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Periodical volume 7. Februar 1891, No. 19

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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War sie doch schon in früher Jugend durch seine Thaten 
zum Gesänge begeistert worden! Jetzt sollte ihr die Ehre zu 
reit werden, von ihm selbst in Sanssouci empfangen zu werden. 
Am 24. Oktober 1763 wurde sie zum Könige gerufen. In 
einem größeren Gedicht hat sie selbst über diese Begegnung 
ausführlich berichtet. Der König ließ sich zunächst ihre Lebens 
geschichte erzählen und fragte sie dann: 
Wer lehrte dich Gesang? 
Wer unterwies dich in Apollen? Saitenzwang? 
Held, sprach ich, die Natur und deine Siege machten 
Mich ohne Kunst zur Dichterin. 
Er lächelte und wollte wissen, 
Woher ich Nahrung näh»,'. Da sagt' ich: Freunde müssen 
Mich nähren, täglich geh' ich hin 
Zum niemals stolzen Stahl, der stets mich gerne siehet 
Und eine zweite Sängerin 
In meiner Tochter dir erziehet. 
Ich sprach's, und Friedrichs Blick schien meinen Freund zu loben. 
Nach meiner Wohnung frug er mich. 
Monarch, sprach ich, die Sterne grenzen nachbarlich 
Mit meinem Winkel unterm Dache hoch erhoben. 
Wenn du nicht zürntest, würd' ich dich 
Kniebeugend bitten, daß du meine Kammer dächtest 
Wie einen Winkel der Bastille in Paris. — 
Der König lachte laut, und ich, beherzt und frei. 
Wie eine Römerin, ich zog der Stirne Falten 
Sanft auseinander, lachte so 
Wie einer, der ein Brett hat in dem Meer erhalten 
Und jetzt die Sonne sieht und ihren Strahlen froh 
Entgegenblickt, und vor Entzücken 
Das Lächeln aus der Lippe trägt, 
Wenn ihm das Herz so laut, als mir das meine schlägt, 
Und er mit Worten sich nicht halb weiß auszudrücken. 
Des Vaterlandes Vater sprach 
Zuletzt, er würde mir das Leben sorglos machen, 
Und alle Musen sprachen's nach." 
Zunächst erhielt die Dichterin 50 Thaler mit der Weisung, 
sich später wieder zu melden. Aber alle ihre späteren Bitten 
um Unterstützung wurden nicht erhört, so oft sie atlch den König 
an sein Versprechen erinnerte. Auf ihr beständiges Bitten er 
hielt sie endlich im Jahre 1773 2 Thaler zugesandt. In einem 
Gedichte an den Herzog Ferdinand von Braunschiveig, der zu 
ihren Gönnern zählie niib ihr ein jährliches Taschengeld aus 
gesetzt hatte, berichtet sie darüber Folgendes: 
„Man siegelte auf Sein Befehlen 
Zwo ganze Friedrichsthaler ein, 
Und wollt' es öffentlich erzählen, 
Indem man aus den Umschlag schrieb: 
„Zwei Thaler zum gnädigen Geschenke 
Für Deutschlands Dichterin." Dies that man, wie ich denke, 
Aus eignem, schadenfreudem Trieb. 
Ich faßte kurzen Schluß, ich lächelte catonisch 
Auf dies Geschenk herab und schrieb 
Mit kaltem Blute ganz lakonisch, 
Weil mir nichts weiter übrig blieb: 
„Zwei Thaler giebt kein großer König. 
Ein solch' Geschenk vergrößert nicht mein Glück, 
Nein, es erniedrigt mich ein wenig, 
Drum geb' ich es zurück." 
Erst nach dem Tode des Königs sollte ihr Wunsch zum 
Teil in Erfüllung gehen. Eine ihrer Freundinnen wollte ein 
Naturalienkabinett an den Hof verkaufen, hatte aber keine Be 
ziehungen zu demselben. Die Dichterin, welche die Oberhof- 
meisterin der ältesten Prinzessin, Tochter des Königs Friedrich 
Wilhelm IL, kannte, bot sich zur Vermittlerin an und begab 
sich zu derselben, einer Frau v. Vieregg. Diese sagte ihr: „Der 
König wird nun dergleichen nicht mehr kaufen, es sind der 
Ausgaben zu viel. Seine Majestät bezahlen alle Schulden 
des verstorbenen Königs." „Alle Schulden? Alle?" rief die 
Dichterin. „Beim Himmel, dann haben mir Seine Majestät 
auch eine Schuld zu bezahlen. Sein Oheim hat mir vor 
24 Jahren eine Versorgung versprochen; man versicherte mir 
eine Pension von jährlich 200 Thalern. Hätte ich die Summe 
von 24 Jahren zu heben, so wäre es schon ein Kapitälchen, 
wofür ich mir ein Häuschen kaufen könnte." „Gut", antwortete 
die Oberhofmeisterin lächelnd, „setzen Sie das Anliegen so aus, 
wie Sie da sagen, und wir wollen sehen, ob ivir es dem 
Könige vorbringen können." Die Dichterin that, wie ihr be 
sohlen, und schrieb eine poetische Schuldforderung an den 
König, die von der Oberhofmeisterin der Prinzessin Friederike 
übergeben ward, welche sie ihrem Barer vorlas, als er sich 
gerade malen ließ. Der König lächelte über den Einfall, steckte 
das Schreiben zu sich und gab bald darauf dem Minister von 
Wöllner den Befehl: der Karschin anzukündigen, daß ihr ein 
Haus gebaut werden sollte, ausgeziert mit allen Allegorien 
der Musen. 
Die Dichterin war sprachlos vor Freuden; schon in den 
nächsten Tagen ward die Nachricht durch die Zeitungen ver 
breitet und des Königs Gnade gerühmt. Das Haus wurde 
ihr erbaut auf dem Hackeschen Markt und alsbald, nachdem es 
fertig war, voir ihr bezogen. Einheimische wie auswärtige 
Freunde und Freundinnen beglückwünschten sie wegen dieser 
Auszeichnung. 
Noch eine andere Ehre widerfuhr ihr in dieser Zeit. — 
Eines Tages im Sommer 1790 erhielt sie die Einladung, 
am nächsten Morgen im „Hofjäger" zu erscheinen, wo 
der Hof des Prinzen Ferdinand zum Frühstück versammelt 
war. Hier wurde sie von den fürstlichen Personen mit großer 
Auszeichnung behandelt; sie mußte sich neben den Prinzen 
setzen, und dessen Tochter reichte ihr selbst Speisen und 
Getränke. Zum Andenken an diese Begegnung erhielt sie eine 
wunderschöne Tasse. Indessen schwanden die Kräfte der altern 
den Dichterin mehr und mehr, sie kränkelte. Dennoch entschloß 
sie sich, auf eine Einladung ihre alte Heimat Tirschtiegel und 
bei dieser Gelegenheit ihren Enkel, Wilhelm Hempel, der in 
Frankfurt a/O. studierte, zu besuchen. Sie kam aber nur bis 
Frankfurt, wo sie drei Monate vor Ermattung bleiben mußte. 
Als sie hier vernahm, daß sich die Prinzessin Friederike, welche 
einst ihr poetisches Bittgesuch dem Könige vorgelesen, mit dem 
Herzog v. Dork vermählen würde, ließ sie sich nicht länger 
halten und kehrte am 30. September 1791 nach Berlin zurück. 
Das Gedicht, welches sie der aus ihrem Vaterlande scheidenden 
Prinzessin widmete, war ihr letztes. Sie starb am 12. Oktober 
1791. 
Das dichterische Können der Karschin war vorzugsmelse 
Reimtechnik, die allerdings bis zu einer erstaunlichen Virtuosität 
ausgebildet war. Ihr Aufenthalt in Berlin war ihr insofern 
schädlich, als der Verkehr mit der dortigen litterarischen Welt 
sie dahin führte, einen krankhaften Mißbrauch mit allegorischen 
Figuren in ihren Erzeugnissen zu treiben. Man sieht es 
vielen Gedichten dieser Zeit an, wie die Verfasserin sich geradezu 
abgemüht hat, alle erdenklichen mythologischen Personen in 
dieselben hineinzubringen. Sie ist daher in der Litteratur nur
        
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