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Periodical volume 11.Oktober 1890, No. 2

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Eine vergessene Strafe unsrer deutschen Vorfahren. 
Von ©mtl Floeszol. 
Die Urwüchsigkeit, Eigenartigkeit und Derbheit, welche 
unsere Vorfahren auszeichnete und ihnen die von andern Völkern 
anerkannte Tüchtigkeit verlieh, kommen ebenso sehr in ihren 
Sitten und Gebräuchen, wie in der Art der von ihnen an 
gewendeten Strafen zum Ausdruck. Die Thatsache, daß die 
letzteren, die Strafen, in der Dunkelzeit des Mittelalters das 
Gepräge der Grausamkeit annahnien, die im Aufsradflechten, 
in den Scheiterhaufen und anderen qualvollen Todesarten ihren 
Höhepunkt erreichten, ändert nichts an dem erwähnten Kenn 
zeichen der Urwüchsigkeit und Derbheit dieser Strafen, mögen 
dieselben nun von unseren Vorfahren selbst ersonnen oder von 
anderen Nationen entlehnt sein. 
Einzig unserem Volke eigentümlich erscheint eine heule fast 
ganz der Erinnerung entschwundene Strafe schimpflichster Art, 
welche, so selten sie auch von den bedeutenderen Schriftstellern 
erwähnt wird, dennoch allgemeine Verbreitung gefunden hat. 
Ja, gerade der Umstand, daß dieselbe allgemein verbreitet, mit 
hin bekannt war, in Verbindung mit dem anderen, daß die 
Anordnung dieses Strafvollzugs in niedergeschriebenen Gesetzes 
bestimmungen nicht vorhanden war, mag wesentlich mit dazu 
beigetragen haben, unsere alten Geschichtsschreiber zu ver 
anlassen, Thatsachen, welche sie als bekannt voraussetzten, nicht 
besonders zu berichten. 
Die Strafe, um die es sich handelt, ist die des Hunde 
tragens. Das Hundetragen war eine militärische Strafe, und. 
aus alten Zeiten herstammend, bei den Sachsen, Schwaben, 
Thüringern, Franken, Langobarden und Böhmen im Gebrauch. 
Auch in Italien ist dieselbe angewendet worden. Das besonders 
Eigentümliche aber der Anwendung dieser Strafe ist darin zu 
erblicken, daß sie, die als der höchste Schimpf galt, ausschließ 
lich an höchstgestellten Personen adeligen Stammes, an Rittern 
rmd Grafen vollzogen und Jahrhunderte hindurch nur vom 
Kaiser selbst angeordnet wurde. Adelige geringeren Grades, 
die Junker, wurden ebenfalls zum Tragen, aber nicht von Hunden, 
sondern, wie die einen sagen, von Katzen, nach anderen zilin 
Tragen eines Sessels verurteilt, während die Strafe des gewöhn 
lichen Soldaten im Trage» eines Pflugrades bestand. Den Rittern 
also wurde die Strafe in schimpflichster Steigerung zuerkannt, 
eine Steigerung, welche noch dadurch in jenen Fällen erhöht 
wurde, wo der zu tragende Hund ein räudiger sein mußte. 
Nicht minder diente es zur Erhöhung des Schimpfes, wenn 
der Hund groß, also schwer von Gewicht war. Je schwerer, 
desto schimpflicher. Der Hund aber mußte, wenigstens während 
der Zeit der strengen Handhabung dieser Vorschrift, auf den 
Schultern oder um den Nacken gelegt getragen werden. Die Strecke 
Wegs, welche der in solcher Weise Bestrafte ;u durchmessen hatte, 
betrug meist eine deutsche Meile. Bisweilen mußte derselbe 
seine Last aus einem Bezirk oder aus einer Stadt in den oder 
die andere schleppen, oft auch war die zeitweilige Residenz des 
Kaisers der Zielpunkt. 
Die Verbrechen, welche auf so schimpfliche Weise gesühnt 
werden sollten, bestanden zumeist in öffentlicher Friedensstörung: 
Erregung von Bürgerkrieg. Aber auch bei Verleumdungen 
und Schmähungen wurde der Schuldige zu der erwähnten 
Strafe verurteilt. Bei schweren Verbrechen der zuerst angeführten 
Art bildete das Hundetragen nur einen Teil der Gesamtstrafe, 
die oft die Leistung einer beträchtlichen Geldbuße einschloß, in 
den schwersten Fällen aber in Todesstrafe bestand. Dem 
Hundetragen folgte meist das Abscheeren des Bartes als eine 
weitere beschimpfende Maßregel. 
Von einigen Beispielen des Vollzugs der in Rede stehenden 
Strafe mögen die folgenden Fälle als geschichtlich verbürgt 
hier Erwähnung finden. 
Das erste überlieferte Ereignis dieser Art berichtet Witte 
kind, (Widnkind) Mönch von Corvey, ein hervorragender Dar 
steller deutscher Geschichte. Der Vorgang fällt in die Regierungs- 
zeii Otto I. oder des Großen, welcher 924 den Thron bestieg. 
Witlekind berichtet, Eberhard, Herzog von Franken, der Bruder 
Kaiser Konrad I., habe die Stadt Elmeri, also Elmershausen 
an der Weser überfallen, in Brand gesteckt und alle Einwohner 
ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht niedergemacht. Darüber 
aufgebracht, habe der Kaiser dem Eberhard eine schwere Geld 
strafe auferlegt, die übrigen hohen Offiziere aber, welche als 
Anführer an jenem Ueberfall sich beteiligt, dazu verurteilt, 
Hunde nach Magdeburg zu tragen. Eine ausführliche Be 
schreibung der Ausführung dieser Strafe giebt Wittekind nicht, 
jedenfalls aus dem Grunde, weil er die Sache als allgemein 
bekannt, einer besonderen Schilderung nicht für geeignet erachtet. 
Ein zweites Beispiel wird aus Böhmen berichtet. Bor- 
ziwoi, Herzog von Böhmen, lebte, von Swautogloch aus seinem 
Herzogtum vertrieben, in der Verbannung. Als nach Swamo- 
glochs Tode Ladislaus ihni folgte, überfiel Borziwoi Prag, 
um das Herzogtum wieder zu erobern. Ladislaus flehte die 
Hilfe Kaiser Heinrich I. an, ivelcher sogleich ein Heer sandte, 
durch dessen Vordringen Herzog Borziwoi und die übrigen 
Rebellen gefangen genommen wurden. Einem Teil derselben 
wurden darauf die Augen ausgestochen, während man de» 
andern in Fesseln legte. Der Präfekt oder Stadtvogt von Prag, 
Dodechin, ein vornehmer Ritter, wird, weil er Ladislaus feind 
lich entgegengetreten war, zit der schimpflichen Strafe verurteilt, 
einen räudigen Hund zu tragen. Auch wurde ihm der Bart ab 
geschoren. Diese Ereignisse geschahen im Jahre 1109. 
Ein ähnliches Vorkommnis ist es, von dem der Freisinger 
(Freising i. B.) Bischof Oito aus der Zeit Friedrich Barbarossas 
erzählt. Derselbe berichtet, daß während der Abwesenheit des 
Kaisers von Detitschland im Jahre 1156 — er war damals 
in Italien — Arnolo, Erzbischof von Mainz, und Hermann 
Pfalzgraf am Rhein, einen Bürgerkrieg entzündeten, durch den 
sie weitgehende Verheerungen veranlaßten. Nach seiner Heim 
kehr habe der Kaiser, wie er in einer hierüber beratenden Ver 
sammlung in Worms betont, des Erzbischofs seiner geistlichen 
Würde wegen zwar verschont, hingegen sei er wider den Pfalz 
grafen mir aller Strenge vorgegangen. Hierbei erwähnt der Frei 
singer Bischof ausdrücklich, es sei bei den Franken und Schwaben 
die Sille festgewurzelt, daß. wenn eilt Ritter, Junker u. bergt, 
von dem Richter der Friedensstörung, Brandstiftung oder ähn 
licher Verbrechen schuldig befunden sei, dieser Edelmann, bevor 
er die Todesstrafe erlitte, zur Büßung seiner Schmach einen 
Hund tragen müsse. Dieser Sitte entsprechend zwang der 
Kaiser den Pfalzgrafen Hermann als Friedensstörer nebst zehn 
seiner Genossen, gleichfalls Grafen, Hunde eine deutsche Meile 
weit zu tragen. Auch fügt unser Gewährsmann die Bemerkung 
hinzu, es hätten sich diesseits der Alpen im deutschen Reich 
alle vor solchem Urteilsspruch gefürchtet. Der Vollzug dieses 
von Friedrich Barbarossa ausgesprochenen Strafurteils ist aber
        
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