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Periodical volume 24. Januar 1891, No. 17

Full text: Der Bär Issue 17.1891

Heinrich Schliemann •J*. 
Von Ririiavd George. 
(Mit Abbildung.) 
„Schliemann steht jetzt im achtundsechzigsten Lebensjahre, 
aber seine nimmer feiernde Regsamkeit und Unternehmungslust 
zeigt nicht die leiseste Spur des Alters. So werden wir noch 
manche schöne Bereicherung der Wissenschaft von ihm erwarten 
dürfen und hoffentlich noch seinem Spaten die Aufdeckung des 
Mittel- und Ausgangspunktes der großen heroischen Blütezeit 
Griechenlands, der doch wohl auf Kreta, im Reiche des 
Minos, zu suchen sein wird, verdanken können." 
Diese hoffnungsvollen Worte schrieb Dr. Karl Schuch 
hardt in seinem Werke „Schliemanns Ausgrabungen in Troja, 
Tiryns, Mykenä, Orchomcnos, Jthaka, im Lichte der heutigen 
Wissenschaft dargestellt", und nun ist kaum ein Jahr verflossen, 
und der unermüdliche Forscher, dessen Name für immer mit 
der Altertumskunde der heroischen 
Zeit verknüpft ist, hat am 26. De 
zember 1890 die Reise in jenes 
Land angetreten, ans dem es keine 
Wiederkehr giebt. 
Die Lebensschicksale Heinrich 
Schliemanns sind so wunder 
bare, daß sie fast wie eine Er 
zählung aus Tausend und einer 
Nacht klingen. Am 6. Januar 
1822 erblickte er zu Neu-Buckow 
in Mecklenburg das Licht der Welt. 
Wie so viele große Männer unseres 
Vaterlandes wurde er in einem 
evangelischen Pfarrhause geboren. 
Von Jugend an zeigte er die größte 
Begeisterung für die Honlerische 
Sagenwelt, welche ihm bis zum 
letzten Atemzuge treu geblieben ist. 
Der Vater war sein erster Lehrer; 
1838 wurde er nach Neustrelitz 
auf das Gymnasium gebracht, das 
er jedoch bald mit der dortigen 
Realschule vertauschen mußte, da 
traurige Familienverhältniffe ihm die Gelehrtenlaufbahn un 
möglich machten. So finden wir ihn 1836 in einem Kram 
laden in Fürstenberg, wo er das Kaufmannsfach erlernen 
soll. Dort war der künftige Altertumsforscher den ganzen 
Tag mit den niedrigsten Verrichtungen beschäftigt, verkaufte 
Heringe und Käse und kredenzte trunkenen Müllersknechlen 
Schnaps. Eine Verletzung am Fuße zwang ihn zum 
Verlassen seiner Stelle. In bitterster Armut pilgerte er 
nach Hamburg, ließ sich dort, krank und gebrochen, fast 
der Verzweiflung nah, auf ein nach Venezuela bestimmtes 
Schiff als Schiffsjunge anwerben, litt jedoch an der holländi 
schen Insel Texel Schiffbruch und sah sich unter den größten 
Entbehrungen genötigt, in Amsterdam eine kleine Büreaustelle 
anzunehmen. Diese ließ ihm Zeit, seiner Begeisterung für das 
Studium fremder Sprachen, die fast an Leidenschaft grenzte, 
sich hinzugeben. Wo er sich immer befinden mochte, stets hatte 
er seine Vokabelhefte und Sprachbücher bei sich, und die Er 
folge, die er durch eisernen Fleiß, nimmer rastenden Feuer 
eifer und eine ganz eigenartige Methode erzielte, sind geradezu 
wunderbar. In sechs Monaten sprach und schrieb er fließend 
englisch, die gleiche Zeit genügte für das Französische; das 
Holländische, Spanische, Italienische und Portugiesische erlernte 
er in je sechs Wochen. 
Die Firma Schröder.& Comp, in Amsterdam, bei welcher 
er als Buchhalter und Korrespondent thätig war, halte viele 
Beziehungen zu Rußland, und dieser Umstand legte ihm den 
Gedanken nahe, auch russisch zu lernen. In kurzer Zeit hatte 
er sich, obwohl ihm nur ganz primitive Hilfsmittel zu Gebote 
standen, auch diese schwierige Sprache angeeignet, wodurch 
seine Chefs veranlaßt . wurden, ihn 184(5 als Agenten nach 
St. Petersburg zu senden. Noch in demselben Jahre machte 
er sich in der russischen Hauptstadt selbständig und gelangte in 
wenigen Jahren zu einem fast märchenhaften Reichtum. Großer 
Unternehmungsgeist, eiserner Fleiß, vor allem aber auch Glück 
sind die Ursachen des letzteren gewesen. Wie sehr ihn das Glück 
bei seinen kaufmännischen Unter 
nehmungen begünstigte, dafür er 
zählt er selbst uns mannigfache 
Beispiele. Im Jahre 1854 lagerten 
für ihn bei Meyer & Comp, in 
Memel Waren im Betrage von 
450 000 Mk., was damals mir 
seinem ganzen Vermögen identisch 
war. Da brach am 4. Oktober ein 
großes Feuer aus, das fast die 
ganze Stadt in Asche legte und 
mit ihr die massiven Speicher von 
Meyer & Comp. Gerade während 
des Brandes traf Schliemann in 
Memel ein und dachte natürlich, 
sein ganzes Vermögen sei in 
Flammen aufgegangen. Es stellte 
sich jedoch heraus, daß gerade 
seine Waren wegen Ueberfüllung 
des eigentlichen Speichers in einein 
hölzernen Schllppeir an der Nord 
seite der Stadt untergebracht 
waren, der gänzlich vom Feuer 
verschont blieb. Dasselbe Glück 
halte Schliemann bei seinen übrigen kaufmännischen Unter- 
nehmtingcn, und schon 1863 konnte er sein Kaufmannsgeschäft 
ganz aufgeben. Er Halle in den letzten Jahren jede freie 
Mnute benutzt, um nach einander neugriechisch, altgriechisch 
und lateinisch mit seinem Feuereifer zu studieren und ließ sich 
nun in Paris nieder, um sich ganz der Archäologie 511 widmen. 
Schon 1858 hatte er den europäischen Kontinent, Syrien, 
Ägypten und vor allem Griechenland bereist; 1864 unternahm 
er eine Reise um die Welt. Vier Jahre später ging er nach 
Jthaka, um alle von Homer genannten Oertlichkeiten in Augen 
schein zu nehmen, sodann nach dem Peloponnes, namentlich 
nach Argos und Mykenä und zum Schluß nach Kleinasien. 
In dem Hügel von Hissarlik erkannte er schon damals mit 
Bestimmtheit den Sitz der alten Jlios, während man bisher 
den Hügel Bunarbaschi in der Ebene von Troja dafür gehalten 
hatte. Als litterarische Frucht seiner Reise schenkte er der 
gelehrten Welt das Werk: „Ithaque, le Peloponnese et la 
pleine de Troie," welches ihm die Doktorwürde der Universität 
Rostock einbrachte. 
ijexntrtrij gMjlicmnmt.
        
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