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Periodical volume 13. Dezember 1890, No. 11

Full text: Der Bär Issue 17.1891

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Durch den Wald und durch die Fluren sprengte, 
Dann verzehrt sein Herz sich stumm vor Qualen 
Heißer Sehnsucht nach der Jungfrau Anblick, 
Bis ihm mit dem Licht des neuen Tages 
Neu des stillen Glückes Sonne leuchtet. 
Oft auch mischt sich zart in seine Lieder 
Leis der Edeljungsrau milde Stimme, 
Wenn sie Wort und Weise schnell erfaßte. 
Und in solchem Jneinanderweben 
Süßer, seligtrunkner Melodien 
Knüpft die Liebe stille Zauberbande, 
Die die Sehnsucht täglich enger festigt. 
Schauernd-süßer Traum der ersten Liebe! 
Wie die junge Erde ruht im Märzen, 
Halb noch schlummermüd' und frostgefesselt, 
Halb schon wach und frei durch Frühlingsahnen, 
Also in der Brust, der bang bewegten, 
Ruhst auch du noch halb im Bann des Zweifels 
Und umschattet von der Sorge Fittich, 
Halb voll Ahnung in dem Frührotscheine 
Großen, unaussprechlich großen Glückes! 
In den Herzen weckst du süße Schauer, 
Rufst ins Dasein wunderfremde Wonnen. 
Und wie unter Sturm und Sonnengluten — 
Ohne daß sie wüßte, wie's geschehen — 
Diese Welt ersteht zum Frühlingsprangen 
Und aus -Quellen selig weint und jauchzend 
Singt aus tausend süßen Vogelkehlen, 
So erwachst auch du in Glut und Stürmen 
Wonnezitternd, alle Schranken brechend, 
Und dn wirst der Lenz des Menschenherzens, 
Wirst des Lebens unvergeßner Frühling, 
Schauernd-süßer Traum der ersten Liebe! — 
Ueberdacht von einem Strauch Hollunders, 
Führt ein Pförtlein durch des Schlosses Mauer 
Nach dem Landungsplätze, wo der Kähne 
Lange Reihe, in der Bucht geborgen, 
Leicht sich auf den Wellen wiegt und schaukelt. 
Sieh! Trudeska schrecket durch die Pforte, 
Schreitet einsam nach dem Strand hinunter, 
Wählt der Nachen zierlichsten und kleinsten, 
Den die Kunst gehöhlt aus einem Baumstamm 
Und in Schwanenform geschickt gestaltet. 
In das Boot setzt sie den Fuß behutsam. 
Läßt sich auf dem Rudersitze nieder 
Und versinkt in tiefes, stilles Träumen. 
Hinterm Walde ging die Sonne scheiden; 
Ilnd die roten Rosen, die der Abend 
In die leichten Wolkenflocken streute, 
Bleichen schon gemach; indes von Morgen, 
Hold umkränzt mit lichten Silberschleiern, 
Still der Mond durchschwebt die Sternengasse. 
Hoch am Himmel hängt der Blick der Jungfrau 
Schwer und sinnend; dann zur Flut hinunter 
Taucht er still — und aus dem blauen Auge 
Fällt ein Tropfen brennend heiß hernieder, 
Und ein Seufzen aus bewegtem Busen 
Ringt geheim sich los von ihrer Lippe. 
„Unerreichbar, ach, gleich diesem Himmel 
Ueber mir und tief im Flutenschoße, 
Dünkt mich er, der stolze, schöne Jüngling. 
Seit dem Tag, da ich zuerst ihn schaute, 
Weicht er nimmer mir aus Herz und Auge. 
All mein Dasein ist mir ganz verwandelt, 
Ist nur noch ein Traum, ein wonnebanger. 
Unrast jagt mich durch der Burg Gemächer; 
Nie mir schien ihr Glanz so fahl und nichtig. 
Seit ein neuer Glanz in meinem Busen 
Wunderbar und zaubrisch aufgegangen. 
Wie verlang' ich jetzt nach Dir, o Mutter, 
Die ich nie gekannt, Du Teure, Gute, 
Dir mein süß Geheimnis zu vertrauen! 
Wem vertraut ein liebend Herz sich eher? — 
Und so trag' ich trauernd meine Wonne, 
Meine Sehnsucht nach dem holden Jüngling. 
Doch mir will das Wort den Dienst versagen. 
Und fast zitternd möcht ich vor ihm fliehen, 
Naht er mir. Und er? Scheint er nicht selber 
Wie von Zaubermacht geheim gefangen? 
Warum hängt sein Blick an meinem fragend. 
Wenn er singend rührt die goldnen Saiten? 
Was verschließt auch ihm den Mund zur Rede, 
Wenn allein wir bei einander stehen 
Oder einsam reiten durch die Fluren? 
Zieht auch ihn ein nie geahntes Sehnen 
Hin zu mir? — O daß ein Tag doch nahte. 
Der dies Bangen mir, die Qualen heilte! 
Hör', o Siba*), hör' der Jungfrau Flehen, 
Oder laß mich sterben, selig sterben 
In dem bangen Rausch der wonn'gen Qualen!" 
Weiter träumend streift sie wie im Spiele 
Mit der weißen Hand die wannen Wellen. 
Sieh! Da trägt die Flut in ihre Finger 
Eine frische, weiße Wasserrose. 
Sinnend ruht ihr Auge auf der Blume, 
Dran im Mondlicht Wasserperlen glitzern. 
Welcher Zufall hieß sie ihr sich nahen? 
Welche Hand hat sie gepflückt? Wer sandte 
Sie den Strom hinab als stumme Botin? 
Wär's er selber, wär's vielleicht Morkusko? — 
Wie von unbestimmter Macht bezwungen, 
Treibt die Jungfrau aus der Bucht den Nachen. 
Leise gleitet er stromaufwärts weiter 
Auf den Wellen, welche Kühlung atmen. 
Jetzt am hauchbewegten Schilf vorüber, 
Jetzt an Büschen, die den Pfad umdüstern, 
Schwebt das Fahrzeug. Sieht Da hemmen große. 
Kreisgeformte Blätter auf den Wassern 
Mehr und mehr des leichten Nachens Fortgang; 
Und zur Seite hin auf schmalem Flußpfad 
Schwimmen Wasserrosen auf den Wellen. 
Dorthin durch das Netz der Wasserpflanzen 
Drängt Trudeska mühsam ihren Nachen. 
Das vom Siunpf erfaßte Steuerruder 
Will noch kaum dem schwachen Arm gehorchen- 
') Siba — Güttin der Liebe.
        
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