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Periodical volume 7. März 1891, No. 23

Full text: Der Bär Issue 17.1891

Unter Mitwirkung 
Dr. R- Sorirt guter, Dr. H. Krenbicko, F. Kubozios, Tlioabar Fontane, Stabtrat G. Friobol, 
Gymnasialdirektor Dr. M. Krt>rr>arl! und ®roji twn HiHlbrnbruclj 
sierausgegoben von 
i*ricbr. ZiUetflett und llidjarb George. 
XVII. Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin X., Schönhauser Allee w, — 
Jahrgang. Fernsprechstelle lila, 8460), sowie durch alle Postanstalten (No. SYS), Buchhandlungen und Zcitmigsspeditioncn für 
•M 33. 3 Alk. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
7. rniin 
1891. 
Rin neues Weftßtecht. 
Ktnroatt aus bor Dort bor HefreiungsKriogo von Hermann von lledenroth. 
(Fortsetzung.) 
f MDit bebender Stimme rief Claire: „Das ist für die 
Infamie! Schon einmal wagtest Du eine so schänd 
liche Anspielung. Lasse mich los," herrschte sie, als er ihren 
Arm mit seiner Faust packe, „ich vergesse sonst, daß eine 
Mutter uns geboren, ich entlarve den eidbrüchigen Renegaten, 
der Lildwig XVIII. Treue geschworen, aber den Mantel nach 
dem Winde trägt, der seiner Habsucht frommt." 
Martigni) ließ die Hand sinken, die Claire gepackt, alle 
Farbe wich au seinem Antlitz. 
„Schweig!" flüsterte er mit dem Ausdruck bleichen 
Schreckens, „willst Du uns beide verderben? Was gehen Dich 
die Lerlte hier im Schlosse, was gehen Dich meine Angelegen 
heiten an? Hast Du einen Wunsch, so nenne ihn mir! Ehe 
ich mich mit meiner Schwester erzürne, bringe ich gern ein 
Opfer. Aber ich begreife llicht, wie Du dazu kommst, mir 
plötzlich wie eine Furie in den Weg zu treten. Wir stehen 
beide allein auf der Welt. Bist Du nicht zufrieden mit deni, 
was ich gethan, Dir eine glänzende Stellung zil verschaffen, 
so habe ich es doch gut gemeint, habe Dein Bestes gewollt, 
und lieber ließe ich mich in Stücke zerreißen, als daß ich feind 
selig gegen meine Schwester aufträte!" 
Claire schien sich zu beruhigen, eine iveichere Stimmung 
verdrängte die leidenschaftliche Erregung. 
„Ich will nicht mit Dir darüber rechten, Alexander," 
antwortete sie, „ob Du es gut mit mir gemeint oder nicht, 
aber ich gäbe zehn Jahre meines Lebens dafür hin. wenn Du 
nie in mein Leben eingegriffen — wir sind einer Mittler 
Kinder, aber Du tvarst der böse Dämon meines Lebens. Mil 
allen Künsten der Ueberredung, mit glänzenden Verheißungen, 
Drohungen, fast mit Gewalt hast Du mich an einen alten 
Mann verkauft, Deines Vorteils halber hast Du meine un 
erfahrene Jugend, die erste Blüte meines Lebens, einem Menschen 
preisgegeben, der, vom Laster entnervt, mich nicht nur wie 
eine Puppe seiner widerwärtigen Zärtlichkeit behandelte, sondern 
auch von mir forderte, durch Koketterie das Werkzeug seiner 
Intriguen zu werden; er flößte mir das Gift ein, das mich 
selber verderben sollte. Ich entehrte mich dadurch, daß ich 
eine Spionin wllrde, ohne zu wissen, was ich that, ohne zu 
bedenken und zu begreifen, daß ich mich brandmarkte für alle 
Zeit; und als der Schrecken über mein eigenes Bild mir die 
Augen öffnete, da war es zu spät, da fühlte ich die brennende 
Scham im Herzen, der Achtung derer nicht wert zu sein, die 
ich achten gelernt; wie eine Aussätzige, wie eine Geächtete stand 
ich da! Doch wozu sage ich das Dir? Du kannst mich nicht 
verstehen. Dir ist nichts heilig als Dein Vorteil, Dir graut 
vor keinem Verbrechen, Du würdest nicht zilrückbeben, mir die 
Hand zu reichen, wenit ich auch schuldig wäre au dem Tode 
meines Gatten. Aber Gott ist mein Zeuge, daß trotz aller 
Bitterkeit meines Herzens gegen den Mann, der schäm- und 
herzlos die Unschuld meiner Jugend vergiftete, mir der Schwur 
heilig war, der mich an ihn kettete. Frillon litt an Anfällen 
von Melancholie, er hatte oft, besonders wenn er von körper 
lichen Schmerzeit heimgesucht wurde. Gedanken der Verzweiflung, 
und in einer solchen nahm er Gift. Ich beachtete das Gerede 
der Leute nicht, welches den Argwohn aussprengte, es hätten 
ihn die Qualen der Eifersucht in den Tod getrieben; ich möchte 
eher glauben, daß ihn zuweilen doch die Reue darüber an 
gewandelt, daß er mein Dasein mit einem Fluche belastet. 
Ich kann die Vergangenheit nicht abstreifen, kann es nicht 
sühnen, daß ich in der Bitterkeit eines verfahrenen Lebens, ini 
Grolle über das Schicksal, welches mich der Schande in die 
Arme geführt, mit einer entsetzlichen Frivolität die Rolle weiter
        
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