Unter Mitwirkung
Dr. R- Kerirrguior, F. Sudozirs, Tlieodov Fontane, Stadtrat G. Friedet,
Gyinnasialdirektor Dr. M. Srt)»oaet; und (ütm|l von Mitdendructz
herausgegeben von
Oskar KetzweKet und Kans KrorrdirKo.
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2?. Dezember
1880.
Wrn neues Deschkechi.
Roman aus der Zeit der Befreiungskriege von Hermann von Dedeiiratlz.
(Fortsetzung.)
Mlielen, der Major und Otto hatten sich erhoben. Keiner von
ihnen hätte in dem elegant gekleideten Herrn, der wie ein
behäbiger Landwirt aussah und sich als Oekonom Palen vor
stellte, einen Spion der Polizei vermutet. Das gutmütige
Antlitz hatte etwas Bieder-Treuherziges, eher Phlegmatisch-Harm-
loses als den Ausdruck boshafter Schlauheit. „Das ist ein
glücklicher Treffer," sagte er, sich tief vor Dielen verneigend,
„Ihr Herr Vater wollte mit mir nichts abmachen, ehe er Sie
gesprochen, ich möchte nämlich das Gut pachten; er wußte nicht,
ivo Sie zu finden seien, Sie waren schon früh fortgeritten."
„Ich traf einen alten Jugendfreund und Kameraden,"
versetzte Dielen, auf Otto deutend, „und Sie sehen, daß wir
beim Plaudern und beim Wein die Zeit vergessen."
„Herr v. Braun! — ich weiß!" sagte Würst, sich vor
Otto verneigend. „Ich habe gehört, daß Sie und Ihr Herr
Vater hier ein Asyl gefunden. Nicht jeder wagt es, wie Graf
Dielen, ehrenwerten Patrioten die Hand zu reichen. Es sind
böse Zeiten" — die Stimme Würsts sank bei diesen Worten
zum Gefliister herab — „man darf nirgend reden, wie es
einem ums Herz ist, überall horchen Spione. Aber es wird
anders werden, so Gott will, bald."
„Haben Sie darüber besondere Nachrichten?" fragte Dielen,
der bemerkte, daß der Major seine Ueberraschung über solche
Sprache nicht zu verbergen verstand. „Sie können hier dreist
reden, wir gehören nicht zu denen, die nur auf die schlechten
Zeiten schimpfen, um andere auszuhorchen. Wir fügen uns
dem Schicksal, aber man hört gern etwas Tröstliches."
„Ich wüßte so manches. Daß Oesterreich rüstet, wird
Ihnen bekannt sein, aber in Preußen ist auch alles vorbereitet,
ja, sogar hier regt sich der Volksgeist. Doch Sie verstellen
sich nur, Sie haben Recht, man darf keinem trauen. Sie
wissen es sicherlich, daß Agenten einen Aufstand vorbereiten.
War nicht ein Herr v. Hirschfeld hier?"
Die Frage kam so plötzlich, daß der Major und Otto
erschraken. Dielen, der gewandter in der Verstellung war, be
eilte sich, dieselbe Frage an beide Brauns zu richten. „Ich
glaube," sagte er auf Würst deutend, „wir können dem Herrn
vertrauen. Haben Sie etwas von Baron Hirschfeld gehört?
Er soll sich hier in der Gegend aufhalten."
„Der Name war mir früher unbekannt," nahm Otto, der
bemerkte, daß der Blick Würsts ihn fixierte, das Wort, „aber
ich hörte neulich, daß die Polizei auf einen Herrn v. Hirsch-
feld fahnde."
„Unmöglich," rief Dielen. „Baron Hirschfeld war stets
ein Ehrenmann, der hat nichts mit der Polizei zu thun."
„Sie vergessen," entgegnete Würst, „daß Patriotismus
heute ein Verbrechen ist. Man will uns zu Franzosen machen,
wir sollen unseren heiligsten Gefühlen entsagen, der Druck der
Tprannei wird unerträglich."
„Lassen wir lieber alle politischen Gespräche," nahm Dielen
das Wort. „Welches Gebot haben Sie meinem Vater ge
macht?"
„Dazu ist es noch nicht gekommen," antwortete Würst,
den es sehr zu verstimmen schien, daß Dielen das Thema
änderte. „Es waren zunächst andere Fragen zu erörtern, be
sonders was die von der Herrschaft Wedehleu verpfändeten
Ländereien betrifft. Das Fideikommiß soll aufgehoben werden.
Der älteste Sohn des Grafen Wedehlen wird steckbrieflich von
den Kreaturen des Kaisers Napoleon verfolgt. Der Herr Graf
Dielen wollte erst Ihre Ansicht über den Pfandvertrag hören,
der alsdann gelöst werden müßte."
„Mein Vater mag schalten, wie es ihm beliebt," antwortete