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Periodical volume 21. Februar 1891, No. 21

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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zu schmutzig" — ließen sie sich doch zu ihm führen. Wir 
geben gekürzt die Schilderung des Besuches zur Charakterisierung 
des Schlendrians, welcher in jener Zeit in vielen Teilen der 
Verwaltung herrsche, im folgenden wieder: 
„Leider 'fanden wir die Aussage des Obersten bestätigt. 
Der Schmutz und Geruch in dem Gemache waren unausstehlich. 
Daran schien aber der Gefangene am wenigsten Schuld zu 
sein: denn der Artillerielicutenant, unter dessen Aufsicht Kor- 
natowski) stand, hätte auf Reinlichkeit sehen und frische Luft 
ins Zimmer bringen können; doch das ziemlich große Fenster 
war von Schmutz und Staub so bedeckt, daß es weder geöffnet 
noch als durchsichtiges Mittel betrachtet werden konnte. Die 
Wände waren naß wie in einer Kloake. Ein schlechtes Bett 
und ein elender Tisch, der aussah, als hätte er ein Jahr lang 
im Hühnerstall gestanden, bildeten die einzigen Stubengerät 
schaften. Dafür im Hintergründe altes Gerümpel, wie zer 
brochene Spinnräder, zerschlagene Fenster u. s. w., aufgestapelt. 
Auf dem Tische stand ein irdener Napf, an dessem Rande die 
Reste der Mittagsmahlzeit, große Graupen, noch hingen, und 
ein runder, blecherner Löffel ekelhaften Aussehens, wie aus dem 
Kehrichthaufen gezogen, lag daneben. Ob der Gefangene auch 
an dem Schmutze des Löffels Schuld hatte? 
Kornatowski) stand an der Wand am Fenster. Sein 
Anblick erregte Mitleid. Er war ein Greis, von Körperbau 
mittelmäßig, aber breitschultrig. Sein Gesicht war gefäuguis- 
bleich, und seine Augen richteten sich scheu auf die Erde. Ein 
grüner Friesrock bekleidete den Körper. Auf dem Kragen, auf 
den Schultern und vorn auf den Klappen lagen dick überein 
ander weiße Haare, die dem Haupte entfallen waren und sich 
seit Jahren hier aufgesammelt haben mußten. Ein über 
raschender Anblick! Er erregte unwillkürlich Mitleid; denn 
mau sah es dem Greise au, daß er der Menschen ganz ent 
wöhnt war. Er stand schüchtern da und schien zu wünschen, 
daß er sich verbergen könnte. Aber er konnte sprechen, und in 
den wenigen Worten, die er schwach hören ließ, lag ein viel 
sagender Sinn und eine bittere Klage über die Art, wie man 
ihn behandelte. 
Ein Offizier redete ihn polnisch an; er erwiderte: „Ich 
habe es vergessen!" 
Einer von uns fragte: „Wie alt sind Sie?" Er ant 
wortete: „Ich habe es vergessen!" 
Ein anderer fragte: „Gefällt es Ihnen hier?" Die Ant 
wort war: „Es ist vorbei!" 
Auf die Frage eines dritten: „Sind die Herren, von 
Kornatowski), welche in der preußischen Armee dienen, Ihre 
Anverwandten?" sprach der Greis die merkwürdigen Worte: 
„Ich habe von Gott und Menscheir,. keinen Bericht!" 
Der alle Mann zitterte heftig; ich fragte ihn, ob es hier kalt 
für ihn sei? und er antwortete mir heimlich: „So ziemlich." 
Der Artillerielieutenant hatte bemerkt, daß wir der 
Schüssel mit Granpenresten keine Beifallsblicke zugeworfen 
hatten; er beteuerte daher, daß der Unglückliche von 
seinem eigenen Tisch gespeiset würde. Als wir uns aber 
über die Kälte im Zimmer laut beschwerten, erwiderte er, es 
wäre ja noch nicht kalt; er hätte selbst noch nicht eingeheizt. 
Freilich draußen war die Witterung für das Ende des Oktobers 
sehr erträglich; aber in diesem feuchten Gefängnis fror uns 
selbst, die wir junge Männer waren. Wir hörten auch, daß 
der Unglückliche gar nicht mehr an die Luft käme. 
Ueber die Geschichte des Gefangenen haben wir in der 
Festung keinen hinreichenden Aufschluß erhalten können. Als 
Preußen 1793 Danzig unter seine Herrschaft brachte, fand 
man ihn in dem Gefängnisse, in welchem wir ihn sahen, vor. 
Alle Nachrichten über ihn mangelten. Er hieß „ein in enge 
Verwahrung gebrachter Kostgänger." Seine in Polen 
begüterte Familie entrichtete für ihn das Kostgeld. Man er 
zählte, Kornatowskl) hätte ein Jude werden wollen; seinereiche 
ausgebreitete Familie wäre diesem Schimpfe zuvorgekommen 
und hätte ihn den Danzigern zur Verwahrung übergebet:. 
Delbrück, der damalige Erzieher des Kronprinzen, setzte 
alles in Bewegung, um über den Gefangenen etwas Gewisses 
zu erfahren; aber ohne Erfolg. Damals war alles, wie er 
selbst sagte, mit ihm vorbei. Der menschlichen Gesellschaft 
konnte er nicht mehr zurückgegeben werden; aber die letzten 
Tage seines Lebens hätten ihm doch freundlicher gestaltet 
werden können. 
Von Weichselmünde fuhren sie die Weichsel hinunter in 
die See. In der Weichsel lagen an beiden Seiten zahllose 
Seeschiffe, die zu Ehren der preußischen Prinzen geflaggt hatten. 
Die englischen grüßten durch ein gewaltiges Hurra. 
Da nach dem Verlust von Stettin und Küstrin die Oder- 
linie nicht mehr zu halten war und Danzig bedroht erschien, 
reiste Hahn am 7. November 1806 mit seinem Zögling nach 
Königsberg ab. Gleichzeitig verließ auch die Mutter seines 
Zöglings Danzig, die indes über Dirschau fuhr, während 
Hahn nördlich den Werder bis Elbing durchschneiden sollte. 
Die preußischen Prinzen hatten die Stadl schon au: 2. No 
vember verlassen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Der Fchujj in der Iungfernhaide. 
Eine Ergänzung der Zeitgeschichte. 
Von Friodv. Morstorr. 
In der dritten Januarwoche dieses Jahres hat man einen 
märkischen Ritter zu Grabe getragen, einen Ritter ohne Furcht 
und Tadel, den ersten Vicepräsidenten des Preußischen Herren 
hauses, den edlen Hans von Rochow auf Plessow. 
Hoch lag der Schnee auf der winterlichen Ebene, auf der 
weiten Eisfläche der Havelseen und auf dem Dach des Plessower 
Kirchleins, das der Schloßherr vor nicht langer Zeit erst hatte 
erbauen lassen, um seinen Dorfbewohnern ein freundliches 
Gotteshaus, sich und den Seinen aber eine würdige Familien 
gruft zu schaffen, und dessen kleine Turmpforte sich ihm jetzt 
zur letzten Einkehr öffnete. 
Vor drei Jahren, ebenfalls an einem bitter kalten Januar 
tage, befand ich mich im Plessower Schlosse zu Gaste. Nach 
einem Rundgang durch bei: verschneiten Park führte mich der 
Major, wie Herr von Rochow sich mit Vorliebe nennen ließ, 
in das jenseits der Dorfstraße gelegene, in schmuckem Rohbau 
von dem Potsdamer Baumeister Gottgetreu aufgeführte Kirchlein. 
„Lange dauert's nicht mehr", sagteer, sein schönes, ernstes 
Allge über den geweihten Raum schweifen lassend, „dann legi 
man mich in der Gmft dort unter dem Turm bei meiner 
Frau zur Ruhe. Daun dürfen Sie auch der Welt erzählen, 
was ich Ihnen heute anvertraut habe." 
Der Major war damals ein beginnender Sechziger, eine 
hagere, sehnige Gestalt mit krausem, hellem Haar und weißen:
        
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