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Periodical volume 24. Januar 1891, No. 17

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Morkusko. 
Ein romantischer Sang vom Spreewald. 
Von Grvcrld Müller. 
VIII. Gesang. 
Längst gebrochen ist der Bann des Winters, 
Und der Lenz in seinen tausend Wonnen 
Hält mit Sonnenglanz, mit Sang und Düften 
Wieder seinen Einzug in den Spreewald. 
Rings der Wald, noch jüngst ein Bild des Todes, 
Lebt und webt von Kähnen jetzt und Menschen. 
„Dich, o Winter, treiben wir von hinnen, 
Und wir holen dich, o Sommer wieder!" 
Drauf der Steine Ziel wird die Morzana. 
Wähnt ein jeder doch, der sie nicht fehlte, 
Daß der Tod dies Jahr noch seiner schone. 
Auf dem Rückweg brechen sie des Sommers 
Erste Zeichen, safliggrüne Zweige, 
Von den Uferbäumen und Gebüschen, 
Und der Priester weiht der Spree Gewässer. 
In die neuen Fluten taucht der Wende 
Seinen Nachen nun, durchstreift die Wildnis, 
Denürnal bcv gtdjladjt lloi Dcnriervih. 
Aufgenommen vom Touristenklub für die Mark Brandenburg am 27. April 1880, dem Tage der feierlichen Ausstellung zweier Geschütze. 
Wenn der Lenz des Flusses Eis zerbrochen, 
Und der Kiebitz ruhelos und schreiend 
Ob der Brutstatt flattert in dem Moore, 
Dann nicht länger hält's daheim den Wenden 
In dem engen, dumpfen Blockgebäude. 
Feierlich, im komisch-ernsten Aufzug 
Führt zur Grenze nach dem Totenfelde 
Man Morzanas*) wundersames Bildnis. 
Eine Strohgestalt mit Hemd und Schleier, 
In der Hand die Sichel, die gekrümmte, 
Wird im vollen Lauf von einer starken 
Dirne aus dem Dorfe fortgetragen. 
Mit Gesang begleitet sie die Menge: 
*) Morzana — TodeSgöttin. Sie wurde durch feierliche Opfer und 
Umzüge verehrt, damit sie den Menschen nicht einen plötzlichen und früh 
zeitigen Tod sende. Diese Ceremonie heißt sonst das TodauStreiben. 
Stellt den Fischen Schlinge. Netz und Hamen 
Oder eilt, den Acker zu bestellen. 
Mit dem Lenz' auch kehrte neues Leben 
Wieder ein im Krllg „Zur Rieseneiche"; 
Weckten doch der Sonne Strahlengluten 
Nicht allein die Blüten auf den Fluren, 
Sondern auch den Durst der Männerkehlen. 
Nur Morkusko kargte mit Besuchen. 
Ob ihni auch bewußt, wieviel des Dankes 
Liza er für seine Rettung schulde: 
Ein unsagbar heimlich Grauen faßte 
Ihn in ihrer Nähe. Und zugleich doch 
Hielt ein still Verlangen ihn im Banne, 
Sie zu schauen und bei ihr zu weilen. 
Oft gewahrt' er auch, wie ihre Blicke
        
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