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Periodical volume 20. Dezember 1890, No. 12

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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sich andernfalls unter einander bekämpfen und inzwischen der 
Reiher enlflieht. Wenn Falke und Reiher leben bleiben oder 
nur der letztere getötet ist, pflegt man dem Falken eine junge 
Taube zu gebe», damit er von seinem Raube abläßt. Bis- 
weileit kommen zwei Reiher zusammen, manchmal nur einer, 
unter Umständen gar keiner. Es ist Sitte, daß, sobald der 
Reiher erblickt wird, Trompeten ertönen und daß itach dem 
ersten Angriff des Falken noch dazu die Pauken geschlagen 
werden, indem man beobachtet hat, daß dieses wirre Gelöne 
der kriegerischen Instrumente den Vögeln Mut und Kraft ver 
leiht, allch macht es die Zuschauer aufmerksam und rege, welche 
sich während des Wartens mit Spielen beschäftigen. 
Das andere Lustschloß in dem ich war, heißt, wie ich 
schon oben bemerkt habe, Kaput. Es ist zivar klein aber sehr 
gefällig und reich ausgestattet mit schönen Gemälden und einer 
prächtigen und umfangreichen Porzellan-Galerie. Eine andere 
ähnliche aber größere Galerie besitzt der Kurfürst in Oranien 
burg, welche auf 200000 scudi geschätzt wird und Stücke 
von großer Seltenheit enthält. Das Porzellan ist heute ein 
Hausgerät zum täglichen Gebrauch, man benutzt es in den 
Zimmern wie das Silberzeug. Ein Berliner Maler macht 
Tassen und Vasen in der Art wie Porzellait, aber von Holz 
mit einer dem Vorbild gleichkommenden Feinheit und giebt 
ihnen die Farbe des chinesischen Steinguts oder Porzellans. 
Diese Gefäße sind von solcher Stärke, daß sie dem Feuer 
ividerftehen und auch nicht zerbreche», wenn sie ans den Boden 
fallen. Die Herstellungsart ist ein Geheimnis des Verfertigers 
und man sagte mir, daß der Lack aus Quecksilber und krystalli 
sierten! Arsenik hergestellt würde, so daß sich die Arbeiter vor 
dem Einatmen der giftigen Dämpfe sehr in Acht nehmen 
müßten. 
Außer diesen Lustschlössern iii Potsdam, Kaput und 
Oranienburg besitzt der Kurfürst noch manche andere, wie 
Köpenick, Spandau und viele kleinere, welche er besucht, um 
dort zu Mittag oder zu Abend zu speisen. 
In den Gärten dieser Schlösser bemerkte ich viele Statuen, 
Spaliere, Wasserkünste, Blumen und Früchte aller Art, sie 
haben „parterres“ nach französischer Mode, sowie schöne 
Alleen und Wege. Man sollte nicht glauben, daß in Deutsch 
land viele Früchte wachsen, aber auf der Tafel des Kurfürsten 
gab es stets portugiesische Pomeranzen und andere gewöhnlichere, 
ferner Zitronen zum Auspressen oder zur Ausschmückung und 
Verzierung der Schüsseln, so daß man vergessen konnte, daß 
man in Deutschland und nicht in Italien war. 
Die beiden Günstlinge des Kurfürsten, welche am Branden 
burgischen Hofe herrschen, sind der Herr von Colb für die 
innere Verwaltung, welcher, obwohl er Oberst-Kämmerer ist. 
die Tochter eines Kammer-Adjutanten geheiratet hat. und der 
Kammerpräsident von Dankelmanu für die äußeren Angelegen 
heiten, dessen Bruder Kommissar für die Kriegsangelegenheiten 
ist. Die Dankelmanns sind sehr verhaßt, da sie alle Geschäfte 
führen und der Kurfürst dem Kammerpräsidenten alles an 
vertraut. Außerdem ist der General Hamei*) der Bruder des 
Kavaliers eine sehr beliebte Persönlichkeit." 
Nachdem Bichi Nuspoli sich über die Einrichtungen des 
Johanniter-Ordens, welche ihm als Malteser Ritter besonders 
*) Der Gras du Hamel starb 1704 als Venetianischer Generalisiimus 
in Morea. 
interessant waren, eingehend ausgelassen hat, fährt er zum 
Schluß folgendermaßen fort: 
„Man begegnet in Brandenburg, vorzugsweise am Hofe, 
einigen Kavalieren, welche auf der Brust ein goldenes acht 
eckiges Kreuz tragen, welches blau cmallicrt ist und in der 
Milte einen Diamanten hat. Dieses Abzeichen wird vom 
Kurfürsten nur seinen vertrautesten und begünstigten Kavaliere» 
verliehen und gewährt Anspruch auf eine Renke.*) 
Am Mittwoch, dem 23. Mai, Vormittags, reiste ich mit 
dem Signore Ferdinando zusammen nach Berlin zurück, nach 
dem ich mich von den Kurfürstlichen Hoheiten verabschiedet 
hatte, welche mir beide große Ehre erwiesen hatten. Der 
Hof begab sich an demselben Margen nach einem anderen Lust 
schloß. Ich lernte auch in Berlin den ausgezeichneten Waffen 
schmied Hernaut aus Piemont kennen, welcher außer seinen 
Arbeiten an Pistolen und Flintenläufen dieselben mit Figuren, 
ganzen Geschichten und anderen Darstellungen in Basreliefs 
verzierte und der die Kunst des Ziehens von Eisen und Stahl 
zur höchsten Vollkommenheit gebracht hat. **s Er verfertigt auch 
facettierte Knöpfe von Stahl für Leibröcke so sauber und 
glänzend, daß sie Diamanten gleichen. Er ist der Erfinder 
dieser Kunst gewesen und obwohl man Versuche gemacht hat, 
diese Facetten anderswo nachzumachen, so konnten sie doch 
nirgends in solcher Vollkommenheit dargestellt werden, da er 
ein besonderes Verfahren für die Reinigung und Glättung des 
Stahles hat, der daun durch die Härtung besonders widerstands 
fähig gemacht wird. Ich sah dort auch eine kürzlich von 
einigen Venezianern angelegte Glasfabrik, wo Krystallglas in 
großer Vollkommenheit hergestellt wird, welches in Bezug auf 
seine Feinheit dem venezianischen nahe kommt. Die Materialien 
für die Herstellung werden sämtlich in der Nähe der Stadt ge- 
funden. Man sieht in Berlin sehr eigentümliche Formen von 
Kabriolets, indem ein jeder seinen Nachbar durch Erfindung 
größerer Bequemlichkeiten zu überbieten sucht. Einige dieser 
Wagen sind wirklich vorzüglich aber nur für diese sehr ebene 
Gegend geeignet, da sie für eine andere zu schwer sein würden. 
Die Brandenburger haben die Erfindung gemacht, daß eine 
Schnur au einer Schraube unter der Doppeldeichsel befestig! 
wird und gewisse Lederflügel von einem Eisendraht über der 
Deichsel gehalten werden, welche dazu bestimmt sind, den 
Straßenkot abzuhalten, damit er weder den Wagenkasten noch 
die Insassen beschmutzt. Ferner haben sie nach ihrer Angabe 
die Erfindung des Magazins gemacht, das ist ein großer Leder 
kasten vorne zwischen den Deichselstangen befestigt, in dem inan 
das Silberzeug oder die Briefschaften aufbewahren kann. Als 
Kissen benutzen sie eine Mairatze, eine sehr nützliche Ein 
richtung, welche halb als Sitz und halb als Rückenlehne 
dient, abends aber in den Gasthäusern dazu benutzt wird, um 
darauf zu schlafen. Diese Kabriolets, welche allgemein „berline“ 
genannt werden, sind zwei- und viersitzig eingerichtet.***) 
Nachdem unser Reisender noch einige politische Verwicklungen 
*) Der Orden de la Generosite wurde von dem damaligen Prinzen 
Friedrich in Gemeinschaft mit seinem ältern Bruder Karl Aemil 1667 zu 
Halberstadt gestiftet, und dann später durch Friedrich den Großen durch den 
Orden pour le merite ersetzt. 
**) Auch dieser Kunsthandwerker wird bei Nicolai nicht erwähnt. 
***) Nach Nicolai ist der Brandenburgische Gcneral-Quartiermeister und 
Oberster Philipp von Chieze der Erfinder dieser „Berlinen", deren erste er 
sich für eine Reise nach Frankreich bauen ließ.
        
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