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Periodical volume 14. Februar 1891, No. 20

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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eniivickelle sich aus dem Packet ein prächtiges, geschliffenes 
Kristallglas, ans dessen Boden ein Champagnerthaler eingelegt 
war. Löivenstein, den es himgerte und fror, betrachtete nur 
flüchtig den funkelnden Pokal; wehmütig und nachdenklich haftete 
sein Blick auf dem Doppelthaler da unten, der, wie sich her 
ausstellte, leider festgelötet war. Da, ein rettender Gedanke! 
Rasch flog der Poet mit seinem Präsent die holperige Stiege 
hinunter, trat in das erste beste Lokal, ließ sich Abendbrot 
und Bier reichen und war herzensfroh, als der Wirt nach 
einigem Zaudern das kostbare Seidel in Zahlung nahm." 
Unter großen Entbehrungen bezog Löwenstein 1840 die 
Universität seiner Vaterstadt, um Philologie zu studieren; schon 
im nächsten Jahre finden wir ihn zur Fortsetzung seiner Studien 
in Berlin, das ihm eine zweite Heimat werden sollte. So 
eifrig Löwenstein auch 
seinen Studien oblag, so 
war er doch ein zu be- 
geisterterBurschenschafter, 
um unter den damaligen 
Verhältnissen sich von 
einer Staats-Carriöre Er 
folg zu versprechen, zu 
welcher ihn seine sich jetzt 
schon mit Macht bemerk 
bar machende dichterische 
Begabung auch durchaus 
tiicht hinzog. In den fol 
genden Jahren war Lö 
wenstein teils Lehrer, teils 
für belletristische Blätter 
thätig. Ein eigentümliches 
Talent bestimmte ihn so 
gar, im Jahre 1845 als 
Mnemoniker aufzutreten. 
Löivensteins dichte 
rische Begabung trat, wie 
bereits erwähnt, sehr 
früh in den Vordergrund. 
Schon 1836 veröffentlichte 
er in verschiedenen schle 
sischen Blättern lyrische 
Gedichte. Allgemein be 
kannt wurde er jedoch 
erst zehn Jahre später 
durch seinen im Jahre 1846 herausgegebenen 
garten", eine Sammlrmg der reizendsten Lieder, die seinen 
Dichterruhm für immer begründeten. Diese lieblichen, von 
unschuldsvaller Reinheit und Naivetät durchwehten Lieder, welche 
von hervorragenden Tonkünstlern wie T ändert, Th lesen, 
Gumbert, Rubinstein, Dorn, Grabeu-Hoffmann, Abt 
u. a. komponiert worden sind, legen Zeugnis ab von dem 
zarten Gemüt, der sinnigen Natur- und Kinderliebe Löwensteins 
und haben bald Aufnahme in alle deutschen Lesebücher gefunden. 
Wohl jeder Leser kennt einige Löwensteinsche Lieder, meist ohne 
den Namen ihres Verfassers zu wissen. Sie heimeln uns an 
wie Volkslieder, sind zum Teil zir solchen geworden und werden 
von Mund zu Munde gehen, so lange eine deutsche Mutter 
mit ihren Kindern plaudert. „Nun laß dir erzählen, mein 
liebes Kind, wie schön die guten Engel sind", „Wie hoch mag 
wohl der Himmel sein?" — Das sind Poesien, welche so recht 
die dichterische Eigenart Löwensteins in all ihrer Reinheit, 
Innigkeit und GemütStiefe charakterisieren. Jeder Deutsche, der 
sie hört, erinnert sich der eignen poesievollen Kindheit, denkt 
an die liebe Mutter, aus deren Munde er die Mär von den 
guten Engeln, von dein finsteren König Najaruk, die Geschichte 
von dem faulen Hänschen und der faulen Grete vernommen hat. 
Die Löwensteinschen Lieder sind dem deutschen Kindergemüt so 
recht angepaßt und schmeicheln sich dem kindlichen Gedächtnis un 
willkürlich ein. Wie schön klagt der Schneemann im Frühling: 
Der nimmt mir fort auch meinen Bauch. 
Bald geht's beim Sonnenscheine 
! Mir gar auch an die Beine. 
; Wie kann ich dann noch stehen? 
I Ich muß, ich muß zergehen!" 
Oder wie humorvoll ver 
spotten die Vögel die 
Vogelscheuche: 
„Plundermatz! Plundermatz! 
Zeig' doch deine Wunder! 
Strohkops ohne Kraft und Geist 
Deine Macht ist Plunder!" 
Löwenstein war aber 
nicht nur der Dichter mit 
dem sanften Gemüt, der 
es verstand, zu denHerzeu 
der Kinder zu sprechen, 
sondern in ihm lebte auch 
kernige Mannhaftigkeit, 
der Ernst fester Ueber 
zeugung und ein sicheres 
Urteil; seine Deiikschärfe 
und beißende Satire wa 
ren gefürchtet. Frühzeitig 
hatte er allen politischen 
Ereignissen Interesse ent 
gegengebracht und sich für 
die Ideen der Burschen 
schafter begeistert. Die 
Märzmge 1848 machten 
aus dem lyrischen Dichter 
einen gefürchteten, politi 
schen Schriftsteller. Im 
Sommer 1848 begründete 
Löwenstein im Verein mit Dohm und Kalisch den „Kladdera 
datsch", dessen Emporblühen nicht zum geringsten Teil sein Ver 
dienst ist. Er lieferte fortgesetzt Aufsätze, namentlich Leitartikel, 
in Poesie und Prosa; auch die lustige Korrespondenz Prudelwitz 
und Strudelwitz ist sein Erzeugnis. Die zuweilen mit beißen 
dem Spott gewürzten Beiträge zeichneten sich durch hinreißende 
Kraft des Ausdrucks und vollendete Technik aus.*) Infolge 
seiner durch den damaligen Polizeipräsidenten Hinckeldey ver 
fügten Ausweisung (1848) mußte er die Führung der Redaktions 
geschäfte niederlegen. Er begab sich nach Dessau und Leipzig, 
blieb jedoch unausgesetzt Mitarbeiter des „Kladderadatsch" und 
*) Eine Sammlung der von ihm herrührenden politischen Gedichte ist 
vor kurzem unter dem Titel: „Aus bewegten Zeiten", eingeleitet von Alb. 
Träger, im Berlage von F. P. Lehmann, Berlin, erschienen. 
„Was helfen mir die Pelze? 
Ich armer Mann zerschmelze. 
Der Kopf ist schon zerronnen, 
Der Rumpf auch hat begonnen. 
O weh, schon kommt ein warmer Hauch, 
Rudolf Lö tuen stein. 
Kinder-
        
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