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Periodical volume 10. Januar 1891, No. 15

Full text: Der Bär Issue 17.1891

<ä 189 — 
nächsten Abend war sie wieder der niibestrittene Liebling des 
Publikums. 
Der bereits erwähnte Justizkoininissarius Marchand — 
Grillparzer nennt ihn einen Mann, „wie man ihn auch an 
der Donau nicht herzlicher finde" —, der im Verein mit 
seiner trefflichen Frau den Fremdling mit Fürsorge überhäufte, 
führte ihn auch in die Weinhandlung von Lutter & Wegener. 
Der phantastische Hoffmann, der seine Abende dort zugebracht, 
war kürzlich gestorben, und so saßen seine Zechbrüder, deren 
Mittelpunkt er gewesen, still und vereinzelt. Endlich kam 
Ludwig Devrient. Als 
ihm Grillparzer vorge 
stellt wurde, benahm er 
sich wie geistesabwesend, 
lind auf dessen Frage, 
wo er wohne, sah er. ihn 
an, als über die Zu 
mutung erstaunt, daß er 
wissen solle, wo er wohne. 
Da das Königliche Schau 
spielhaus eben im Bau 
begriffen war, sah ihn 
Grillparzer nicht auf der 
Bühne. 
Ueber die öffentlichen 
Gebäude in Berlin sagt 
er, sie hätten beim ersten 
Anblick ctivas höchst Jm- 
posanies, verlören aber 
bei näherer Betrachtung, 
teils durch eine gewisse 
Ueberladuug an Ver 
zierungen, teils durch die 
Art, wie die Säulen an 
gebracht seien, die alle, 
ohne stark hervortretende 
Substruktion, vom ersten 
Stockwerke an in die 
Höhe stiegen, was einen 
nnnatürlicheu Eindruck 
mache, da die Säule, 
ihrer Natur nach eine 
Stütze und nicht ein 
müßiges Beiwerk, aus 
dem Boden ruhen solle. 
Allerdings kann man der 
gleichen Säulenstellungen 
an älteren Gebäuden Berlins, wie namentlich an den Por 
talen des Schlosses und der Universität, noch heute sehen. 
Grillparzers Urteil über Berlin und die Berliner wird 
zunehmend günstiger, je länger er dort ist, .und er stellt dabei 
interessante Vergleichungen mit Wien, seiiter so geliebten 
Vaterstadt, an, die nicht selten zum Vorteil Berlins ausfallen. 
„Diese Stadl", schreibt er. „gefällt mir immer besser, je 
länger ich mich darin aufhalle; das ist schon ein gutes 
Zeichen. Wien dürfte auf manchen leicht die entgegengesetzte 
Wirkung hervorbringen. Alles hat hier einen Anstrich von 
Großartigkeit, Geistigkeit und Liberalität, der einem armen 
Teitfel von Oestreicher schon des Kontrastes wegen wohl thut." 
Auch die Berliner gefallen ihm; er findet sie angenehmer, 
als er sie sich vorgestellt hatte. „Ein hoher Grad von Gut 
mütigkeit ist hier nicht seltener, als in Wien", sagte er, „nur 
die Art sich auzuküiidigen ist verschieden. Der Oestreicher 
scheint im Auslande leicht ein Tölpel, der Preuße ein Groß 
sprecher; zu Hause sind beide etwas anderes, wenn sie gleich 
einen kleinen Beigeschmack davoit behalten mögen'. Wenn die 
christlichen Einwohner beider Städte verschieden sind, so gleichen 
sich dagegen die Juden auf ein Haar. Bei Mendelssohn — 
Vater von Felix Mendelssohn — gewesen. Er ein tüchtiger 
Mann, besser als die 
Wiener Jilde», Madame 
und die liebe Familie 
aber nach den Arnsteins, 
Perairas, Herz u. s. w. 
copierl, oder vielmehr 
jene nach diesen." 
Auch die politischen 
Zustände Preußens unter 
Friedrich Wilhelnt III. 
erscheinen ihm den öster 
reichischen wett vorzu 
ziehen. „Wie bald diese 
Preußen ihre Consti- 
tutionslust verloren ha 
ben!" ruft er ans. „Sie 
vergöttern ihren König, 
als ob sie alles erhalten 
hätten, was sie im Jahre 
1816 so heiß zu wünschen 
schienen. Man muß aber 
auch zugeben, daß die 
hiesige Regierung, wenn 
sie einmal im wesentlichen 
nichts aufgeben will, sich 
in Bezug auf das Zu 
fällige musterhaft be 
nimmt , und Oestreich 
könnte und sollte sich da 
ran ein Beispiel nehmen. 
Eine Beengung des ein 
zelnen ist hier nirgends 
sichtbar, Kunst u. Wissen 
schaft sind frei, und man 
müßte weit gehen, wenn 
inan sich an den gezogenen 
Schranken irgend ver 
letzend stoßen sollte. Der Geist hat auf so vielen Seiten freie 
Bahn, daß er am Ende die einzige verschlossene, die politische, 
kaum noch vermißt." 
Wahrlich ein hohes Lob, namentlich von seiten eines 
Stockoestreichers, wie es Grillparzer war. 
Aus seinen Aeußerungen darf man entnehmen, daß Grill 
parzer der Gedanke, Wien mit Berlin zu vertauschen, damals 
nicht ganz fern gelegen hat. Doch trägt die angeborene Liebe 
zu Oestreich und dessen Hauptstadt den Sieg über solche An 
wandlungen davon. „So sehr mir Berlin gefiel", schreibt er, 
„hätte es mir Wien doch nicht ersetzen können. Abgerechnet 
die Schönheit der Natur rings um die östreichische Kaiserstadt, 
i 
llttmmlbcv* Grund. 
Jllustrationöprobe aus „De Säcksche Schweiz" von Erwin Bormann und den Dealern 
E. Schulz und M. Zocher. Verlag von C. Jacobsen in Leipzig.
        
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