaiser auszurufen und der Welt den Frieden zu 
verkündigen. Andere wollten seine Auslieferung au die Eng 
länder in Fiume, der englische Botschafter Lord Bathurst stellte 
zwei Millionen zur Disposition. Napoleons Mitschüler und 
Jugendfreund Bourienne steckte mehr oder minder hinter allen 
gewaltthätigen Entwürfen gegen ihn, Fouchs und Talleyrand 
| ebenfalls. Mr. D'Achö, ein Agent der Bourbonen, und der 
Oberst d'Argentou im Heere Soults hatten den Plan, Napoleon 
in Spanien zu stürzen, Moreau sollte bereits im Mai 1809 
in Cadix landen. 
Die Korrespondenzen der Verschworenen, zu denen auch 
die Todfeinde des Kaisers, die Korsen Pozzo di Borgo, Ber- 
tolani Piraldi und andere gehörten, wurden im trockenen kauf 
männischen Geschäftsstil geführt, jede Person hatte darin ihren 
besonderen Namen; Napoleon hieß Bouelly, Kaiser Franz: 
Legrand, Erzherzog Franz: Arthur, Nugent: Louis Nelly, 
England: Anna, Tirol: Ancona u. s. w. 
Das österreichische Gouvernement, welches alle diese In 
triguen und Verschwörungen benutzte, vergaß, seine Agenten 
von dem Entschlüsse zur Kriegserklärung zu benachrichtigen. 
Drei Tage vorher wußte der prädestinierte Gouverneur von 
Tirol noch nichts davon. Die Folge war, daß Graf Goeß in 
Padua nebst vielen Privaten von Gendarmen arretiert wurde. 
Viele Personen kamen in Staatsgefangenschaft oder aufs Blut 
gerüst. Graf Goeß mit seinen Begleitern, Graf Purgstall und 
Baron Spiegelseld wurden in die Kasematten von Mantua 
geworfen und sollten nach Fenestrelles abgeführt, dort pro 
zessiert und erschossen werden. 
Karl Friedrich Glave Kolbielsky, ein Pole, diente allen 
Intriguen, die Preußen oder Rußland zum Nachteil gereichen 
konnten. Er war lange Zeit ein Faktotum Thuguts, in alle 
Intriguen der Wiener Diplomatie eingeweiht. Noch im acht 
zigsten Jahre eroberte er alle Damenherzen und erforschte die 
Geheimnisse ihrer Gatten. Die verwickeltsten Probleme waren 
ihm Spiel, einer edlen Natur wie Stadion tvar er unaus 
stehlich. Im Hasse Napoleons blieb er sich immer gleich; er 
war der Mittelpunkt aller Umtriebe, welche die österreichische 
Polizei von Ofen aus spann; er verwandte sich umsonst für 
die Unterstützung der Tiroler, man antwortete ihm: alles 
müsse auf dem Marchfelde entschieden werden, alle hors 
d’oeuvre nützten nichts. 
Oberst Möriage, Adjutant des Gouverneurs von Wien, 
gehörte ebenfalls zu den Verschworenen; sein Vertrauter 
Queniard ward zu Schönbrunn nebst anderen Offizieren auf 
der Schmelz erschossen. Ein drohender, düsterer Aufruf erging 
hierauf au die Armee, und der Mordversuch des mutigen 
Schwärmers Friedrich Staps mißglückte nur, weil der An 
schlag vorher an Napoleon verraten worden. Napoleon gab 
den Befehl an Savary: Lord Bathurst müsse verschwinden. 
„Wenn nicht bald Friede wird," sagte er, „sind wir von 
hundert Vendöen umgeben." 
Lord Bathurst ward auf der Reise durch Preußen in 
Perleberg auf geheimnisvolle Weise ermordet, seine Leiche 
ward nie gefunden; Lady Bathurst kam selbst mit den dressierten 
Spürhunden des Lords nach Perleberg, aber ohne Erfolg. Der 
Begleiter des Lords, der unter dem Namen Kaufmann Fischer 
mit ihm gereist, ward als Staatsgefangener behandelt, obwohl 
die Untersuchung feststellte, daß er am Verschwinden des Lords 
nicht beteiligt gewesen sein konnte. Dieser merkwürdige 
Kriminalfall ist bis heute unaufgeklärt geblieben. 
Claire hatte ihrem Bruder vorgeworfen, daß er ein mein 
eidiger Renegat sei. Martigny hatte sein Glück zuerst in den 
Reihen der Legitimisten gesucht, dann war er Napoleonischer 
Offizier geworden und endlich zur Polizei übergetreten. Er 
gehörte zu denen, welche den Mantel nach deni Winde hingen;
        
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