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Periodical volume 7. Februar 1891, No. 19

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Aller Haß, den Wlaska in der Brust verborgen gegen 
den Mann, der sie um ihre Jugend, ihre Freiheit gebracht, 
alle Empörung, die eine stolze, aber edle Natur gegen scham 
lose Infamie erfüllt, sprühten ihr Gift gegen den Kapitän, der 
einen solchen Ansbruch der Leidenschaft nicht erwartet, Wlaska 
solchen Temperamentes nicht für fähig gehalten. Das Weib, 
dem er deutsches Phlegma im Stillen vorgeworfen, dessen 
Schönheit für ihn den besten Reiz dadurch verloren, daß Wlaska 
seine Zärtlichkeit gleichgiltig, wie davon gelangweilt, hinge 
nommen. die ihm kalt, ohne jedes Feuer erschienen — sie sah 
er jetzt entflammt von wilder Leidenschaft, glühend, mit sprühen 
den Augen, und nie war sie ihm so so schön und begehrens 
wert erschienen. 
„Ah," rief er. „Du kannst hassen, dann verstehst Du 
auch zu lieben. Muß es der Hatz sein, der Dich in Flammen 
setzt, so danke ich dieser Stunde, datz ich den Wert eines 
Schatzes entdecke, den ich nicht geachtet. Nein, Wlaska, Du 
sollst Dich nicht von mir trennen, jetzt will ich Dich mir er 
obern. Du schmähst mich, weil ich nach Gold getrachtet? 
Für wen trachte ich darnach? Konnte ich mir ein Lächeln 
von Dir erobern ohne Geschenk, reizte Dich etwas, das ich 
nicht mit Gold bezahlt? Mußte ich nicht fürchten, Dir ganz 
gleichgiltig zu werden, wenn ich Dir gestand, daß ich arm? 
Jetzt lodert Dein Blut, jetzt sehe ich, datz Du nicht von 
Marmor, und meine Liebe erwacht wie neu geboren." 
Er wollte sich ihr nähern, aber mit Verachtung und Ekel 
tvandte sie sich von ihm ab; die Scham darüber, daß sie nur 
eine sinnliche Glut erweckt, wo sie gedacht, ihn durch Verachtung 
zu vernichten, brannte ans ihrer Wange. „Das ist die Krone 
der Jnfaniie, der bitterste Hohn auf meinen beleidigten Stolz," 
sagte sie, „tiefer konntest Du das Weib nicht entwürdigen, das 
sich brandmarkte, als es Dir vertrante. Deine Berührung 
ekelt mich an. Anstatt zu erröten über diese Infamie, ivelche 
um elenden Raubes willen Menschen verfolgt, die meines 
Blutes, willst Du Dich damit entschuldigen, daß ich Dir für 
Anfmerksamkeiten gedankt, sagst mir ins Gesicht, tneine Zärtlich 
keit sei käuflich gewesen. Und brächtest Du mir alle Schätze 
der Welt, und könnte ein Wort Deiner Lippen die Meinigen 
vom Tode erretten, ich würde zurückschaudern, die Schlange zu 
küssen, die sich um mich geringelt mit glatter Lüge." 
Damit entwich sie den Armen, die er nach ihr ausgestreckt; 
er wollte sie festhalten, aber sie stieß ihn zurück, entfloh aus 
dem Gemach und verschloß hinter sich die Thüre ihres Kabinetts. 
Einen Moment packte ihn die Wut der Enttäuschung, er 
ivollte die Thüre einstoßen, aber er besann sich eines Besseren. 
Sie liebt ihre Brüder," murmelte er vor sich hin, „wir wollen 
ihre Standhaftigkeit erproben. Sie liebt ihren Vater— er ist 
leicht zli kompromittieren. Sie hätte mich in dieser Stunde zu 
ihrem Narren, ihrem Sklaven machen können — sie wirds 
bereuen, daß es nicht geschehen!" 
XIV. 
Es siitd meist augenblickliche Stimmungen, momentane 
Eingebungen, plötzlich in uns auftauchende Gedanken, welche 
entscheidend werden für ganze Perioden unseres Lebens, ja, 
oft ist es eine launenhafte Stimmung, in der wir lange 
überlegte Pläne umwerfen und ganz anders handeln, als wir 
nach reiflichem Bedenken uns vorgenommen. Eine uns plötzlich 
überkommende Stimmung erzeugt Thaten, zu denen wir bei 
einiger Ueberlegung uns nie entschlossen hätten, oft ist es 
eine Zerstreutheit, eine Gedankenlosigkeit, die uns ebenso wie 
die wilde Leidenschaft Thorheiten begehen läßt. 
Der Dichter, welcher Menschen schildert, kann daher nicht 
falscher zu Werke gehen, als wenn er nur edle und verworfene 
Charaktere schildert, fertige Engel oder fertige Teufel; in jedem 
Menschen liegen die Keime zu Tugenden und zu Lastern: die 
Verhältnisse sind es, welche dieselben geringer oder stärker, 
milder oder abschreckender hervortreten und zur Geltung kommen 
lassen. 
Es giebt Zeiten und Verhältnisse, in denen das Verbrechen 
durch Umstände, ja sogar durch Gesetze eine gewisse Sanktion 
erhält. In Perioden, wo ein Staat oder ein Volk um seine 
Existenz kämpft, wo die Regieruugsgewalt sich ihr Bestehen 
ertrotzen, Widerstand brechen will, da ist die Versuchung den 
Dienern der herrschenden Macht nahegelegt, die eigenen niederen 
Leidenschaften in den Mantel des Diensteifers tind Gehorsams 
zu hüllen, da demoralisiert die Regierung ihre Beamten, in 
dem sie Gewalthat entschuldigt, Spionage und heimtückischen 
Verrat fordert, da macht sie ihre Gegner rechtlos und ihre 
Helfer — gewissenlos. 
Die Versuchung, den eigenen Vorteil mit dem Diensteifer 
zu verbinden, lag den Beamten des Kaisers Napoleon, der 
die halbe Welt erobert und von den Besiegten Unterwerfung 
forderte, gewiß nahe, und wer, für Napoleon begeistert, an 
die Dauer der neuen Weltordnung glaubte, wer da wähnte, 
daß die Segnungen der Napoleonischen Regierung den Völkern 
erst zu teil werden könnten, wenn die Unterwerfung vollendet, 
der mußte in den Männern, welche das Volk zum Aufstande 
> reizten, verblendete Thoren oder Verbrecher sehen, die jeden 
! ins Unglück stürzten, der sich von ihnen bethören ließ. 
Martigny halte es erlebt, wie der General Boitaparte 
die Jakobiner niedergeschmettert, er hatte eine lange Zeit zu 
betten gehört, welche, nachdem der erste Konsul nicht die Rolle 
eines Generals Monk gespielt, sondern, statt die rechrmätzige 
Kölligsfamilie wieder einzusetzen, sich selber ans den Thron 
geschwungen — seinem Ehrgeiz den Untergang prophezeiten. 
Selbst die Kaiserin Josephine hatte gezittert, daß der Stern 
ihres Gatten erbleichen müsse. Es gab eilte Partei in Frank 
reich, welche Napoleon den Untergang wünschte, damit die 
Rache der Völker nicht Frankreich treffe — aber das beispiel 
lose Glück des Korsen, denr jetzt sogar deutsche Truppeil den 
Weg nach Wien gebahnt, ließ die Zweifler verstummen; es 
schien wirklich, als ob Napoleon berufen sei, eine Welt 
herrschaft zu begründen, die Geschicke der Völker Europas liach 
seinem Willen zu leiten. 
Hätte Martigny in Wlaska ein liebendes Weib gefunden, 
hätte sie von ihm gefordert, daß er den Ihrigen als Bruder 
die Hand reiche, so würde er vielleicht, zufrieden mit der 
reichen Mitgift, die sie ihm gebracht, ein wahrer Freund der 
Familie geworden sein. die ihn in ihren Schoß aufgenommen. 
Wlaska schien jedoch ihren Brüdern zu grollen, die ihre Wahl 
gemißbilligt, Martigny hatte es nie vermocht, ihr in die tiefsten 
Falten des Herzens zu schauen und dort zu lesen, was ihr 
Gemüt in Wahrheit niederdrückte; er wähnte, ihr Stolz sei 
enttäuscht, da er ihr nicht die Mittel bieten konnte, als erste 
Dame am Hofe zu Kassel zu glänzen, und er fürchtete tiicht, 
sie zu kränken, wenn er die Intriguen gegen ihre Brüder 
schmiedete, welche die letzteren ihres Erbes berauben sollten. 
(Fortsetzung folgt.
        
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