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Periodical volume 28. Februar 1891, No. 22

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Unter Mitwirkung 
Dr. R- KsrUngirier, Dr. A. DverrdicKo, F. Dudczios, Tlzoodov Forrttrrro. Stadtrat G. Friedet 
Gymiiasialdirektor Dr. M. Kelirvarls und ®rn|l tunt Milden!'ruri) 
herausgegeben von 
Friede. Zillellleir und Rielzard George. 
XVII. 
Iahraang. 
J\° 22. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin X., Schönhauser Allee IP, — 
Fernsprcchstelle Ula, 8-^Lo), sowie durch alle Postanstalten (No. ege), Buchhandlungen und Jeitinigsspeditionen für 
2 Ulf. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
28. Frbrinir 
Um neues Weschkechk. 
Ronrarr aus der Zeit der Defreiungskriege von Hermann von Hedenrolh. 
(Fortsetzung.) 
f ilWit einem Blick auf Jda sagte Martigm) lächelnd: „Mit 
^ dein Auditeur sind wir sieben Personen" und fuhr, 
zu Marcel gewandt fort: „Ich denke, wir haben noch vor 
Tische Zeit, das Kriegsgericht abzuhalten — oder störe ich Sie 
in angenehmer Beschäftigung, Herr Kamerad?" 
Marcel errötete unter dem Blicke des Kapitäns. Er hatte 
der schönen Comtesse den Hof machen wollen, obivohl der 
Kapitän ihm eingeschärft, mit aller Schroffheit einer Familie 
gegenüber zil treten, die trotz der Verbindung mit ihm heimliche 
Aufstandsversnche begünstige. Marcel war Jda mir dem 
frivolen Uebermut eines eitlen Soldaten genaht, der in jedem 
Quartier eine Eroberung machen möchte, aber das ganze Wesen 
Jdas hatte ihm doch, wenn auch kein tieferes Gefühl, so doch 
einen gewissen Respekt eingeflößt, er hätte sich jetzt geschämt, 
sich ihr in so brutaler Weise zu zeigen, wie er das beim Ein 
reiten in den Schloßhof gethan, und er fühlte den Hohn, der 
in den Worten des Kapitäns lag, das Kriegsgericht wie eine 
gelegentliche Sache „vor Tische" abzumachen. 
„Ich stehe zu Befehl. Herr Kapitän," versetzte er, „aber 
eine so ernste Angelegenheit erfordert gründliche. Prüfung —" 
„Meinen Sie?" unterbrach ihn der Kapitän, und sein 
stechender Blick verriet, daß er die Ursache der Bedenklichkeit 
des Lieutenants errate, „ich denke, daß die Sache keine Viertel- 
stunde dauern ivird. Das Gesetz ist klar, der Schuldige ist auf 
der That ertappt und trotzig genug, um sein Verbrechen nicht zu 
leugnen, was wäre da also zu prüfen? Haben Sie die Güte, den 
Auditeur zu beordern, wir dürfen die Damen nicht warten lassen. 
Mache inzwischen Toilette, Jda, und sage Wlaska, daß ich be 
stimmt darauf rechne, sie in guter Laune bei Tische zu sehen." 
DaS Antlitz Jdas färbte sich dunkel in Empörung, Bitter 
keit und Zorn. 
„Das Schloß meines Vaters beherbergt Gäste, die mit 
Gewalt hier eingedrungen," rief sie, „aber keine Macht der Erde 
darf und wird mich zwingen, mich an einen Tisch mit jemand 
zu setzen, der sich damit brüstet, einen Mord begehen zu dürfen." 
„Das Gesetz mordet nicht, es straft —" 
„Das Gesetz mordet nicht, aber Du! Du dürstest nach 
Blut, wie Du gedürstet nach Gold; meiner Schwester hast Du 
das Leben vergifte!. über meine Eltern hast Du Gram und 
Sorge gebracht, meine Brüder hast Du verfolgt, aber trium 
phiere nicht zu früh, das Gericht Gottes wird Dich treffen. 
Balle nur die Faust," fuhr sie mit steigender Leidenschaft fort, 
als er schäumend vor Wut eine Geberde machte, als wolle er 
auf sie losstürzen und sie niederschlagen, „ich verlache Deine 
Wut, es ist keine Schande, von einer Bestie zerrissen zu werden, 
aber es wäre eine Schande, Deine Hand zu berühren!" 
Der Kapitän würde sich vielleicht soweit vergessen haben, 
einen Akt roher Gewalt gegen Jda zu begehen, um sie zum 
Schweigen zu bringen, aber die Gegenwart Marcels hielt ihn 
davon ab und zwang ihn, seine Wut zu bekämpfen. 
„Da sehen Sie es," sagte er mit bebender Stimme zu 
Marcel, „wie notwendig es ist, mit unerbittlicher Strenge den 
rebellischen Geist zu ersticken. Das ist die Sprache von Leuten, 
die nach der Schlacht von Jena uns entgegenjubelten, die es 
sich zur Ehre schätzten, mich in den Kreis ihrer Familie auf 
zunehmen. Graf Wedehlen dachte, ich könne ihn zum Reichs 
fürsten machen. Kommen Sie, ich werde Gericht halten über 
den Gefangenen, und wehe denen, die einer Mitschuld über 
führt werden!" 
Die beiden Franzosen verließen das Gemach. Jdas 
Antlitz war bleich geworden wie der Tod; der Pfeil Martignys, 
den er mit den Worten geschleudert. Graf Wedehlen habe
        
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