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Periodical volume 14. Februar 1891, No. 20

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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sein Valer bereits verhaftet! Und sie fühlte es, daß weniger 
das Gebot der Pflicht, als persönlicher Haß ihren Gatten be 
seelte; der Elende trachtete ja nach dein Erbe ihrer Brüder. 
Es war eine seltsame Wandlung, die Angst und Sorge 
und Bitterkeit in ihrer Artist erzeugten. Sie hatte bisher über 
Arthurs Treiben gedacht wie ihr Vater, der ihn einen thörichten 
Schwärmer, verführt durch freisinnige Lehren, einen Don 
Quixote nannte, der gegen Windmühlen anstürme. Jetzt begriff 
sie, daß er für ein heiliges Recht kämpfe, für das Recht der 
Unterdrückten gegen rohe, brutale Gewalt, verübt von Elenden; 
jetzt verstand sie es, welches Gefühl den ehemals so hochmütigen 
Grafen Dielen mit Otto von Braun vereint; es fiel ihr wie 
Schuppen von den Augen, und ein unbeschreibliches Gefühl 
von schamdurchtränktem Weh beschlich ihr Herz. Was lag für 
sie in den Worten: „Der junge Wedehlen ist in Verkleidung 
tiach Kassel entwischt." Zu ihr, zu seiner Schwester flüchtete 
Emmo gewiß nicht, von ihr erwartete er keine Hilfe, ihr Gatte 
gehörte ja zu denen, die ihn verfolgten! Ja, sie stand auf 
seiten der Landesfeinde, der Unterdrücker. Sie hatte an dem 
Hofe Jeromes getanzt und Triumphe gefeiert, an dem Hofe, 
dem das Land fluchte, in dem sie geboren. Sie gehörte zu 
denen, gegen welche das geknechtete Landvolk die Fäuste 
knirschend geballt, und weder Ueberzeugung noch Liebe hatte 
sie in jene Reihen gebracht, sondem eine Laune, ein eitler 
Gedanke im Ueberdruß uitd in der Langeweile der Einsamkeit. 
Ihr Gatte wollte ein Exempel statuieren auf Schloß 
Wedehlen. Dieser Abenteurer, der sie betrogen, dieser Genosse 
elender Polizeispione, dieser Knecht des Königs Jerome wollte 
auf dem allen Edelsitz des Grafen Wedehlen das Gefühl der 
deutschen Landeseinivohner blutig verhöhnen, den Richter 
spielen über Angehörige einer Familie, die ihr in der Kind 
heit teuer gewesen, und er fragte nicht, ob sich das Blut der 
Wcdehlen nicht empöre gegen solche Roheit und Anmaßung — 
die Lehre sollte den Gutsangehörigen ihres Vaters heilsam sein, 
also ihnen zeigen, daß jetzt der Kapitän Marligny hier gebiete, 
nicht der Graf. 
Der Streich ivar gegen sie gemünzt. Es genügte Mar- 
tigni) nicht, seine Rache anderswo vollziehen zu lassen; sie sollte 
seine Macht kennen lernen und erzittern, daß er gegen ihre 
Brüder ebenso verfahren könne wie gegen den Sohn des alten 
Majors. Der Mensch, welcher ihni hier Bericht erstattete, war 
offenbar auch der Vertraute seiner habsüchtigen Pläne; er gab 
ihm einen Wink, wie das verpfändete Gut Nonneubruch dem 
Grafen Dielen wieder zu entreißen sei. 
Die Thüre öffnete sich und Würst trat ein. „Der Herr 
Kapitän," redete er Wlaska an, „hat dienstliche Anordnungen zu 
treffen, die ihn hier länger, als er gedacht, aufhalten werden, 
und er hat mich beauftragt, Ihnen Kenntnis von traurigen 
Nachrichten zu geben, die ich ihm leider gebracht. Ich bin 
der Polizei-Agent Würst. Die mir zugedachte Ehre hat etwas 
Schmerzliches, denn die trüben Nachrichten betreffen Ihre An 
gehörigen. Madame —" 
Wlaska vermochte ihren Ekel vor dem Manne nicht länger 
zu überwinden, der mit katzenartiger Freundlichkeit und Unter 
würfigkeit ihr nahte, und dessen listige lauernde Blicke ihren 
Widerwillen noch vermehrten. „Meine Angehörigen sind auch 
die meines Galten," unterbrach sie den Agenten, „ich hoffe 
daher, daß sie Schutz finden werden, wenn sie dessen bedürfen, 
und das um so mehr, als ich weiß, daß mein Gatte von allem, 
was auf Wedehlen geschah, Kenntnis gehabt und also in der 
Lage gewesen ist, meine Angehörigen zu warnen oder das 
Schlimmste zu verhindern. Ja," fuhr sie fort, als Würst seine 
Betroffenheit nicht zu verbergen vermochte, „Sie hätten doch 
Ihre Pflichten als Polizei-Agent sehr schlecht erfüllt, wenn Sie 
Ungesetzlichkeiten, um die Sie gewußt, nicht verhindert." 
„Madame, das ist ein Irrtum — ich schwöre —" 
„Mein Herr, ich sage nichts, was ich nicht genau weiß, 
sparen Sie sich unnütze Worte! Ich ersehe daraus, daß mein 
Gatte, anstatt mir persönlich seine Mitteilungen zu machen, Ihnen 
das überläßt, sowie daß sie Ihre Instruktionen schlecht befolgt 
haben und vielleicht meine Nachsicht erbitten wollen. Ich würde 
aber selbst auf die Fürsprache meines Galten keilte Rücksicht 
nehmen und mich direkt mit einer Beschwerde an den Kaiser 
wenden, wenn Angehörige von mir oder Personen, für die 
ich mich interessiere, durch Ungerechtigkeiten zu ungesetzlichen 
Handlungen verleitet worden sind." 
Würst wechselte die Farbe. Die dreiste Art, mit der 
Wlaska behauptete, daß sie von seinen Instruktionen Kennt 
nis gehabt, machte ihn irre; der Kapitän hatte ihm angedeutet, 
daß seine Gemahlin vielleicht Schwierigkeiten machen könne. 
Würst hatte ihr darthun sollen, daß es p spät sei, die Ver 
folgten zu schonen, und sie trat drohend auf, anstatt sich ein 
schüchtern zu lassen, sie deutete sogar an, daß sie keine Rück 
sicht auf ihren Gatten nehmen werde. 
Wurde die Anklage erhoben, daß die Agenten der geheimen 
Polizei das Ausschreiten und Umsichgreifen der Verschwörung 
geduldet, daß Würst Ursache gehabt, Emmo schon zu verhaften, 
ehe er heimlich das Vaterhaus verlassen, so entdeckte man, daß 
die persönlichen Interessen Marlignys Würst näher gelegen, 
als die Dienstpflicht, und der Argwohn, der stets auf Renegaten 
lastet, erhielt Begründung. Würst konnte nicht nur Amt und 
Brot verlieren, sondern selbst vor Gericht gestellt werden. 
„Ich habe die Befehle des Herrn Kapitäns erfüllt," 
stotterte er. „Ihr Herr Gemahl würde dieselben zu verantworten 
haben —" 
Wlaska hatte jetzt den Beweis, daß Martigny seine 
Stellung gemißbraucht, sie sah das Werkzeug ihres Gallen 
erbeben und hatte Hoffnung, ihrem Galten die Spitze bieten 
zu können. „Es ist möglich," sagte sie, „daß mein Gatte Ab 
sichten verfolgt, von denen ich nichts geivußt, daß er Ihnen 
Belohnungen verheißen, aber wenn er sich verrechnet hat, werden 
Sie darunter leiden." 
Damit wandte sie Würst den Rücken. Der Agent ver 
ließ sie in nicht geringer Bestürzung; er mochte das Gefühl 
haben, daß Martigny seinen Willen nicht so leicht durchsetzen 
werde, wenn diese Frau auf ihrem Trotze beharre; er stichle 
den Kapitän auf, um ihm zu berichten, wie er abgefertigt 
worden. 
Martigny erschien eine halbe Stilnde, nachdem Würst sie 
verlassen, in dem Gemache, wo Wlaska seiner harrte. Eine 
Abteilung Soldaten marschierte beim Fenster vorüber. „Das 
ist Einquartierung für Schloß Wedehlen," sagte er, den Blick 
durchbohrend auf Wlaska heftend, „ich will dort eine Exekttlion 
vollstrecken lassen. Der junge Braun ist eingefangen und har 
den Tod verdient. Ich habe Dich darauf vorbereiten lassen 
wollen, daß auch Deine beiden Brüder dem Kriegsgericht an 
heimgefallen und daß es von meiner Gnade abhängen wird, 
ob ich ihnen das Leben schenke, wenn man sie eingefangen
        
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