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Periodical volume 14. Februar 1891, No. 20

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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kehrte erst nach Aufhebung des Belagerungszustandes (1850) 
nach Berlin zurück. 
„Die Belagerung zwar ist aufgehoben, 
Der Zustand aber ist geblieben." 
las man bald darauf im „Kladderadatsch." 
Bon nun an blieb Löwenstein beständig an dem ihm so 
lieb gewordenen Blatte thätig, war aber auch daneben Mit 
arbeiter an verschiedenen politischen Zeitungen; so schrieb er 
namentlich viele Jahre hindurch die politische Rundschau in der 
„Gerichtszeitilng." 
Von welcher packenden Gewalt seine politischen Gedichte 
waren, davon sei im folgenden eine Probe gegeben. In einem 
Gedichte „Gegen den Tyrannen", das sich gegen Napoleon III. 
richtet, besichtigt der letztere die Gruft in St. Denis, die er für 
sich und sein Geschlecht hatte bauen lassen: 
„Der Kaiser winkt: „Laßt mich allein!" 
Unv tritt zur Grabesstätte; 
„Das also ist mein letztes Haus, 
DaS ist mein letztes Bette! 
Hier werd' ich ruh'n, wenn einst erfüllt 
Ich meine Sendung hienieden! 
Hier wird dereinst in Wahrheit steh'n 
Das Kaiserreich — der Frieden!" 
Er lehnt sich an die Wand der Gruft 
Und schaut hinab zur Tiefe; 
Da isl's, als ob vom Grund empor 
Ihn eine Stimme riese. 
Mit todesblassen Zügen schaut 
Ein blutig Haupt ihm entgegen: 
„Kein Herrscher weiß in diesem Land, 
Wo man ihn zur Ruh' wird legen." 
Diese Worte schrieb Löwenstein im Jahre 1860, wo er 
mit Seherauge schon den Untergang des Franzosenkaisers 
ahme. Noch dusterer ist das Bild. welches er in dem Gedichte 
„Der Fluch Napoleons" giebt, das eins von den wenigen 
seiner politischen Dichtungen ist, welchen er selbst einen gewissen 
Wert beilegte: 
„Durch das Lager schreitet ein General 
Und mustert der Truppen Stand und Zahl; 
Doch ruft kein Posten vor ihm in's Gewehr, 
Kein Trommelwirbel begrüßt ihn mehr. 
Kein Horn verkündet seine Näh': 
ES ist, als ob ihn niemand sah'. 
Da flammt sein Auge im Zorne hell; 
Zum Turko spricht er: „Du brauner Gesell, 
Ich bin Dein Kaiser, Halunke sprich! 
Warum nicht salutierst Du mich?" 
Der Turko aber den Herrn nicht sieht, 
Brummt in den Bart ein arabisch Lied: 
„Der uns gebracht in Schand' und Not, 
Gelobt sei Allah! Der Kaiser ist tol!" 
Zum zweiten Posten der Kaiser spricht: 
„He, Zephyr, kennst Du den Kaiser nicht?" 
Doch der geht fluchend auf und ab: 
„Dem Kaiser Schimpf bis über das Grab! 
Er hat uns in Tod und Jammer gehetzt! 
Gott Lob! sie haben ihn abgesetzt!" 
Ju dieser Weise redet auch Bazaiue; die Truppe» singen 
Spottlieder; die Sappeurs sagen: 
„Biel tausend Brüdern grub der Schuft, 
Ieyt graben wir ihm die feuchte Gruft." 
Dann schließt die Ballade: 
„Deni Kaiser wird bald kalt, bald heiß, 
Er wischt von der Stirn dewTodesschweiß; 
Und weiter jagt er von Feld zu Feld, 
Gepeitscht vom Fluche der ganzen Welt." 
Im allgemeinen legte Löwenstein selbst diesen politischen 
Liedern und Klängen nur geringe Bedeutung bei, was jedoch 
einzig und allein seiner übergroßen Bescheidenheit zuzuschreiben 
ist; Johannes Schere hat sie mit Recht Meisterschöpfungeu 
deutscher Poesie genannt. Seine Freude und sein Stolz waren 
dagegen die Kinderlieder. Diese, meinte er selbst, seien ihm 
so recht gelungen; man solle den Kleinen überhaupt nur Heiteres 
und Erfreuendes in die Hand geben; der Ernst des Lebens 
trete ohnehin früh genug an jeden heran. 
Nachdem Löwenstein schon in den fünfziger Jahren wieder 
holl den „Kladderadatsch" verantwortlich gezeichnet hatte und 
in jener verhängnisvollen Zeit Verfolgungen und Plagen reich 
lich erduldet hatte, übernahm er nach Dohms Tode (1882) 
gänzlich die Redaktion, welche er mutig und erfolgreich führte, 
bis er 1887, nachdem auch sein Schwager, der Verleger 
Albert Hofmann, geschieden war, ermüdet seine geistvolle 
Feder fortlegte. Dieses Scheiden aus einer vierzigjährigen 
Thäligkeit bereitete ihui tiefen Kummer; viel härter traf ihn 
jedoch ein anderer Schlag, den das Schicksal ihm bestimmt 
hatte: der frühe Tod seiner heißgeliebten Tochter Katharine, 
einer talentvollen Malerin. Dieser Schlag beugte den greisen 
Dichter tief und machte ihn zu einem gebrochenen Mairne. 
Trauriger Ernst lag in den letzten Lebensjahren in den milden, 
freundlichen Gesichtszügen des Greises, und als einst seiner 
Tochter Erwähnung gethan wurde, sagte er wehmütig: „Ich 
bin ein alter Mann, ich habe hier nichts inehr zu verlieren; 
ich wollte, ich wäre schon bei ihr." — 
Nun ist er dahin; aber die Ueberlebenden werdeit den 
gemütstiefen Sänger der Kinderlieder, den mannhaften Politiker 
nicht vergessen. Eine Pflicht unserer Vaterstadt jedoch ist es, 
das Andenken eines Mannes zu wahren und zu erhalten, der 
mehr als vier Jahrzehnte in ihren Mauern gewirkt, der dem 
litterarischen Berlin während langer Zeit ein eigenartiges Ge 
präge verlieh und der den Schatz der deutschen Lyrik um eine 
Reihe köstlicher Liederperlen vermehrt hat und sich durch 
seine Gedichte in den Herzen der Deutschen ein Denkmal, 
dauernder als in Erz und Stein, errichtet hat. 
Kleine Mitteilungen. 
Zu unser-»» Kildc „Alt-Äcetrrr" (S. 249). - Pietsch 
und Kulicke sind zwei typische Vertreter von „Alt-Berlin" aus der „Reetzen- 
gasse", wie sie die Straße, in denen ihr Heim liegt, noch immer nennen, 
obwohl das Schildchen an der Ecke sie längst als „Parochialstraße" be 
zeichnet. Selten verlassen sie ihr Gätzchen und dessen nächste Umgegend; 
heute aber hat sie der schöne Frühlingssonnenschein hinausgelockt. Bedächtigen 
Schrittes wandern sie an der Nikolaitirche vorbei durch die Werderschen 
Mühlen über die Gertraudtenbrücke nach der Leipzigerstraße zu. 
„Du", sagt Kulicke am Spittelmarkt, „weeßt de noch, wie wir als 
Jung's Sonntags uns in die Spittelkirche uffgewärmt haben? Jetzt ist da 
von nischt mehr zu sehen, un statt die jute Spittelkirche steht jetzt der jroße 
Kandalaber un de Normaluhr, damit sich det junge Volk det Abends weeß, 
wo et sich treffen kann." 
Da standen die beiden Alten, und ein glückliches Lächeln umspielte 
ihre Züge in der Erinnerung an die Zeit, wo sie sich auch getroffen hatten, 
und in diesem Augenblicke belauschte sie unser Künstler Reinhold Hoberg, 
der die beiden alten Kumpane so lange drängte, bis sie zu ihm ins Atelier 
kamen, und er ihre Köpfe, die so recht typisch sind für den Berliner
        
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