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Periodical volume 21. Februar 1891, No. 21

Full text: Der Bär Issue 17.1891

—«S 258 fr 
leibet an Einbildungen, die ich nicht zn widerlegen brauche, da 
es Fieberphantasien sind." 
„Ich verlange einen Notar, Vater!" rief Wlaska, deren 
Leidenschaft durch die Empörung über diese Worte aufs äußerste 
gesteigert wurde. „Beschütze mich vor diesem Elenden, der in 
famer ist, als Dtt ahnst!" 
Die Gräfin Wedehlen und Jda führten das unglück 
liche Weib hinaus. „Mein Herr," sagte der Graf zu seinem 
Schiviegersohne, und seine Stimme bebte vor innerer Erregung, 
„meine Tochter wird den Schlitz bei mir finden, den sie an 
gerufen, ich werde, wenn sie ruhiger geworden, mit ihr sprechen 
und Ihnen dann meine Entschlüsse mitteilen." 
„Herr Graf," entgegnete Martigny, „der Ton, den Sie 
annehmen, zwingt mich, in Ihnen nicht den Vater meiner 
Frau, sondern einen Gegner zu sehen, der Wlaskas Thor 
heiten bestärkt. Wlaska steht allein unter dem Schutze und der 
Gewalt ihres Gatten. Es scheint, als ob Sie mir Ihre wirk 
liche politische Gesinnung verborgen oder als ob Sie dieselbe 
geändert haben, da Sie, anstatt über die Handlungsweise Ihrer 
Söhne empört und bekümmert zu sein, anstatt meine Hilfe zu 
erbitten, auf die Worte einer Fieberkranken Gewicht legen und 
mir schroff gegenübertreten." 
„Ich handle nach meinem Ermessen, Herr Kapitän. Ich 
habe Ihnen keine Rechenschaft abzulegen." 
„Das ist ein Irrtum, Herr Graf. Bitt ich Ihnen als 
Schwiegersohn nicht willkommen, so muß ich mich Ihnen als 
Bevollmächtigter der Untersuchungskommission vorstellen. Meinen 
Befehlen ist jeder unbedingten Gehorsam schuldig. In einer 
halben Stunde wird hier eine Abteilung Chasseurs eintreffen, 
der Sie Quartier geben werden. Ich ersuche Sie, in mir den 
kaiserlichen Beamten zu respektieren, der hier das Kommando 
hat; verschmähen Sie es, in mir einen nahen Verwandten 
gleichzeitig zu begrüßen, so wird das Ihr Nachteil sein, nicht 
der meine." 
„Ich ziehe es vor," entgegnete Wedehlen, dessen Stolz 
der Ton des Kapitäns reizte, „einen Mann, gegen den meine 
Tochter um Schutz bittet, nur als kaiserlichen Beamten zu be- 
irachteit, über den ich eventuell beim Kaiser Beschwerde führen 
kann, und der sich in meine Familienangelegenheiten nicht zu 
mischen hat." 
Der Kapitän wurde bleich vor Wut, eine solche Sprache 
hatte er nicht erwartet. „Wie Sie wünschen," sagte er, „aber 
ich dulde auch keinen Eingriff in meine Familienangelegenheiten, 
keine Beeinflussung meiner Frau, keine Bestärkung ihres Trotzes. 
Ich würde den Notar verhaften lassen, der es wagen sollte, 
bei einem Komplott gegen mich zu helfen." 
„Versuchen Sie das, Herr Kapitän, aber ich denke, es 
giebt auch noch Richter über Sie, und wenn Sie mich dazu 
herausfordern, so werde ich Seiner Majestät dem Kaiser mit 
teilen, durch ivelche falsche Altgaben es Ihnen gelungen ist, 
meine Einwilligung zu Ihrer Verbindung mit Wlaska zu 
erhalten." 
Der Kapitän biß sich auf die Lippen. Er mochte es dem 
finsteren Eritst in den bleichen Zügen des Grafen ansehen, daß 
derselbe zum Aeußersten entschlossen, und bei der hohen Stellung 
des Grafen mochte er sich dessen doch nicht ganz.sicher fühlen, 
daß er diesen Trotz straflos brechen könne. „Das ist eine 
persönliche Beschimpfung," sagte er, „ich würde Sie dafür vor 
die Klinge fordern, geböte es mir nicht die Pflicht, zuvor 
meines Amtes zu walten. Ich hoffe, daß Sie frei aus der 
Untersuchung hervorgehen, dann werde ich Jhtien auf die per 
sönliche Beleidigung antworten. Zunächst jedoch haben Sie 
sich darüber zu verantworten, daß Emissäre einer hochverräteri 
schen Verschwörung hier aus- und eingegangen, ohne von 
Ihnen oder von Ihren Angestellten behindert worden zu sein, 
daß Ihre beiden Söhne sich bei hochverräterischen Unterneh 
mungen beteiligt und wahrscheinlich von Ihnen die Mittel zu 
verbrecherischen Umtrieben erhalten haben. Sie werden der 
Kommission Ihre Bücher vorlegen und sich bis auf weiteres 
als Gefangener auf Ehrenwort betrachten. Geben Sie Anlaß 
zu dem geringsten Argwohn, so muß ich Sie verhaften und 
nach Erfurt führen lassen." 
„Das geht p weit," knirschte Wedehlen, „ich bin Gerichts 
herr auf meinem Grund und Boden, ich bin reichsunmittel 
barer Herr — wagen Sie es, mich zu bedrohen?" 
Martigny zitckte die Achseln. „Wenn ich winke," sagte 
er, „so werden Sie verhaftet; ich kann Sie fesseln lassen, und 
Ihr Kopf fällt, wenn man Sie der Rebellion überführt, ob 
Sie Graf oder Bauer sind. Der Kaiser will den Trotz der 
Deutschen brechen, Respekt vor der kaiserlichen Uniform!" 
Die Hörner der Chasseurs ertönten, die Abteilung, welche 
Martigny herbeordert, marschierte in den Schloßhof. Der be 
rittene Offizier traktierte einen Mann, den die Soldaten sich 
als Führer genommen, mit der Reitpeitsche und fluchte über 
den deutschen Hund, der der Abteilung nicht den nächsten Weg 
gezeigt. Der Mann, ein städtischer Beamter aus Sömmerda, 
den der Graf Wedehlen persönlich kannte, griff in seiner Em 
pörung nach der Reitpeitsche itnd entriß sie dem Offizier, da 
zog derselbe den Säbel und hieb ihn nieder. 
Der Mann sank blutend zu Boden. 
„Dem ist Recht geschehen," sagte Martigny, als Wedehlen 
empört das Fenster aufreißen wollte, „hüten Sie sich, wir 
spaßen nicht mehr. Kein Wort zu Gunsten des rebellischen 
Burscheit, oder ich könnte es nicht hindern, daß man Sie iit 
den Kerker wirft. Bedienen Sie des Kaisers Soldaten, geben 
Sie Befehl, daß Küche und Keller das Beste liefern, ich rate 
Ihnen als Freund." 
Der alte Graf stand da, blaß wie eine Leiche. Martigny 
konnte triumphieren, die Roheit des Offiziers hatte mehr ge 
wirkt als seine Worte; Wedehlen hatte die furchtbare Gewalt 
gesehen, die übermütig auf dem besiegten Volke lastete, sein 
Trotz war schon so gut wie gebrochen. 
Die Abteilung führte einen Gefangenen mit sich, der, an 
Ketten geschlossen, zwischen zwei Chasseurs hinschritt. Der 
Gefangene sah aus wie ein Knabe, aber das blutige Tuch, 
mit dem man ihm den Kopf verbunden, verriet ebenso wie die 
Ketten, mit denen man ihn belastet, daß er für sein Vater- 
laitd gefochten. Die Leine vom Edelhof kannten den jungen 
Mann, obwohl er sich lange nicht dort hatte blicken lassen 
dürfen; und. hatte sich manche Faust heimlich geballt, als der 
Offizier den Führer beschimpft und niedergehauen,- so erbebten 
die teilnehmenden Herzen noch tiefer bei dem Anblick des fröh 
lichen Jägerburschen, den man wie einen gemeinen Verbrecher 
gefesselt. „Das ist der Sohn des alten Majors." flüsterten 
die Leute, „warum schleppen ihn die Welschen erst hieher, sie 
schenken ihm ja doch nicht das Leben! 
„Der Graf soll's sehen," meinte ein alter Arbeiter. „Es 
heißt, sie haben auch den Junker Emmo gefangen. Den werden
        
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